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Ein Hoch auf die Lyrik: Brueterich Press in Berlin
Poesieverrückte braucht es: Erwerbslyrik & Zombiebarock

Berlin. Bittere Armut gilt in Deutschland zwar als Poetenpflicht – Ulf Stolterfohts Berliner Kleinverlag „Brueterich Press“ hat sich dennoch einen Namen gemacht. Von Konstantin Ames

In Berlin die Werbetrommel für irgendetwas zu rühren, das gelingt beinahe nur noch mit sarkastischen Untertönen. Eine Magenbitterwerbung hat dieses nölende Hauptstädtische bereitwillig aufgegriffen: „Du bist individuell./ So wie jeder in Berlin.“ Auch an Verlagen mit poetischem Schwerpunkt, die diesem Hyperindividualismus gut ausgeleuchtete Foren bieten, hat es an der Spree keinen Mangel. Strategisches Jammern gehört dabei zum Geschäftsmodell genauso dazu wie das entnervende Jugendlichkeits- und Neuheitsversprechen.


Der Verlag von Ulf Stolterfoht ist da eine erfreuliche Ausnahme und wirbt nonchalant: „Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis? Dann ist es ein Brueterich Press!“ – Bereits kurz nach dem Verlagsstart mit bekannten Größen der Szene wie Marcel Beyer und Franz Josef Czernin hat sich Brueterich Press auch einen Namen als Entdeckerverlag für Erstübersetzungen von Gegenwartsdichtung gemacht. Aufhorchen ließen als erstes die „Lieder vom Pferd über Bord“, rabenschwarze Gedichte der Niederländerin Els Moors durch den Bürgerschreck Christian Filips.

Deren Verleger muss Lob in eigener Sache eher mühsam entlockt werden. Stolterfoht lässt lieber Taten für sich und sein Verlagskonzept sprechen. Er bleibt auf dem Teppich. Er lerne immer noch dazu. E-Books sollen eventuell den Papierdruck ergänzen. Der selbsternannte „Erwerbslyriker“ gehört zur kleinen Schar derjenigen Poesieverrückten, die ein vorgezogenes Erbteil investierten, um so diejenige Literatur publik machen zu können, die sie schmerzlich unterrepräsentiert sehen, sie wird gemeinhin als „experimentell“ bezeichnet. Womit allem Anschein nach auch ein Stigma verbunden ist, denn solche Literatur findet in den großen Verlagshäusern schlicht nicht mehr statt. Bittere Armut gilt in Deutschland sowieso als Poetenpflicht. Genau darauf bezieht sich auch das grell-ironische Verlagsmotto von der schwierigen Lyrik und dem hohen Preis. Ob er sich eine regelmäßige Verlagsförderung nach österreichischem Modell wünscht? Stolterfoht zögert kurz und verneint dann. Regelmäßige staatliche Finanzspritzen führten nur zu Bequemlichkeit.



Der Einmannverlag setzt auf ein Abonnentensystem und auf den vergleichsweise kostengünstigen Internet-Vertrieb. Dieses System hatte bereits im Fall der „Roughbooks“ des Kultverlegers Urs Engeler Erfolg. Ab einer Zahl von 250 Abonnenten wird auch Brueterich Press schwarze Zahlen schreiben; bei einer Erstauflage von 500 Stück pro Buch. Stolterfoht, gefragt wie er die Chancen einschätzt, lächelt optimistisch. Bis Herbst 2021 ist das Erscheinen weiterer Publikationen geplant. Derzeit hat man etwas mehr als 240 Abonnenten. Die Leserschaft wird namentlich (auf Wunsch anonym) verewigt. Ein Jahr nach Gründung des Einmannverlags waren gleich zwei Brueterich-Bücher auf der Liste der deutschsprachigen Lyrik-Empfehlungen zu finden: Die Übersetzung einer Auswahl der geschichtsphilosophisch ausgreifenden und an die Poetik des sozialistischen Realismus anschließenden Langgedichte von Andrew Duncan und der Gedichtband „Das Eine“ von Orsolya Kalász, der der Autorin zugleich den renommierten Peter-Huchel-Preis einbrachte, den einige Jahre zuvor Stolterfoht selbst für seine Stuttgart-Elegie „holzrauch über heslach“ (Urs Engeler Editor) erhielt. Kalász und Duncan waren waren hierzulande einer größeren Leserschaft gänzlich unbekannt.

Das Herbstprogramm 2017 von Brueterich Press wartete erstmals mit visueller Poesie auf. Unter dem ostentativ schlichten Titel „Gablenberger Tagblatt“ schiebt Mara Genschel allerhand lyrisches Pathos aufs Glatteis. Über weite Strecken fehlt jeder Fließtext, stattdessen beherrschen Überschriften und Fußnoten das Schriftbild. Genschel setzt ihr avanciertes Programm einer Textskelettierung fort und legt, nach „Cute Gedanken“ (Roughbooks), mit ihrem zweiten Buch in einem Jahr die absurd-komischste und zugleich intimste Piranha-Poesie seit Christian Morgensterns „Fisches Nachgesang“ vor.

Überhaupt gehören die beiden 2017er-Programme zu den bisher stärksten. Bereits im Sommer 2017 erschien das Hauptwerk des Mannheimer Autors Markus R. Weber, der an seinem grandiosen Gedankenbuch „vor augen“ gut zwei Jahrzehnte schrieb. Weber lässt dem Forscherfrust und Pionierstolz von Linné über die Gebrüder Wright bis Heisenberg in rasend schnellen, stark an Mündlichkeit angelehnten Satzkaskaden freien Lauf. Vor allem sticht aus dem Gesamtprogramm das Erinnerungsbuch „Seifensieder“ des Berliner Anarchopoeten Bert Papenfuß hervor. Papenfuß, Vertreter der Prenzlauer-Berg-Connection, ist Lyrik als bürgerliches Genre grundfremd, er lebt „Angewandte Schrunst für eingewiesene Ausgeweite“. Passend zum Inhalt ist das Buchcover im traditionellen Schwarz der Anarchisten gehalten: „In jeder Schlagzeile sind alle Salze gleich“, ein Nebeneinander von Hypermodernismus und archaisch-virilen Phantasien; „Keilschrift-Handschriften“ inklusive.

Der schönen Gepflogenheit, regelmäßig mit einem Band eine Dichterin oder einen Dichter in deutscher Erstübersetzung zu bringen, ist Stolterfoht auch mit dem Frühjahrsprogramm 2018 treu geblieben. Zur Leipziger Buchmesse erschien, Gastland war Rumänien, der von Ernest Wichner übersetzte Band mit Liebesbriefen an „Abgrunde“ in Gedichtform des exzentrischen Iulian Tănase, eines Bukarester Dichters mit offenbar beträchtlichem Coolnessfaktor, leider fehlt in dieser Publikation, anders als sonst, zur Übersetzung das Original.

Unter den Dichterverlegern ist Stolterfoht deshalb singulär, weil er ein gutes Gespür hat für Stimmen, die die Übertragung lohnen, aber auch wegen seiner Kontakte zu spannenden Gegenwartsstimmen im deutschen Sprachraum. Ulf Stolterfoht muss sich deshalb nicht auf das oft selbstgefällige Lyrikbiotop Berlin beschränken.