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Musikfestival Colmar
Musikfestival Colmar feiert die Tastenlöwen

Schon lange ziemlich beste Freunde: Pianist Jewgenij Kissin (r.) und Festspielchef und Dirigent Wladimir Spivakow (l.) 1995.
Schon lange ziemlich beste Freunde: Pianist Jewgenij Kissin (r.) und Festspielchef und Dirigent Wladimir Spivakow (l.) 1995. FOTO: Musikfestival Colmar
Colmar. Vom 4. bis zum 14. Juli widmet sich der Musiksommer im Elsass Jewgenij Kissin und seinen Kollegen. Von Oliver Schwambach
Oliver Schwambach

Wessen Aufnahmen würden Sie mitnehmen, müssten Sie auf die berühmte einsame Insel? Und dazu noch diese Einschränkung: Es dürfen bloß Einspielungen eines einzigen Pianisten sein. Vielleicht die der argentinischen Diva Martha Argerich, jene des großen Grigori Sokolow oder vielleicht Jew­genij Kissins Aufnahmen? So gesehen wird Colmar nun zur Insel der Glückseligen, denn beim Musikfestival treten dort vom 4. bis zum 14. Juli gleich alle drei auf – und noch einige mehr. Eine wahre Tastenbeflügelung.


Im Zentrum aber steht der russische Piano-Großmeister und Weltbürger Kissin, der neben der russischen auch die britische und israelische Staatsbürgerschaft besitzt. Festivalchef Wladimir Spivakow lädt Jahr für Jahr einen großen Solisten, Komponisten oder Dirigenten ins Elsass ein, dem sich der Musiksommer dann widmet. Der Star-Pianist spielt gleich zur Eröffnung ein Recital (4. Juli) mit Chopin-Nocturnes und Skrjabins Sonate Nr. 4. Am 9. Juli präsentiert sich der 47-Jährige dann kammermusikalisch mit Kollegen und am 13. Juli im großen Maßstab mit Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 2. Begleitet wird er von der Russischen Nationalphilharmonie unter der Leitung Spivakows.

Die reichliche Klassikwoche im pittoresken Colmar hätte aber ebenso gut eine Hommage an Martha Argerich werden können, der „großen Rätselhaften des Musikbetriebs“, wie sie ein Kritiker mal nannte. Verehrt ob ihres Tastentemperaments, gefürchtet ob ihrer häufigen Absagen. Doch, toi, toi, toi, gleich zwei Konzerte, am 5. und am 6. Juli, will la Martha spielten. Letzteres zusammen mit Ausnahme-Cellist Mischa Maisky. Etwas Zeit sollte man sich für Grigori Sokolow am Abend des 12. Juli mitbringen; der grandiose Pianist ist auch bekannt für seine Ausdauer am Flügel. Die Reihe der bedeutenden Pianisten ist in Colmar damit noch nicht zu Ende. Auch Hélène Mercier (5. Juli) und Seong-Jin Cho (8. Juli) sind zu Gast. Und Alexander Malofeew wird Griegs Klavierkonzert spielen. Elf Tage – ein einziger Pianorausch. 

Man könnte eine Reise nach Colmar aber auch als Einstimmung für den November-Auftritt der Musikfestspiele Saar in Verdun nehmen. Denn am 11. November werden Spivakow und die Russische Nationalphilharmonie gemeinsam mit dem Festivalchor der Saar-Festspiele anlässlich des Endes des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren in der Kathedrale der vom Krieg so geschundenen Stadt konzertieren. Eine bemerkenswerte Zusammenarbeit der beiden Festivals, im besten Sinne grenzüberschreitend.