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Besteller „Milch und Honig“
Mit schönen, wahren Worten wider das Patriarchat

Milch und Honig
Milch und Honig FOTO: Münchner Verlagsgruppe
Saarbrücken. Die 24-jährige Kanadierin Rupi Kaur legt in ihrem Gedichtband „Milch und Honig“ ein flammendes Bekenntnis zur Weiblichkeit ab. Von Isabel Sand

„Du steckst zwei Finger in mich hinein wie einen Pflug…“, schreibt Rupi Kaur in „Milch und Honig“. Die junge Frau polarisiert, schockiert und bricht Tabus nicht nur in ihrem Gedichtband. Bekannt wurde die 24-jährige Kanadierin mit indischen Wurzeln durch ihren Instagram-Account, in dem sie ein Foto mit Menstruationsblut postete. Das wurde umgehend entfernt, woraufhin Kaur es erneut einstellte, zusammen mit einem flammenden Bekenntnis zur Weiblichkeit, das die misogyne Grundeinstellung in den sozialen Medien und in unserer Gesellschaft anprangert. Kaum jemand störe sich an Bildern von halbnackten Frauen im Internet, doch wehe man zeige eine voll bekleidete Frau mit einem blutigen Fleck auf der Hose, so ihr Credo. Der sexualisierte Frauenkörper versus den Frauenkörper in seiner Ganzheit mit all seinen Funktionen. Nahezu 100 000 Menschen markierten ihren Beitrag mit „Gefällt mir“ – auf Instagram folgen ihr mittlerweile 1,3 Millionen Nutzer.



Man könnte Rupi Kaur Aufmerksamkeitshascherei unterstellen, wäre das Thema nicht so ernst und das Patriarchat nicht immer noch allgegenwärtig. Nein, es sind nicht die schönen Dinge, die die junge Frau aus Toronto für gewöhnlich anspricht. Auch nicht in ihrem Gedichtband „Milch und Honig“. Wochenlang war er in den USA auf der Bestseller-Liste der „New York Times“. Auf 204 Seiten geht es darin um Verlust, Traumata, Heilung und immer wieder um Liebe. Schwierige Themen, für die Kaur glasklare Worte findet, wie im ersten Kapitel „der schmerz“: „ich habe mit ihm geschlafen sagte sie/ aber ich weiß nicht/ wie sich das anfühlt/ wenn man liebt“.

Ebenso auffällig wie ihre klare Sprache ist der Verzicht auf jegliche Satzzeichen sowie die rigorose Kleinschreibung. Reime gibt es nicht. Die Schönheit ihrer Lyrik liegt dabei in ihrer Einfachheit. Komplexe Gefühle, Traumata, bittere Momente und Tabus – für alles scheint Kaur die richtigen Worte, den richtigen Ton zu finden. Unaufgeregt, ja fast nüchtern wirken die Zeilen, und doch schwingen so viele Emotionen mit.

„Milch und Honig“ ist in vier Kapitel aufgeteilt: der schmerz, die liebe, das zerbrechen, das heilen. In ihrem Verlauf macht das lyrische Ich eine Entwicklung durch. Es leidet, liebt, ist mal Betrogener, mal Betrüger, versinkt in Zweifeln, emanzipiert sich und gelangt schließlich zur Erkenntnis, dass nur Selbstliebe wahres Glück birgt: „du bist/ deine eigene/ seelengefährtin“ oder „verliebe dich/ in deine einsamkeit“. Selbst im bittersten Moment erkennt das Ich Süße, fasst den Schmerz in Worte und findet darin Trost. Wer sagt, dass Lyrik tot ist, den belehrt Rupi Kaur eines Besseren.

Das lyrische Ich breitet sein Seelenleben vor aller Welt aus, als kehre es sein Innerstes nach außen. Die dunkelsten Stunden zwischenmenschlicher Beziehungen werden in Worten erneut heraufbeschworen. Nicht selten hat der Leser dabei das Gefühl, eine voyeuristische Sicht einzunehmen, ist der Gedichtband doch voller autobiografischer Querverweise zur Autorin selbst. Schon der Bucheinband weist darauf hin: „dies ist der weg des/ überlebens durch poesie/ dies sind das blut der schweiß die tränen/ von einundzwanzig jahren/ dies ist mein herz/ in deinen händen…“.



„Milch und Honig“ erzählt die Geschichte einer Überlebenden, von Resignation keine Spur. Nicht zuletzt ist der Gedichtband eine berührende Hommage an die Weiblichkeit – nicht die sexualisierte, aus Männerfantasien geborene, sondern die, die um ihrer selbst Willen existiert.

Rupi Kaur: Milch und Honig. Münchner Verlagsgruppe, 204 S., 14,99 Euro.