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Dieter Thomas Heck gestorben
Der letzte Schlager der alten Bundesrepublik

So gesetzt wie die Messe am Sonntag war für viele Deutsche die „Hitparade“ mit Dieter Thomas Heck am Samstagabend davor.
So gesetzt wie die Messe am Sonntag war für viele Deutsche die „Hitparade“ mit Dieter Thomas Heck am Samstagabend davor. FOTO: dpa / Fotoreport
Saarbrücken. Mit „Hitparaden“-Moderator Dieter Thomas Heck ist auch ein Stück Bonner Republik gestorben. Nun fehlen die Gewissheiten. Von Oliver Schwambach
Oliver Schwambach

Manchmal lässt sich die Bedeutung eines Menschen auch daran ermessen, wie trügerisch die Erinnerung an ihn ist. Viele Deutsche, sofern alt genug, würden wohl  selbstverständlich behaupten, sie hätten jeden Samstagabend die ZDF-Hitparade gesehen. „Nach dem Bade Hitparade“ galt fast schon als Gesetz in den 70ern und 80ern. „Mit der wilden Frische von Limonen“ gesäubert, durfte man als Kind samstag­abends danach noch in die heile Schlager-Welt eintauchen, die Dieter Thomas Heck allerdings tatsächlich von 1969 bis 1984 nur 184 Mal moderierte, also rund einmal pro Monat.


Doch die Sendung und ihr Moderator, der jetzt im Alter von 80 Jahren gestorben ist, brannten sich ein, potenzierten sich quasi auf der deutschen Festplatte. Bis zu 20 Millionen schalteten zu, obwohl die Fernsehrepublik für wenige erst bunt und vor allem noch geteilt war. Heute schaffen der „Tatort“ und ein WM-Spiel bestenfalls vereint solchen Zuspruch. Die „Hitparade“ aber war so gesetzt wie der Gottesdienst am Sonntag danach – nur deutlich beliebter. Die Schlager-Messe las der Bildschirmgemeinde aber ausgerechnet ein gelernter Autoverkäufer (immerhin Borgward), der den öligen Charme seiner Branche auch beim Anpreisen der leichten Muse nie ganz ablegte. Seine Hemden waren meist einen Tick zu schrill, die Koteletten flauschig wie Flokatis und am Arm immer diese pfundschwere Goldkette. Angeblich ein Geschenk von Heino. Sowas wird man wohl nicht mehr los.

Hecks Stimme allerdings war die eine unter Millionen: sonor, markig, der Sound eines Bariton-Manns, der den „Hitparaden“-Abspann runterrattern konnte wie ein Nähmaschine. Und jede Betonung detonieren ließ wie ein Bömbchen: im „Zett-Dee-Eff“. Ja, das Fernsehen machte Dieter Thomas Heck zum Star, fürs Radio aber war er geboren. Dabei wurde seine Art des Temposprechens dem Flensburger nicht in die Wiege gelegt. Als Fünfjähriger überlebte er in Hamburg knapp einen Bombenangriff, wurde verschüttet, stotterte fortan. Was er aber mit viel lautem Zeitung lesen und einer Gesangausbildung kurierte. Hinter all dem Schlager-scha-la-la-la-la steckte tatsächlich enorm viel Fleiß, Arbeit und Karriere-Wille. Das hatte Carl-Dieter Heckscher, wie er eigentlich hieß, mit vielen der Wiederaufbau-Kindern gemein: er konnte ranklotzen. Aber dann auch den Erfolg feiern. Zigaretten und ein Bier zum Stimme ölen standen auch bei der „Hitparade“ in den Studios der Berliner Union-Film immer bereit.



Der Südwestfunk, Radio Luxemburg, diese Kaderschmiede für Radiotalente, und schließlich von 1966 an der Saarländische Rundfunk mit seiner damals einzigartigen „Europawelle“ waren die Stufen, auf denen Heck aufwärts eilte. In Saarbrücken entwickelte er mit Reimund Hesse die „Schlagerparade“, ein Quotenhit bereits im Funk. Das war dann auch die Blaupause für die „Hitparade“. Ja, der SR hätte die Fernsehvariante auch haben können, doch man zog nicht. So gingen Heck, der aber dem Saarbrücker Sender stets die Treue hielt, und Regisseur Truck Branss, der zuvor für den SR große Shows etwa mit Gilbert Bécaud gemacht hatte, zum ZDF. Und das Zweite wurde schnell zur Nummer eins in puncto Fernsehunterhaltung. Großes rauscht eben manchmal auch an den Kleinen vorbei.

Die damalige Skepsis auf dem Halberg hatte jedoch auch gute Gründe. Als Heck nämlich forsch den Schlager propagierte, war der eigentlich schon old school. Von Beat und Rock und rebellischen 68ern beiseite gefegt. „DTH“ hielt aber wenig von englischen Titeln. Er sang selbst auch aus Überzeugung Deutsch, wenn er immer mal wieder selbst einen halbherzigen Schlageranlauf nahm; doch das blieben – „Wirf noch ein Stück Holz ins Feuer“ – meist Kuriositäten auf Vinyl.

Doch Heck und Branss hatten damals auch das Gegengift für jene, denen der Rock zu wild und „ausländisch“, die Studenten zu links und langhaarig waren: den deutschen Schlager eben. Heck war dessen Königsmacher. Bekannt wurde man erst richtig in der „Hitparade“. Das war der Ritterschlag. Vor der Kamera aber war Heck zu allen demokratisch gleich galant. Selbst als die Neue Deutsche Welle in seine Show schwappte, die „Künstler“ plötzlich Frl. Menke oder Geier Sturzflug hießen, moderierte er sie mit derselben stoischen Freundlichkeit an.

Trotzdem mag man sich jetzt wundern, wie tief die Verbeugung vor dem Verstorbenen ausfällt. Letztlich war Dieter Thomas Heck ein fraglos äußerst populärer Fernsehmoderator, eloquent und schlagfertig. Nicht weniger – aber auch nicht mehr. Allerdings geht mit ihm einer der letzten, die noch das überschaubare Gefüge der Gesellschaft in der Bonner Republik verkörperte. Wo weithin Klarheit herrschte, sich große Politik in Ost und West teilte, in der kleinen die SPD noch links und die CDU so rechts war, dass keiner auf die Idee kam, eine AfD zu gründen.

Die alte BRD war ein Hort der Gewissheiten, in die man sich reinkuscheln konnte wie in ein Frotteetuch nach dem Samstagsbad. Vielleicht kratzten die, nervten die irgendwann auch mal wie ein Wollpullover, doch zumindest wusste man immer genau, warum man revoltieren wollte. Wo Heck dabei politisch stand, war keine Frage. Er ließ sich auch in den Wahlkampf der CDU einspannen. Die SPD hatte ja dank Willy Brandt die Intellektuellen auf ihrer Seite, Autoren wie Günter Grass. Da also die konservative Schlager-Union, dort die roten (Vor-)Denker: So konnte man die Bonner Republik auch aufteilen. Und Fernseh-Halbgötter à la Heck stifteten ihre Gemeinschaftserfahrungen, die man lieben oder auch hassen konnte. Aber man hatte auf jeden Fall eine Haltung dazu.

In die Trauer um Dieter Thomas Heck mischt sich so auch die Melancholie, dass die alte, kleine Bundesrepublik immer mehr verschwindet, sich auflöst. Ohne dass Ersatz in Sicht wäre. Zum Glück wiederholt das Zett-Dee-Eff ja wenigstens in seinen diversen Spartenkanälen die „Hitparade“ in einer Endlosschleife: „Fahr ab!“