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Nachrufe
Anmut und Tiefe, Prägnanz und Präsenz

 Bruno Ganz in seiner wohl streitbarsten Rolle als Adolf Hitler in Oliver Hirschbiegels Kinofilm „Der Untergang“ von 2004.
Bruno Ganz in seiner wohl streitbarsten Rolle als Adolf Hitler in Oliver Hirschbiegels Kinofilm „Der Untergang“ von 2004. FOTO: dpa / Constantin Film
Saarbrücken. Nachruf auf den unvergleichlichen Charakterdarsteller Bruno Ganz, der am Samstag mit 77 Jahren an Krebs gestorben ist. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Als er vor zwei Jahren (in einem Interview in der „Neuen Zürcher Zeitung“) gefragt wurde, woran er glaube, antwortete Bruno Ganz: „Ach, an einfachere Sachen. Manchmal an Poesie. Was mir hilft, ist, dass wir als Menschheit ja nicht nur Schrott produzieren, sondern auch in der Lage sind, so etwas wie Kunst ganz allgemein herzustellen. Dass wir einander nicht nur weh tun, sondern tatsächlich auch etwas machen können, was jenseits der praktischen Seite des Lebens ist.“ Seine eigene Schauspielkunst war unvergleichlich: Ganz verlieh den Figuren, die er im Theater und Film verkörperte, eine markante Tiefe und Präsenz, wie sie in dieser Prägnanz rar ist.


Treffender als der Schriftsteller Adolf Muschg, Schweizer wie Ganz, es gestern in der „NZZ“ ausdrückte, lässt es sich nicht sagen: „Hier war einer, der den Mangel an Wirklichkeit in seinen Rollen mitzuspielen verstand, nicht als Effekt heimlichen Besserwissens, sondern auf intelligente Art ratlos.“ Bruno Ganz vermochte es, ungeachtet aller Nuanciertheit und Genauigkeit seines Spiels, den von ihm verkörperten Charakteren zuletzt doch ein magisches, unergründliches Geheimnis zu belassen, das sich nicht fassen ließ. Vielleicht kam deshalb kaum eine Würdigung seiner Bühnen- und Kino-Rollen, auf der Suche nach der passendsten Vokabel dafür, nicht um das Wort „Charisma“ herum.

1941 in Zürich als Sohn eines schweizerischen Fabrikarbeiters und einer Norditalienerin geboren, fand Ganz früh zum Theater. Mitte der 60er heuerte er am damals legendären Bremer Theater unter der Intendanz von Kurt Hübner an, wo Ganz auf Theaterregisseure wie Peter Zadek und Peter Stein traf. Mit Stein, der für seinen Werdegang zum wichtigsten Katalysator wurde, gründete Ganz 1970 in Berlin dann die Schaubühne am Halleschen Ufer, die bald zum innovativsten westdeutschen Theaterstandort avancierte. Schnell spielte er sich in die vorderste Riege deutscher Bühnenkunst – in Regiearbeiten von Claus Peymann, Klaus Michael Grüber und, immer wieder, von Peter Stein. Kanonische Inszenierungen von Stein & Ganz wie „Torquato Tasso“ (1969), „Peer Gynt“ (1972) und Kleists „Prinz von Homburg“ im Jahr darauf zeugten davon. Als Bruno Ganz im Jahr 2000, als der Film längst schon zu seinem wesentlichen Betätigungsfeld geworden war, nochmals in Steins 19-stündiger Faust I/II-Inszenierung Goethes gebrochenen Weltcharakter gab, schloss sich damit gewissermaßen für ihn ein Kreis.



  Als Sigmund Freud in „Der Trafikant“, die letzte Hauptrolle.
Als Sigmund Freud in „Der Trafikant“, die letzte Hauptrolle. FOTO: dpa / Herbert Pfarrhofer

Dass er Mitte der 70er Jahre, nur wenige Jahre nach seinem Bühnendurchbruch, auch die Leinwand eroberte, war insoweit folgerichtig, als sich Ganz’ exzeptionelles Talent zur Darstellung gebrochener Charaktere bald herumgesprochen hatte. Ein Schauspieler wie er – mit solchem melancholischem Ausdruck und pathosfreier, innerer Glaubwürdigkeit – galt den Regisseuren des sogenannten Neuen deutschen Films (Wim Wenders, Reinhard Hauff, Werner Herzog, Rudolf Thome und Volker Schlöndorff) als Idealbesetzung. Mit Wenders drehte er 1977 „Der amerikanische Freund“, mit Hauff „Messer im Kopf“ (1978), mit Schlöndorff „Die Fälschung“ (1981), mit Thome „System ohne Schatten“ (1983). Endgültig im Kino-Zenith angekommen war Ganz dann in zwei Rollen, die unterschiedlicher nicht sein konnten: In Wenders’ „Himmel über Berlin“ gab er 1987 den gefallenen, über das geteilte Berlin wachenden Engel Damiel, der aus Liebe für eine Trapezkünstlerin seine Unsterblichkeit hingibt – die Güte und Anmut, die Bruno Ganz dieser Figur verlieh, wirkte wie ein einziges Fanal gegen die Flachheiten dieser Welt. 2004 übernahm Ganz dann in Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“ die streitbarste Rolle seines Schauspiellebens: Er gab darin in diabolischer Brillanz Hitler. Er tat es auf zugleich derart obsessive wie demaskierende Weise, die offenbarte, dass auch diese größte Bestie zuletzt doch – in all ihrer Brutalität, Wahnhaftigkeit und Jämmerlichkeit – ein Mensch war.

Im erwähnten NZZ-Interview von 2017 hat Bruno Ganz das Ende seiner Alkoholsucht 2001 als eine seiner größten Lebenszensuren beschrieben. Die ihn kannten, haben immer wieder die Bescheidenheit und Anmut betont, die sich Ganz bei aller Berühmtheit bewahrt habe. Seine Filmografie ist gespickt mit großen Regienamen: Beginnend mit Éric Rohmer („Die Marquise von O.“, 1976) über Theo Angelopoulos („Die Ewigkeit und ein Tag“, 1998) und Francis Ford Coppola („Jugend ohne Gott“, 2007) bis hin zu Lars von Trier („The house that Jack built“, 2018). In seiner vorletzten Rolle spielte er in Nikolaus Leytners „Der Trafikant“ Sigmund Freud. Zuletzt übernahm er in Germinal Roaux’ Flüchtlingsdrama „Fortuna“ (von Ingmar Bergman’scher Formstrenge und nun für den Schweizer Filmpreis nominiert) noch die Nebenrolle eines Paters, der sein hartherziges Umfeld im Umgang mit Migranten an Nächstenliebe gemahnt. Ganz war zu der Zeit bereits an Darmkrebs erkrankt und unterzog sich noch einer Chemotherapie. Am Samstag ist er, der fraglos zu den größten Charakterdarstellern seiner Generation gehörte, mit 77 Jahren in seinem Zürcher Haus seiner Krankheit erlegen.

Erinnerung an den Schauspieler Bruno Ganz FOTO: dpa / Arno Burgi