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Neue lyrische Prosa von Natascha Denner
Unter Klopapier-Bedürftigen erhält die Zeitung neuen Sinn

Saarbrücken. Natascha Denners „Schau, Schneee“ im Künstlerhaus. Von David Lemm

„Das war heftig!“, kommentierte Jörg W. Gronius die 50-minütige Lesung der Debütantin Natascha Denner. Er lektorierte den in der Topicana-Reihe des VS Saar erschienenen jüngsten Band, aus dem Denner am Montag im Künstlerhaus las. Gronius stellte gleich vorweg klar, dass es sich bei den augenfälligen drei „e“ im Titel „Schau Schneee“ eben nicht um einen Druckfehler handelt. Vielmehr sei das Tripel des häufigsten Vokals im Deutschen ein Hinweis auf die schneereichen Winter im sibirischen Tomsk – Natascha Denners Geburtsort, wo sie bis zu ihrem 17. Lebensjahr aufwuchs und in den langen Wintern die russischen Klassiker von Tolstoi, Puschkin und auch die Shakespeare-Übersetzung von Pasternak verschlang. Trotz ihres Literatur-Faibles schloss sie nach ihrer Übersiedlung nach Deutschland und dem Abitur zunächst ein Jura-Studium in Saarbrücken ab. Den Mut fürs Schreiben fand sie erst in der Fremde. Nach eigenen Worten, weil sie sich damit beruhigen konnte, dass sie als Ausländerin sowieso nur schlecht schreiben könne.


Dass ihr der Vorsatz, schlecht zu schreiben, gänzlich misslungen ist, davon legte ihre Lesung ein beredtes Zeugnis ab. Im ersten Text „Getränkeautomat“ katapultiert Denner die zahlreichen Besucher mitten in die sowjetische Trostlosigkeit, in der das auf dem Fabrikgebäude angebrachte Zitat „Friede der Welt“ beim Morgenappell der indoktrinierten Kinder zur hohlen Phrase verkommt. Überhaupt sind es die omnipräsenten und vom System auferlegten Zwänge, die die Genossen immer wieder dazu nötigen, sich am Volkseigentum zu vergreifen. Auch im folgenden Text thematisiert Denner, mit russischen Einsprengseln versehen, den entbehrungsreichen sowjetischen Alltag: „Draußen sinkt der Schnee dicht und großflockig. Eisblumen in rätselhaften Wäldern erfroren.“ Drinnen stellt die Familie aus Pappmaché – „Gibt es Pappmachéschnee?“ – Klopapier her. Aus den vom Staat „mit links“ in die Briefkästen der klopapierbedürftigen Bevölkerung geworfenen Zeitungen „Trud“ („Arbeit“) und „Prawda“ („Wahrheit“).

Denner wartet in ihren (am besten als lyrische Prosa zu beschreibenden) Texten mit feinem Witz auf, der keineswegs ironisch ist, sondern sich aus ihrer beeindruckenden Beobachtungsgabe und der eigentümlichen Verschränkung deutscher und russischer Momente speist, die gekonnt semantische Leerstellen ausfüllen. Die aufs Papier gebrachten Erinnerungsabdrücke finden sich nicht nur im Sowjet-„Schneee“; sie reichen bis zur „Dönerbudendämmerung“ in Kreuzberg und ins Saarbrücker „Bingert“, wo die „Jahre verfallen“ wie beim „Hineingehen“ in einen Sternschuppen. Denner erweckt nicht nur Schnapstote aus dem Schnee, sondern lässt die deutsche Sprache neu klingen, was das gelungene Buch-Layout augenfällig unterstreicht.