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Korngold-Oper am Saarbrücker Theater
Auf dem Grat zwischen Wahn und Trauer

Gespenster der Vergangenheit: Michael Siemon („Paul“) und Pauliina Linnosaari („Marietta“) in der Neu-Inszenierung der „Toten Stadt“ in Saarbrücken. Premiere ist kommenden Samstag.
Gespenster der Vergangenheit: Michael Siemon („Paul“) und Pauliina Linnosaari („Marietta“) in der Neu-Inszenierung der „Toten Stadt“ in Saarbrücken. Premiere ist kommenden Samstag. FOTO: ANDREA KREMPER
Saarbrücken. Tenor Michael Siemon singt die zentrale Partie in „Die tote Stadt“ am Staatstheater. Premiere: 6. Oktober. Von Oliver Schwambach
Oliver Schwambach

Korngold ist Hollywood. War Hollywood, müsste man korrekter sagen, damals, als es noch nach richtig großem Kino klang. Für „Ein rastloses Leben“ und „Robin Hood“ bekam Erich Wolfgang Korngold gleich zwei Mal den Filmmusik-Oscar (1937 und ’38). Und mit nicht mal Mitte 20 legte er eine Oper hin, in der schon alles drinsteckte: ein spätromantisches, zugleich auch brennend modernes Meisterwerk, düster, abgründig, aber auch voll praller Melodienlust und Duettschwelgen; „Glück, das mir verblieb“ ziert denn auch jede bessere Operngala.


Zum Glück auch sind die Zeiten passé, als „Die tote Stadt“, der frühe Wurf Korngolds (1897-1957), aber auch der Komponist selbst vielen kein Begriff mehr war. Sein Dreiakter steht vermehrt wieder auf den Spielplänen. Auch das Saarbrücker Theater bringt das Psychodram nun als Neuproduktion. Und das bannt so, wie es fordert, so groß orchestriert und rhythmisch kühn komponierte Korngold – in allerdings aufdringlicher Finesse. Ein „sehr dichtes“ Werk, das sich eben darum nicht leicht einstudiert, meint Tenor Michael Siemon. Er singt die Partie des „Paul“, Dreh- und Angelpunkt der musikalischen Seelenschau. Er habe jedenfalls „höchsten Respekt vor dem Korrepetitor“, vor dem, was sein Sparringspartner am Klavier da an Noten- und Vorzeichenfülle alles bewältigen muss, meint der 39-Jährige. Doch auch für den Sänger bedeutet das Höchstleistung. Denn „Paul“ ist eine komplexe Figur, ein Mann, der seine Frau Marie verlor, sich deshalb einmauert, der Wirklichkeit abhanden kommt. Bis Tänzerin Marietta auftaucht. Er erträumt sich in ihr eine zweite Marie, sie will ihn in ein neues Leben zerren. Doch könnte auch das nur ein Trugbild sein. Auf Messers Schneide zwischen Trauer und Sehnsucht nach neuer Liebe agiert Paul am Rande des Nervenzusammenbruchs. Schafft einen dieser emotionale Drahtseilakt nicht? Da habe man es als Sänger vielleicht besser denn als Schauspieler, der sich mit Haut und Haaren in so eine Rolle werfe, meint Siemon. Auch wenn es ohne Einfühlung nicht geht, brauche er „doch Abstand. Mir hilft das Handwerk als Sänger, es kommt vieles schon aus der Musik.“

Für ihn ist es jetzt nicht nur sein Debüt in dieser Rolle am Staatstheater, es ist auch eine Rückkehr ins Saarland. Von 2000 an hat Michael Siemon an der Saarbrücker Musikhochschule studiert. Damals war er auch häufig im Theater nebenan. Und dachte schon mal: Wie es wohl wäre, dort oben auf der Bühne zu stehen? Heute guckt er von der anderen Seite darauf, freut sich, diese „enorm fordernde Partie“ gerade hier singen zu dürfen.



Solche Herausforderungen vertraut man ihm mittlerweile aber gerne an. Siemons Karriereweg weist klar aufwärts. Im Mai vorigen Jahres sang er erstmals den „Lohengrin“. Bald wird er auch als „Tannhäuser“ debütieren. Nach zwei Festengagements genießt er es nun, seinen Zeitplan und die Rollen selbst bestimmen zu können. Dabei hat, man staunt, auch die Operette ihren Stammplatz in seinem Terminkalender. „Ich genieße diese Freiheit, abzuwechseln“, sagt er, nach Wagners Schwanenritter mal als „Dr. Siedler“ im „Weißen Rössl“ Salzkammergut-Lustigkeit zu singen. Nun aber geht’s erstmal in die „Tote Stadt“. Der Mann kurvt wirklich auf einer Achterbahn der Gefühle.

Premiere: Samstag, 6. Oktober, 19.30 Uhr, Saarländisches Staatstheater. Karten unter Tel. (06 81) 309 24 86.