| 20:06 Uhr

Theater
Pathos, Trash, Botschaftslastigkeit

Gruppenbild mit Strapsen: Szene mit Oliver Urbanski, Christiane Motter, Michael Wischniowski und Anne Rieckhof (v.l.).
Gruppenbild mit Strapsen: Szene mit Oliver Urbanski, Christiane Motter, Michael Wischniowski und Anne Rieckhof (v.l.). FOTO: Foto: Martin Kaufhold / Martin Kaufhold/SST
Saarbrücken. Mit der durchwachsenen Uraufführung von Thorsten Köhlers „Der große Preis“ startet die Sparte 4 in die Saison.

Der Weltraum. Unendliche Weiten. Wir schreiben ein Jahr in der Zukunft, die Europäische Union ist zerfallen. Dies sind die Abenteuer der Raumsonde Lena-Meyer-Landrut, die mit ihrer vier Personen (den verbliebenen Mitgliedstaaten) starken Besatzung unterwegs ist, dem Jupitermond Europa mit Schlagern des Eurovision Song Contest ein bisschen Frieden zu schenken: Unite, Unite Europe!, lautet die Mission.



Mit einem ähnlichen Prolog in memoriam Raumschiff Enterprise beginnt das musikalische szenische Stimmungsbild „Der Große Preis – Songs für Europa“, das am Freitag als erste Premiere der Sparte4 seine Uraufführung erlebte. Tatsächlich wühlt Thorsten Köhler, verantwortlich für Konzept, Regie und Kostüme, lustvoll im einschlägigen cineastischen Science Fiction-Kanon und schwelgt formal wie inhaltlich in Reminiszensen an „Raumschiff Orion“, „Star Trek“, „Dark Star“ oder „Verschollen im Weltraum“ – Pathos, Trash, Botschaftslastigkeit.

Dystopie braucht Utopie: Um die Moral auf ihrem Trip aufrecht zu erhalten, beschwört die Crew mittels Schnulzen von 1958 bis heute (Arrangements: Jan Kersjes) eine vor Naivität nur so triefende heile Welt. Gegengeschnitten sind Zitate von Kulturschaffenden, Politikern, Wissenschaftlern und Philosophen, die den europäischen Gedanken von Demokratie, Solidarität und Teilhabe und damit auch den angeblich unpolitischen Charakter des Liederwettstreits hinterfragen. Ja, ein Lied kann eine Brücke sein, nicht nur zwischen Menschen und Ländern, zwischen Vergangenheit und Zukunft: Visuell fusionieren Science Fiction und Schlager-Kitsch im Bühnenbild (Justus Saretz), einer weiß-pink flitternden Künstlergarderobe als Kommandozentrale, in der sich die singenden Schauspieler wie Wesen vom anderen Stern tummeln.

Von galaktischer Strahlkraft ist der parodistische Abend anfangs jedoch weit entfernt. Er startet bemüht, schleppend, plakativ und klischeehaft: Italien (Michael Wischniowski) ist triebgesteuert, Deutschland (Anne Rieckhof) kommt als pumperlgesund-dralles Landliebe-Mädel daher, Christiane Motter muss als (h)eis(s)kalte Verführerin Frankreich mit verrucht dunkler Stimme hauchen. Dass die Lieder als ironischer Kommentar und zugleich als Vehikel dienen, die Beziehung der Bordmitglieder untereinander zu illustrieren, birgt allerdings reichlich Entwicklungspotenzial, weil sich zunehmend Brüche auftun (Dramaturgie: Bettina Schuster-Gäb). Anne Rieckhof etwa ist erfrischend komisch, wenn sie Verlegenheit ausspielt und als Deutschland zunehmend auf Verteidigungs- und Rechtfertigungskurs gerät.

Gleich auf mehreren Ebenen überzeugt Oliver Urbanski: Er begleitet als musikalischer Leiter live vom Keyboard aus und gibt dazu einen Commander Brüssel, der in seinem verzweifelten diplomatischen Bemühen um Einheit erst leise nach Liebe schluchzt, um dann zynisch auszuflippen. Unterm Strich aber blieb es bei einer durchwachsenen Sparte 4-Uraufführung.



Weitere Vorstellungen am 28.9., 3., 7. und 10.10. sowie am 2.12. Karten unter Tel. (06 81) 30 92 486.