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Stress mit dem Theater
Polit-Streit macht Theaterleute obdachlos

Vier vom sechsköpfigen Korso-op-Kollektiv von links: vorne Eva Behr und Nina Schopka, stehend Gregor Wickert und Grigory Shklyar.
Vier vom sechsköpfigen Korso-op-Kollektiv von links: vorne Eva Behr und Nina Schopka, stehend Gregor Wickert und Grigory Shklyar. FOTO: rup
Saarbrücken. Blockiert das Innenministerium die Kulturnutzung des Saarbrücker Pingusson-Baus? Die erste Produktion des Korso-Kollektivs steht jetzt auf der Kippe. Von Cathrin Elss-Seringhaus
Cathrin Elss-Seringhaus

Wenn zwei sich streiten, gehen andere über die Wupper. So könnte man das nennen, was sich derzeit rund um das neue Saarbrücker Theaterkollektiv Korso-op abspielt. Deren erste Produktion steckt zwischen den Zuständigkeits-Machthebeln zweier Ministerien fest – es sind, wie im Falle des Grabenkrieges um die Grundschule Besch, wieder das Innen- (CDU) und das Kultusministerium (SPD).



Diesmal geht es um den leerstehenden Pingusson-Bau, für den die Hochbau- und Liegenschaftsabteilung im Innen- und Bauministerium von Klaus Bouillon zuständig ist. Zugleich fühlt sich der Kultur- und Denkmalschutz-Minister dazu verpflichtet, den sanierungsbedürftigen Bau im öffentlichen Bewusstsein zu halten, als kulturell bespielten Ort. Bei der Landeskunstausstellung lief das prima, bei den „Rotationen“ während des „Colors of Pop“-Festivals ebenfalls. Und nun sollte auch die erste Korso-op-Produktion „BabylonPogo“ dort stattfinden, wurde eigens auf den Raum zugeschnitten. Zu Zweidritteln, mit 50 000 Euro, wird das Projekt durch das Ulrich-Commercon-Ministerium gefördert. Denn die Korso-op-Leute  sind urban, sie sind wagemutig, sie sind als freies Profi-Theaterkollektiv einzigartig im Saarland – ganz nach dem Geschmack des Kultusministers. Bis Freitagabend  lief alles rund. Die Uraufführung sollte am 2. Dezember sein. Doch nun steht nicht nur dieses Start-Projekt auf der Kippe, sondern auch das Vertrauen der freien Theaterleute in die Verlässlichkeit hiesiger Kulturpolitik.

Denn jetzt sind die Korso-op-Leute obdachlos. Am Freitagabend erfuhr das Kollektiv, dass  der Pingusson-Bau doch nicht zur Verfügung gestellt werden könne. Ohne detaillierte Begründung. Dies, obwohl aus Sicht der Korso-op-Leute bei zwei Begehungen im Oktober alle sicherheitstechnischen Bedenken und Brandschutz-Probleme der Liegenschaftsabteilung ausgeräumt werden konnten. Vertreter zweier Ministerien hätten teilgenommen. „Ihr könnt die Flyer drucken, hieß es“, erzählt Nina Schopka. Auch, dass das Kultusministerium, von dem sie sich insgesamt extrem  engagiert unterstützt sieht, von Beginn an Zuversicht und Optimismus verbreitet habe, nachdem erste Pläne, andere Räume in Saarbrücken zu finden, etwa das C&A-Gebäude, gescheitert seien: „Der Pingusson-Bau geht immer, hat man uns gesagt.“

Der Satz muss wohl umformuliert werden: Der Pingusson-Bau geht nimmer. SZ-Recherchen ergaben, dass durch Korso-op ein grundsätzlicher Konflikt auf den Tisch kam. Das Bauministerium hat erhebliche Bedenken gegenüber einer dauerhaften kulturellen Zwischennutzung für das Haus: Nach der Räumung des Gebäudes sei entschieden worden, „dass nur in absoluten Ausnahmefällen eine Nutzung des Gebäudes durch Landesdienststellen zugelassen wird.“ So argumentiert der Abteilungsleiter Hochbau und Liegenschaften, Daniel Kempf in einem Schreiben. Gegenüber der SZ legt er dar, dass, wolle man eine Immer-wieder-Bespielung während der Leerstandszeit, dafür eine andere Regelung gefunden werden müsse. Das Kultusministerium solle zurück zur Gesamtverantwortung für das Haus, dies erspare langwierige Abstimmungsrunden.

Doch just diese Lösung stößt dort auf Ablehnung: Man habe sich in der Landesregierung darauf geeinigt, die Expertise im Bauministerium zu bündeln. Das riecht nach langwierigen Verhandlungen. Zwischenzeitlich  scheinen  weitere Veranstaltungen  im Pingusson-Bau unmöglich. Denn die Bauabteilung hat das Kultusministerium in einem Schreiben aktenkundig davor gewarnt: Das Saarland trage die Betreiberverantwortung, „womit auch ein unkalkulierbares Haftungsrisiko beim Land verbleibe“. Aus „fachlicher Sicht“ rate das Innenministerium dem Kultusministerium deshalb davon ab, in die Haftung zu gehen. Das hat man nun  schriftlich. Erstmals, wie Oliver Suhr (Kultus) der SZ erläutert und um  Verständnis dafür wirbt, dass man, anders als bei früheren Veranstaltungen,  diesmal bei Korso-op nicht mehr eine Nutzungsvereinbarung (mit Haftungsübernahme) unterschreiben könne. Man erwarte vom Bauministerium als Fachbehörde in Sachen Korso-op  ein lösungsorientiertes, konstruktives Vorgehen.



Korso-op läuft allerdings die Zeit weg. Sie vertrauen nicht mehr der Politik, sondern den Bürgern, starten einen Hilferuf, suchen eine neue Halle in Saarbrücken als Spielort: idealerweise heizbar, circa 200 Quadratmeter groß, mit vier kleineren Büroräumen. Schopka: „Das Ding findet statt, wo auch immer!“ Bravo.