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Kurator und Museumsleiter Okwui Enwezor tot

München. (dpa/SZ) Sieben Jahre lang stand Okwui Enwezor an der Spitze des renommierten Münchner Hauses der Kunst. Sein Abschied 2018 war unrühmlich. Jetzt ist der Nigerianer im Alter von 55 Jahren gestorben.

2018 hatte er seine Krebserkrankung öffentlich gemacht. Im „Spiegel“ hatte er damals zugleich gesagt, er habe das Gefühl gehabt, in München nicht mehr erwünscht gewesen zu sein.


Der Nigerianer hatte das Haus der Kunst 2011 übernommen. Zuvor hatte er 2002 als erster Nicht-Europäer die documenta 11 in Kassel kuratiert und 2015 dann auch die 56. Biennale von Venedig. Beide Male brachte er postkoloniale Perspektiven ein. „In München gemacht, für die Welt gedacht“ – das wurde sein Motto als Kopf des Hauses der Kunst. Enwezor stand für internationale Kooperationen und globale Themen. Er warb für einen unverkrampften Umgang mit der Institution, die von Hitler persönlich 1937 als „Haus der deutschen Kunst“ eröffnet wurde und mit den Großen Deutschen Kunstausstellungen zum Symbol der Gleichschaltung der Kunst in der NS-Zeit wurde. „Es ist schließlich nur ein Gebäude und ein Gebäude muss man nicht überinterpretieren“, sagte er zum 75-jährigen Bestehen des Hauses 2012. Er wollte das Haus „entmystifizieren“. Für eine viel beachtete Ausstellung öffnete er die historischen Archive. Für internationales Aufsehen sorgte seine Ausstellung „Postwar“ über die ersten 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg.

„Ich trete zu einem Zeitpunkt zurück, an dem das Haus der Kunst eine künstlerische Position der Stärke erreicht hat“, sagte Enwezor 2018. Turbulente Zeiten lagen hinter ihm. Massive Geldprobleme, die Nähe von Angestellten zu Scientology und Fälle sexueller Belästigung sorgten für Schlagzeilen. Zuletzt hatte der Aufsichtsrat Enwezor einen kaufmännischen Geschäftsführer an die Seite gestellt. Vergangene Woche eröffnete eine letzte von ihm kuratierte Schau im Haus der Kunst: eine Retrospektive des ghanaischen Künstlers El Anatsui.