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Friedenspreis des Buchhandels
Meisterin im Erzählen düsterer Zukunftsszenarien

Frankfurt. Am Sonntag wird die kanadische Autorin Margaret Atwood mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt.

. Als Kind verbrachte sie mit ihren Eltern viele Monate in einer abgelegenen Hütte in der kanadischen Wildnis Quebecs. Langweilig sei ihr dabei nie gewesen, erzählt die Schriftstellerin Margaret Atwood. Während ihr Vater als Entomologe auf Insektenjagd war, habe sie viel gelesen, geschrieben und gemalt. Schon damals habe sie sich nichts anderes vorstellen können, als Schriftstellerin zu werden. Am 15. Oktober erhält sie den mit 25 000 Euro dotierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.



Die 77-Jährige gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Ihre mehr als 40 Werke, darunter Romane, Essays, Kurzgeschichten und Lyrik, sind in mehr als 30 Sprachen erschienen. Sie zeichnet die menschliche Gesellschaft oft in düsteren Farben und gilt daher als „Meisterin der Dystopie“. Atwood zeige politisches Gespür und eine Hellhörigkeit für gefährliche unterschwellige Entwicklungen und Strömungen in der Gesellschaft, heißt es in der Begründung der Jury.

Eines ihrer bekanntesten Bücher ist der 1985 erschiene Bestseller „Der Report der Magd“ (The Handmaid‘s Tale), den sie 1984 in Westberlin geschrieben hat. Er spielt in der nahen Zukunft, in der eine totalitäre religiöse Männer-Gruppierung die Macht in den USA übernommen hat. In dem Überwachungsstaat werden Frauen unterdrückt und als Gebärmaschinen benutzt. Kurz nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten stieg der mehr als 30 Jahre alte Roman erneut in die Bestsellerlisten. Viele Amerikaner befürchten, dass in einem gesellschaftlichen Klima, in dem Hass und Extremismus ansteigen, Freiheitsrechte in Gefahr sind. „Ich hätte nie gedacht, dass es einmal so schlimm kommt“, sagt die Autorin. „Trump ist eine Witzfigur, die wir Liberalen viel zu lange nicht ernst genommen haben“, sagt Atwood, die auch in den sozialen Netzwerken aktiv ist und auf Twitter mehr als 1,75 Millionen Follower hat.

Das Buch wurde vor kurzem als Internet-TV-Serie verfilmt und ist seit April in den USA zu sehen. Im September wurde die Literaturverfilmung gleich mit fünf Emmys, dem wichtigsten Fernsehpreis, ausgezeichnet. Seit 4. Oktober ist die Serie auch in Deutschland auf Entertain TV zu sehen.

Auch Klimawandel, die Verschmutzung der Weltmeere, Bürgerkriege und die Flüchtlingskrisen bereiten Atwood große Sorgen. Ihre Bücher bezeichnet sie als „spekulative Fiktion“. „Ich schreibe Bücher, weil ich denke, es könnte so kommen,“ erzählt die Autorin, die auch als Anwärterin für den Literaturnobelpreis galt. Sie wehrt sich gegen Kritik, ihr Buch „Report der Magd“ sei anti-religiös. Sie wolle lediglich zeigen, dass Religion auch missbraucht werden könne, betont Atwood immer wieder, die sich als „strikte Agnostikerin“ bezeichnet.



Auch ihr neuester Roman „Das Herz kommt zuletzt“ beschäftigt sich mit post-demokratischen Strukturen und der menschlichen Sehnsucht nach einer heilen Welt. Trotz aller Weltuntergangsszenarien sei sie eine Optimistin geblieben, sagt Atwood, die mit dem Schriftsteller Graeme Gibson verheiratet ist und eine Tochter hat.

Ein weiteres Werk dagegen bleibt noch fast 100 Jahre unter Verschluss: Das Manuskript ihres Romans „Scribbler Moon“, hat sie dem norwegischen Future Library Project übergeben. Es wird erst im Jahr 2114 veröffentlicht.