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Fotoschau in Homburg
Peter Piller versteht die Sprache des deutschen Eigenheims

Vielsagende Neubaugebiet-Idylle: In der Schau und dem Bildband „Von Erde schöner“ zeigt Peter Piller über 70 Bildpaare wie dieses. es sind Luftaufnahmen deutscher Eigenheime. Banale Bilder zeigen neu kombiniert interessante Muster auf, das Unscheinbare erhält eine neue Bedeutungsebene.
Vielsagende Neubaugebiet-Idylle: In der Schau und dem Bildband „Von Erde schöner“ zeigt Peter Piller über 70 Bildpaare wie dieses. es sind Luftaufnahmen deutscher Eigenheime. Banale Bilder zeigen neu kombiniert interessante Muster auf, das Unscheinbare erhält eine neue Bedeutungsebene. FOTO: Peter Piller
Homburg. Fotograf Peter Piller hat in den Hamburger Deichtorhallen und im Kunstmuseum Winterthur ausgestellt. Jetzt zieht es den renommierten Konzeptkünstler in ein kleines, ehemaliges Apartment in Homburg. Ein Abstieg? „Nein, ein Freundschaftsdienst für Bernd“, antwortet er. In Bernd Detsches „Art Book Saar“-Laden für internationale Kunstbücher in Homburg (Ringstraße 3), zeigt Piller zurzeit seine Werke aus dem Projekt „Von Erde Schöner“, sowie weitere Arbeiten. Von Marco Karp

Aus dem Labyrinth von übermannshohen, vollgestopften Regalen geht es dort eine Treppe hinauf in ein Apartment, das Detsch zur Galerie umfunktioniert hat. Überall liegen Bücher, auch auf der Treppe. Es riecht nach alten, kostbaren Schmökern. Als ich Peter Piller treffe, hängt er gerade seine Fotografien auf. Er sieht geschafft aus. „Mit 50 Jahren ist es nicht mehr so leicht. Ich habe heute bestimmt 150 Kniebeugen gemacht“, scherzt er. Hier in Homburg ist der Künstler auch Kurator.



Peter Piller aus Hamburg, St. Pauli-Fan und Professor für Grafik und Buchkunst in Leipzig, sammelt mit großer Leidenschaft alte Fotografien aus Zeitungen oder Archiven, ordnet sie nach einem bestimmten Thema und erschafft damit neue Kunstwerke. Die Frage nach den Bildrechten hat er schon erwartet: „Ja, ich bin ein Urheberrechtsverletzer. Ich kann aber nicht alle Rechte einholen.“ Er zeige die Fotos in anderen Zusammenhängen und durch diese Veränderung, die neue Gruppierung der Bilder entstehe ein neues Werk. Rechtlich sei er so auf der sicheren Seite.

Alles hat mit dem Nachlass einer Firma angefangen, die von 1979 bis 1983 Luftbildaufnahmen von Einfamilienhäusern machte, um sie an deren Besitzer zu verkaufen. „Damals war es schick, ein Luftbild seines eigenen Hauses zu besitzen. Google Earth gab’s ja noch nicht“, erklärt Piller. Aus diesem Nachlass hat er Foto-Gruppen gebildet, die Objekte kategorisiert: Häuser mit Pool oder geometrisch angeordneten Gehwegen; Männer, die vor ihren Bungalows stehen, ihre bunten Autos waschen; Häuser, neben Friedhöfen oder mit heruntergelassenen Rollläden (,,Schlafende Häuser“). Zu sehen sind 158 Prints, Kopien der originalen Negative aus diesem Luftbilder-Archiv.

Es ist das Unscheinbare, Alltägliche, das Piller interessiert. Er hat Fotos auch aus Regionalzeitungen gesammelt. Aber warum? „Es waren genau die Fotos, die ich machen wollte als junger Fotograf.“ Bilder von leeren, ungenutzten, undefinierten Räumen. „Das kennt man doch: Irgendwo wird ein neues Gebäude gebaut und meistens gucken sich das dann alte, männliche Lokalpolitiker an. Zu sehen ist aber noch nichts.“

Auf weiteren Zeitungsfotos schlecken Frauen verführerisch an einer Kugel Eis. „Hat das nicht auch etwas Pornografisches?“, fragt Piller. Tatsächlich. Ja. Ohne Kontext, ohne Bildunterschriften können solche Interpretationen entstehen. Und das macht die Auswahl und Neu-Zusammenstellung so interessant. Aus der ostdeutschen Armeerundschau hat Piller Fotos aus den 60er, 70er und 80er Jahren genommen: Sie zeigen Waffen und Frauenkörper. Neu kombiniert machen sie Waffen geradezu sexy. Auf einem anderen Foto legt eine Frau ihren Finger auf den Mund und schaut dem Betrachter direkt in die Augen. Hier blickt sie von einem Bild, in der Realität von einem Lastwagen. Werbung für Lebensmittel? Werbung für Kosmetik? Man weiß es nicht ohne den Original-Kontext der Aufnahme zu kennen – und das ist gerade das Spannende.



Inspiration, neue Anregungen gewinnt der Künstler auf seinen Spaziergängen, die mindestens zwei Stunden dauern. Auch in Homburg ist er durch die Nachbarschaft gestreift, hat sich die Vorgärten betrachtet. Er zückt sein Handy aus der Hostentasche und wischt nach links: „Guck, der hier. Besonders hässlich.“ Es geht ihm nicht darum Menschen und ihre Sachen vorzuführen, sondern um die Frage „Wie gestaltet der Mensch und was sagt das über seine Ästhetik aus?“

Pillers Kunst besteht darin, alltägliche, banale Bilder aus ihrem Kontext zu reißen und ihnen neue Konnotationen zu geben. Das ist kurzweilig, manchmal komisch und regt zum Denken an. Es zeigt: Realität hat immer einen Rahmen.

Die Ausstellung läuft bis 30. November. Geöffnet: freitags von 15 bis 20 Uhr, Sa/So jeweils von 12 bis 18 Uhr.

Aus Peter Pillers Bildband ,,Von Erde schöner"
Aus Peter Pillers Bildband ,,Von Erde schöner" FOTO: Peter Piller