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Reinhard Mey feiert Geburtstag
Noch immer kein alter Sack

Berlin. Der Liedermacher Reinhard Mey wird heute 75. Gerade ist sein 27. Album „Mr. Lee“ erschienen.

(kna) Was, jetzt schon?“ Schon als er 50 Jahre alt wurde, hat sich Reinhard Mey ein Geburtstagslied geschrieben und ironisch-melancholisch Rückblick gehalten. „Splittert jetzt hier und da der Lack/ Bin ich jetzt auch so‘n alter Sack“, fragt der Liedermacher. Und wendet sich dann gegen vorherrschende Altersbilder: „Doch ob man alt ist oder nicht/ Steht nicht auf Hintern und Gesicht/ Und deren Falten mit den Jahren./ Mancher ist schon als Kind senil/ Und junge Greise kenn‘ ich viel.“


Heute wird der Berliner 75 Jahre alt. Und seit Ende September steht er wieder im Rampenlicht. Nach dreijähriger Pause ist Reinhard Mey wieder auf Konzertreise, in Saarbrücken spielte er im September. 2018 gibt es Auftritte in Österreich. Er wirkt immer noch drahtig, das volle weiße Haar ist sportlich geschnitten.

Mey will als kritischer Liedermacher der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Und das mit beißender spöttischer Ironie – etwa bei der „Schlacht am kalten Buffet“ oder mit leiser Melancholie wie in der Ballade „Kaspar“ über Kaspar Hauser. Meist herrschen die leiseren Töne vor.



Seine Titel sind stark vom französischen Chanson beeinflusst. Mey stand für Pazifismus ( „Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“), für das Infragestellen von Autoritäten, für den Tierschutz. Für manche der 68er allerdings wirkte er – im Vergleich etwa mit Hannes Wader oder Konstantin Wecker – zu weich gespült, zu gefühlig. „Nichtssagender Schnurren­erzähler“ oder „Heintje für geistig Höhergestellte“, nannten ihn hämische Kritiker. Doch seine Fans blieben ihm immer treu.

Immer wieder hat Mey auch sein Innerstes ausgebreitet, Privates, Liebeslieder, Alltägliches, Witziges wie Weinerliches. „Ich habe Euch mein Leben in meinen Liedern erzählt. Ihr wisst alles von mir“, schrieb er auf seiner Homepage. Wer seine Platten kennt und seine Konzerte besucht hat, kennt das Leben des Mannes mit Nickelbrille, Dreitagebart und Kurzhaarfrisur schon gut.

So erzählt er, dass er in Berlin geboren wurde „als die letzten Bomben fielen“, dass er in der Schule „ein faules Stück“ war und nach dem französischen Abitur zur Musik kam „wie die Jungfrau zum Kind“. Er „wollte wie Orpheus singen“ – sein erstes Chanson, das 1964 erschien. Und er schenkte seine Lieder den „Mädchen in den Schenken“ oder „Annabelle“ oder „Christine“.

Den Durchbruch brachte ihm 1971 der Song „Der Mörder ist immer der Gärtner“. Mehr als 500 Lieder umfasst das Werk des Frankophilen (die Franzosen kennen ihn als Frédéric Mey), der damit zu den produktivsten Liedermachern Deutschlands gehört. Zwischen 1967 und 2016 hat Mey 60 Alben herausgebracht. Mehr als fünf Millionen Tonträger hat er verkauft – am bekanntesten dürften wohl der Titel „Gute Nacht, Freunde“ von 1972 und sein Evergreen „Über den Wolken“ von 1974 sein. Mit letzterem verband der begeisterte Flieger eine besondere Geschichte: 1989 hatte er nach langjährigen Anfragen endlich von den DDR-Behörden die Erlaubnis erhalten, einmal in Dresden zu singen. Nach seiner Anreise am 7. November 1989 wurde ihm untersagt, „Über den Wolken“ zu singen, denn die darin besungene  „grenzenlose Freiheit“ war nicht erwünscht. Die Aufzeichnung des Konzerts fand am 11. November 1989 statt. Der Mauerfall am 9. November machte es dann möglich, sowohl „Über den Wolken“ als auch „Gute Nacht, Freunde“ vorzutragen. Beide handeln von Freiheit.

„Das Leben hat mich mit Geschenken überhäuft, mit Glück und Liebe überschüttet und, wie um Gleichgewicht und Gerechtigkeit wiederherzustellen, auch mit dem größten Schmerz“, schrieb Mey auf seiner Internetseite. Gemeint war Sohn Maximilian, der seit 2009 nach einer Lungenentzündung im Wachkoma lag und der 2014 im Alter von 32 Jahren starb. Ihm hat er das Lied „Drachenblut“ gewidmet: „Hast dein Licht an beiden Seiten angezündet, nun ringt es flackernd um seinen Schein, mein fernes, mein geliebtes Kind, schlaf ein.“