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Buchmessen-Gastland Georgien
Endstation Tiflis für eine femme fatale

Saarbrücken. Zurab Karumidzes neuer Roman – Lesung in Saarbrücken Von Harald Loch

Die „femme fatale“ ist eine in Mythologie, Kunst und Literatur beliebte Figur. Von der biblischen Eva über die klassische Helena, der mittelalterlichen Melusine bis zur Jüdin von Toledo und weiter über Heines Loreley, Zolas Nana, Wildes Salome hat sie Hunderte von Darstellungen gefunden. Sie ist überirdisch attraktiv, bringt Männer um ihren Verstand und wirkt „schicksalhaft“ auf deren Verderben hin. Eine, die um die vorletzte Jahrhundertwende vor allem in Berlin Furore gemacht hat, war die Norwegerin Dagny Juel. Sie war Schriftstellerin und Pianistin, stand zunächst Edvard Munch Modell (etwa für seine „Madonna“), war dann die Geliebte von Strindberg, den sie in die Nervenheilanstalt brachte und heiratete 1893 den polnischen Autor Stanislaw Przybiszewski, von dem sie zwei Kinder bekam.


Dieser Kreis der Bohème, zu dem auch Richard Dehmel und weitere Künstler zählten, traf sich seinerzeit in Berlin im Gasthaus „Zum Schwarzen Ferkel“ Unter den Linden. Juel gehörte dazu, verwirrte die Männer, trank und schlief mit ihnen. Przybiszewski trennte sich von ihr, schickte sie mit einem von ihm bezahlten Freund und Verehrer auf Reisen bis nach Tiflis in Georgien. Dort ermordete dieser sie aus Eifersucht während eines „Festes der Liebe“ und tötete danach sich selbst.

Aus diesem eigentlich filmreifen Stoff hat der 1957 in Tiflis geborene georgische Schriftsteller und Kulturwissenschaftler Zurab Karumidze einen Roman komponiert, der weit über die realen Ereignisse hinausreicht. Er ruft die uralte georgische Kulturgeschichte auf und spinnt dazu ein Netz aus europäischen und asiatischen Fäden, das die von Georgien bis heute reklamierte Brückenstellung zwischen Europa und dem Mittleren und Fernen Osten belegt. Da treten Schamanen aus Mythologie und Literatur neben Bach oder Chopin auf, da werden Bilder wie Manets „Frühstück im Grünen“ als Abbild von Dagny Juel neu interpretiert oder Madame Bovary als ihre „Schwester“ entdeckt. Vor allem holt der Autor die gesamte georgische Literatur aus früher Zeit in die Gegenwart. Das georgische Nationalepos „Der Recke im Tigerfell“ von Schota Rustaweli ist mehr als 800 Jahre alt und wurde vor wenigen Jahren zum Weltdokumentenerbe erklärt. Der georgische Dichter Wascha-Pschawela und der griechisch-armenische Esoteriker und Begründer des sogenannten „Vierten Weges“, Georges Gurdj, treten ebenso als handelnde Personen auf, wie der junge Iosseb Bessarionisdse Dschugaschwili unter seinem Tarnnamen Koba, der sich später Stalin nannte. Dazwischen verwirrt Dagny auch in Tiflis die Männer und feiert ein Fest der Liebe nach dem anderen, ehe sie stirbt.



Karumidzes Roman enthält eine sich aufeinander beziehende Vielfalt von Textarten. Da wechseln hintersinnige, fantasy-artige Non-sense-Passagen mit Bausteinen aus Werken von Juel, die aus dem Norwegischen übersetzt wurden. Da gibt es musiktheoretische Erörterungen, die mit Nachdenklichkeiten über Ursprung und Wesen der georgischen Sprache oszillieren. Sexuell aufgeladene Passagen beschwören die Wechselwirkung von Thanatos und Eros. Das aus der georgischen Schwarzmeerküste geraubte Goldene Vlies steht zur Decodierung an, und die multinationale, ins polyglotte gesteigerte Gesellschaft von Tiflis um die Wende zum 20. Jahrhundert glänzt in Vielfalt und gegenseitigem Respekt. An wichtigen Stellen helfen Fußnoten zum Verständnis der zuweilen schwer durchschaubaren Zusammenhänge der georgischen Kultur.

Zurab Karumidze: Dagny oder ein Fest der Liebe. Aus dem Englischen von Stefan Weidle; Weidle Verlag, 288 Seiten, 23 €
Lesung am kommenden Montag (20 Uhr) im Saarländischen Künstlerhaus.