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Kino
Mit Hasendraht nach Hollywood

Aus alten Monitoren und Paletten hat Filmausstatter Bernhard Henrich das Innere eines Raumschiffs für den Film „Pandorum“ (2009) erschaffen.
Aus alten Monitoren und Paletten hat Filmausstatter Bernhard Henrich das Innere eines Raumschiffs für den Film „Pandorum“ (2009) erschaffen. FOTO: Bernhard Henrich
Saarbrücken. Als Schaufenster-Dekorateur in Saarbrücken hat Bernhard Henrich angefangen. Heute baut er für Hollywood die Kulissen. Von Nina Drokur

„Man könnte doch mit Hasendraht...“ Diese Idee machte den Niederwürzbacher Bernhard Henrich zu dem, was er heute ist. Der Oscar-nominierte Filmausstatter hat in Hollywood schon mit den ganz Großen gearbeitet: Tom Hanks, Steven Spielberg, George Clooney. Angefangen hat er jedoch in Saarbrücken. Dort ist er jetzt wieder. In Jeans, wattierter Weste und mit grünen Turnschuhen steht er an einem verregneten Freitagabend in der Landesmedienanstalt und bereitet seinen Vortrag für den nächsten Tag vor. Um seine Arbeit als Set-Decorator, wie Filmemacher seinen Beruf nennen, geht es. Henrich ist für die Ausstattung und die Requisiten am Set, den Schauplätzen eines Films, verantwortlich. Von der Tapete bis zum Schreibtisch hat Henrich ein Konzept. Zusammen mit seinem Team von Requisiteuren beschafft er die nötigen Materialien. So wird aus ein paar alten Monitoren vom Schrottplatz und Paletten das Cockpit eines Raumschiffs im Science-Fiction-­Thriller „Pandorum“ (2009). „Wissen Sie was ein Set-Designer ist?“, eine Fangfrage gleich zu Beginn unseres Gesprächs. Was so wichtig klinge, seien nur die Bauzeichner des Films, klärt mich Henrich auf. Der Set-Decorator hingegen leite eine ganze Abteilung.



Wenn Henrich von seiner Arbeit erzählt, schwingen Leidenschaft und ungebremste Begeisterung mit. „Da kann ich Ihnen was zeigen“, sagt der 65-Jährige nach fast jeder Frage, hat sofort eine Anekdote auf Lager – und die Kulissen aus über 40 Berufsjahren auf seinem Laptop gespeichert.

Auch die glamourösesten Veranstaltungen des Filmgewerbes, wie etwa die Bafta-Awards, die Preisverleihung der Britischen Akademie der Film- und Fernsehkunst, gehören dazu. Cate Blanchett, Kate Winslet, Leonardo DiCaprio – sie alle waren 2016 dort. Und auch er: Bernhard Henrich, Sohn eines Bergarbeiters aus Niederwürzbach, im königlichen Kensington Palace in London. Eine weiterführende Schule hat Henrich nie besucht. Eine Ausbildung zum Schaufenster-Dekorateur wollte er machen. Im weit entfernten Saarbrücken, so kam es ihm damals jedenfalls vor. Seine Eltern waren entsetzt: „Sie hätten gerne einen richtigen Beruf gesehen.“ Außerdem war die Monatskarte nach Saarbrücken ja auch teuer.

In London war Henrich nominiert in der Kategorie „Bestes Szenenbild“ für den im Studio Babelsberg gedrehten Agententhriller „Bridge of Spies“. Wenn er davon erzählt, kann er den Stolz nicht verbergen. Seine Augen werden groß, wenn er sich auf den Bildern neben Matt Damon sieht. Auf keinen Fall aber möchte Henrich angeberisch wirken. Gibt die Summen, die seine Hotels und die Limousinen-Fahrten gekosten haben, schüchtern hinter der nicht nur sprichwörtlich vorgehaltenen Hand preis. Gewonnen hat er nicht. Der Bafta ging an „Mad Max: Fury Road“. Eine Reporterin fragte Henrich damals, ob er enttäuscht sei. Die Frage hält er auch heute noch für absurd. Wirft selbst beim Nacherzählen noch aufgeregt die Hände über den Kopf, seine Stimme überschlägt sich: „Enttäuscht?! Wissen Sie eigentlich, was ich seit meiner Nominierung hier alles erlebe?!“. Wie muss er sich erst gefühlt haben, als es für ihn im maßgeschneiderten Hugo-Boss-Smoking über 400 Meter roten Teppich zur Oscar-Verleihung ging?

Wie er sich fühlte, als er von seiner Oscar-Nominierung erfahren hat, kann ich tatsächlich nachempfinden: Wie damals seinen Nachbar Klaus – ebenfalls ein Saarländer – packt er mich an den Schultern und schüttelt kräftig: „Ich bin für den Oscar nominiert“, diese Worte kann ich allerdings nur erahnen, so schnell und aufgeregt sprudeln sie aus ihm heraus. Gedanklich ist Henrich wohl wieder im Arbeitszimmer seines Berliner Hauses, sieht auf dem Bildschirm seinen Namen aufblinken. Hinter den Kulissen ist er längst ein alter Hase. Selbst im Rampenlicht stehen, das ist aber noch immer etwas Besonderes für ihn.



Er habe immer gerne gebastelt. Sei immer schon kreativ gewesen. „Beim Passage Kaufhaus (PeKa) in Saarbrücken konnte ich viel ausprobieren. Mit vielen verschiedenen Werkstoffen arbeiten, mit Stoffen, Farben“, erzählt er. Dabei schneidet er den Stoff in der Luft, fühlt die unsichtbaren Materialien mit den Fingern. Wenn er etwas sagt, reden auch seine Hände. Die Schaufenster damals, das waren noch andere als heute. Ein sonntäglicher Spaziergang entlang der Einkaufspassagen offenbarte ganze Landschaften.

Heute erschafft er Schauplätze, die die geschätzt drei mal zehn Meter Schaufenster des PeKa winzig wirken lassen. 135 Sets hat er für George Clooneys „Monuments Men“ (2014) ausgestattet. 4,5 Millionen Euro standen ihm allein für deren Einrichtung zur Verfügung, 60 Millionen kostete die Produktion insgesamt. Ganze Friseursalons hat der fachkundige Film­austatter entstehen lassen. Ob sie im fertigen Film zu sehen sind, spielt dabei keine Rolle. Clooney habe alles real haben wollen. Auch das zeigen Henrichs Fotos: Ein ganzes Militärlager ist zu sehen, vier Quadratkilometer, grüne Zelte, so weit das Auge blickt. Nur am Horizont ein paar brandenburgische Windräder. Die hat der Computer später ausradiert. Am Set gibt er sich vollkommen seiner Arbeit hin: „Für den Moment ist dann auch Wurst, welcher berühmte Schauspieler da steht.“ Darauf achten, das alles läuft, Adrenalin pur, sagt Henrich. „Mensch, wie sieht das denn aus“, empfindet er eine solche Situation am Set nach und stampft auf den Boden.

Saarbrücken war dem jungen Henrich nicht genug. Drei Teller, drei Unterteller, drei Tassen kaufte er sich, packte seine sieben Sachen. Das Ziel: Berlin. „Meine Mutter meinte immer: ‚Oh Bernhard, hör doch auf mit dem Blödsinn!’.“ Beim Imitieren seiner Mutter muss er lachen, hält kurz inne. Geplant war ein Jahr. Daraus wurden nunmehr 40. Und was für Jahre. „Die Bourne Verschwörung“ mit Matt Damon, Roman Polanskis „Der Ghostwriter“, Bernhard Henrich hat sich einen Namen gemacht.

In Berlin verdingte sich der damals noch unbekannte Henrich zunächst wieder als Dekorateur. „Ich musste aber schnell einsehen, dass man damit nicht weit kommt.“ Zu teuer das Leben in der Großstadt. Er entdeckte eine Annonce des Berliner Schillertheaters: „‘Junge engagierte Leute’ suchten sie.“ Bereits in seinen ersten Wochen fiel Henrich dort auf. Das Handwerk, das er in den Kaufhäusern erlernt hatte, wusste er einzusetzen. Zur Aufführung des Kleist-Dramas „Prinz Friedrich von Homburg“ sollte ein Kornfeld gebaut werden. Neuling Henrich machte einen mutigen Vorschlag: „Man könnte doch mit Hasendraht ein bewegliches Kornfeld bauen“.

Hasendraht – der ist heute noch ein unentbehrlicher Baustoff für seine Hollywood-Kulissen. In einem nachgebauten Bergwerk am Set von „Monuments Men“ sollte Henrich es so aussehen lassen, als seien dort fünf Millionen Kunstgegenstände gelagert. Ein paar echte Skulpturen hat er eigens aus Italien nach Babelsberg bringen lassen. Andere hat er mit Hasendraht nachgebaut und sie mit Leinen umwickelt. „Das sah noch viel beeindruckender aus als die echten Figuren.“ Mindestens 100 Leute arbeiteten gleichzeitig an der Höhle, um quasi aus nichts die große Illusion zu zaubern.

Mit dem Hasendraht-Entwurf am Schillertheater war Henrich damals eine Anstellung als Theaterplastiker sicher – eigentlich ein Studienberuf. „Oft war ich“, das gibt er zu „einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“

Am richtigen Ort war er auch, als er an die Tür von Artur „Atze“ Brauner klopfte: „Habt ihr nicht was für mich?“, fragte er den oscargekrönten Filmproduzenten. Es dauerte noch eine Weile, aber der alles verändernde Anruf kam tatsächlich, und Henrich begann seine Karriere beim Film als Requisiteur. Mittlerweile kann der saarländische Set-Decorator auf weit über 70 Filme und Fernsehserien aus allen Genres zurückblicken. Am meisten Spaß bereiten ihm die Science-Fiction- oder Fantasy-Filme. „Die unendliche Geschichte III“ (1994) etwa oder „Hänsel und Gretel – Hexenjäger“ (2013) – bei diesen Kulissen konnte er sich austoben. Aber auch andere Filme wurden für ihn zu Traumprojekten, sagt er. Wie der Bergsteigerfilm „Vertical Limit“ (2000), eine über 100 Millionen Dollar teure Produktion, bei der er der einzige Deutsche war. „Es wurde fast alles mit dem Helikopter gemacht, wir sind bis auf den Mount Cook geflogen, haben dort ein ganzes Base Camp mit 300 Zelten gebaut.“ Wieder kann er sich kaum bremsen vor Begeisterung. Reckt die Zeigefingerspitze nach oben, als sei das Ende der Leinwand die Spitze des höchsten Berges Neuseelands.

Vieles unterliegt seiner kreativen Interpretation. Aber wo er kann, arbeitet er historisch korrekt. Für den Stauffenbergfilm „Operation Walküre“ mit Tom Cruise leistete Henrich echte Detektivarbeit. Er konnte einen Original-Stuhl vom Berghof, der Residenz Adolf Hitlers in Berchtesgaden, ausfindig machen. Den nahm er als Vorbild für die übrigen Möbel. „Das entwickelt sich dann so zum Wahnsinn. Meine Recherche war für die Produzenten die Bibel.“

Für seine Filme und Recherchen war er bereits in 23 Ländern unterwegs. Zwei Ehen haben seine langen Auslandsaufenthalte bereits gekostet. Jetzt gehe er nicht mehr so oft weg. Und tatsächlich kommen immer mehr große Filmproduktionen nach Berlin, wo Henrich mit seiner jetzigen Frau lebt. Für 2018 hat der Hollywood-Hochkaräter bereits vielversprechende Anfragen. Welche das sind, darf und will er nicht verraten.

Auch das Kapitel Oscars ist noch nicht zu Ende geschrieben. Nach seiner eigenen Oscar-Nominierung wurde er in den elitären Club der Akademie aufgenommen, darf als eines von 20 deutschen Jurymitgliedern mit darüber entscheiden, wer die goldene Statue bekommt. Die Vorbereitungen für 2018 laufen längst. Bis Anfang Januar müssen die Nominierungen feststehen. Sein aktueller Film „Mute“, ein Sci-Fi-Thriller mit Regisseur Duncan Jones, wird wohl nicht rechtzeitig fertig. Obwohl Henrich das gehofft hatte: „Ich glaube, der wird ganz gut. Dann hätte ich schon mal eine Stimme“, sagt er schelmisch.

Henrich richtet am Set von „Operation Walküre“ (2008) das Führerhauptquartier Wolfsschanze ein, wo 1944 das Stauffenberg-Attentat stattfand.
Henrich richtet am Set von „Operation Walküre“ (2008) das Führerhauptquartier Wolfsschanze ein, wo 1944 das Stauffenberg-Attentat stattfand. FOTO: Bernhard Henrich
Für „Bridge of Spies“ war er 2016 für einen Oscar nominiert.
Für „Bridge of Spies“ war er 2016 für einen Oscar nominiert. FOTO: Bernhard Henrich