| 19:13 Uhr

„Medea“ am Staatstheater
Fünf Frauen und ein Mordstheater

 Medea mal füns auf der Bühne. Von links: Judith Braun (Medea/Neris), Pauliina Linnosaari (Médée), Isabella Taufkirch (Medea), Christiane Motter (Medea), Peter Schöne (Créon) und Stefan Meseguer Alves (Medea).                                                                                                                                                                                                   Foto: Andreas Kremper / SST
Medea mal füns auf der Bühne. Von links: Judith Braun (Medea/Neris), Pauliina Linnosaari (Médée), Isabella Taufkirch (Medea), Christiane Motter (Medea), Peter Schöne (Créon) und Stefan Meseguer Alves (Medea).                                                                                                                                                                                                   Foto: Andreas Kremper / SST FOTO: Andreas Kremper / SST / ANDREA KREMPER
Saarbrücken. Coup geglückt: Das Saarländische Staatstheater zeigt uns das Wahnsinnsweib Medea so vielfältig wie überraschend – und als Oper, Tanz und Schauspiel in einem. Von Oliver Schwambach
Oliver Schwambach

Mensch, was für eine Zumutung in  unserem antikenfernen Jahrtausend 4.0, uns satte drei Stunden Medea mal so als Abend-Opernabo-Unterhaltung vorzusetzen. Denn seien wir mal ehrlich, bei wem daheim liegen schon noch Euripides' Tragödien oder Ovids Metamorphosen als Bettlektüre parat?  Doch nein, es ist pures Glück, dass uns das Saarländische Staatstheater mal so fordert. Und das weithin bannend. Selbst wenn es bei „Médée“ auf der Bühne nicht in einem fort pulsiert, wie man es sich vom Tänzer-, Choreograph- und Regisseur-Tausendsassa Demis Volpi irgendwie erhofft hätte. Zumal es ja um dieses Wahnsinns-Weib Medea geht. Vor gut 2700 Jahren tauchte sie erstmals auf in der Geschichte des Abendlandes. Es heißt, sie habe ihren Bruder, die Nebenbuhlerin und die eigenen Kinder ermordet, weil sie Jason, Typ antiker Held mit Hang zum Kriegerischen, so maßlos liebte, wie sie später hasst und rächt.


Was für ein Stoff! Und trotzdem kann Regisseur Volpi das Statische nicht ganz verhindern, so schleicht sich auch mal Ermattung ein. Ganz zum Schluss aber, wenn Christiane Motter mit diesem hohen, leider rar gewordenen Klassiker-Ton Heiner Müllers Texte zu Medea spricht, es nach viel wunderbarer Musik also nur pur dem Wort gilt, hätte ich (und jetzt muss der Rezensent mal persönlich werden) ihr noch stundenlang zuhören können. So gedankenklar trotz allem Gefühls-Tohuwabohu, so ewig lässt Motter Müllers Worte klingen – als Resümee eines formidablen Abends.

   Der ist übrigens weniger kühn als vielleicht erwartet, als es hieß: Das Saarbrücker Theater plant Aufsehen­erregendes. So eine Art Hybrid aus Luigi Cherubinis „Médée“, Iannis Xenakis Suite „Medea Senecae“ für Chor und Instrumente und Heiner Müllers Medea-Material. Oper also vom Vorabend des 19. Jahrhunderts (die erste von zahlreichen Fassungen wurde 1797 uraufgeführt) und dazu spätes 20. Jahrhundert vom machtvoll tönenden Griechen und dem bis dato letzten großen deutschen Dramatiker. Was für eine Mixtur! Letztlich aber haben Regisseur Volpi und Dramaturgin Renate Liedtke das nicht als Pasticcio eng geknüpft, sondern eher luftig vernetzt. So folgt im Grunde eins dem anderen – wie beim Arte-Themenabend.



Start mit Cherubini, dem Hauptwerk. Und da landet das Inszenierungsteam einen Coup. Nicht eine Medea, nein zwei Sängerinnen, eine Schauspielerin (Christiane Motter), eine Tänzerin (Isabella Taufkirch) und ein Tänzer (Stefan Meseguer Alves) sind hier Medea. Und oft sind alle fünf zeitgleich auf der Bühne. Demis Volpi dringt mit dieser Aufspaltung tiefer und tiefer in Medeas Seele vor, seziert Schicht für Schicht der Persönlichkeit. Da ist die immer noch, trotz Jasons Ehebruch, hörig Liebende, dort aber schäumt schon die Rachsüchtige; und beide ringen um Jason. Aber Medea will als Mutter auch ihre beiden Söhne schützen (klasse gespielt von Marin Gauer und Florian Didié). Und dann ist da noch die Frau, die einfach mal wie die Männer behandelt werden will. Ziehen Jason und seine Argonauten auf Abenteuertour, kämpfen und töten, ernten sie Ruhm. Tötet Medea, wird sie zur Ausgestoßenen. In der Vervielfachung erhellt Volpi Medeas Zerrissenheit schlagartig.

Dagegen können alle anderen nur einfach gestrickt sein. Jason etwa. Er ist der Mann, der nach oben will. Und bietet sich eine bessere Partie als Medea, greift er zu. Dircé ist die Tochter König Kreons – ein Machttechnokrat im blauen Business-Anzug (Peter Schöne). Für sie verstößt Jason Medea, nimmt ihr sogar die Kinder. Wo bleibt da das Heldenhafte? Große Sympathie müsste man nicht für ihn haben, würde ihn Angelos Samartzis nicht mit diesem eleganten, herzrührenden Tenor singen.

Bühnenbildner Markus Meyer richtet Kreons Palast als leergefegte Bibliothek ein. Schwarze Regalbretter bis rauf zur Decke: Ein Schutzraum der Kultur, der Zivilisation könnte das sein. Bloß das Eigentliche fehlt, die Bücher. Wo aber der Geist abhandenkommt, macht sich Einfalt breit. Carola Volles hat Kreons Hofstaat, den  grandiosen  Chor, in gemütsschlichtes Pastell gesteckt, und Jasons neue Braut Dircé (überzeugend: Olga Jelinková) kauert in rosa Ballonseide unterm Tisch. Eine scheue Barby als Pendant zur selbstbestimmten Medea: Das passt. Bei der Frauen-Fünffalt ist Pauliina Linnossari sängerisch die Nummer eins – mit der eigentlichen Médée–Partie. Vibrato-Furor, schneidende Kälte, aber auch innig verzehrend: Linnosaari verwandelt mühelos jedes Gefühl in Klang. Und sie hat mit Judith Braun eine weitere Medea an ihrer Seite, die souverän den Part von Medeas Dienerin Neris singt.

Generalmusikdirektor Sébastien Rouland ringt in der Ouvertüre noch etwas, das Staatsorchester in Fahrt zu bringen, Holpriges zu ordnen. Doch der sensible Begleiter, der Sängerdirigent gewinnt die Oberhand, gestaltet, fordert und fördert Klangsinnlichkeit. Man hört tatsächlich, wie bei Cherubini die Romantik an die Tore pocht. Und wie das Inferno zum Finale der Oper rauscht. Höllisch gut.

Womit sich Xenaniks‘ Suite anschließt. Nun mit einem Instrumental-Sextett und Männerchor auf der Bühne. Archaisch tönend, perkussiv, ein herber Kontrast zum weithin perlenden Cherubini. Doch so widersprüchlich wie Medea in sich ist, so grenzen hier kompositorische Prinzipien aneinander. Und Nathan Blair entfesselt auf der Bühne mit Chor und Orchester bravourös diese musikalische Urkraft. Dazu erzählt Volpi quasi die Vorgeschichte zu Medeas Rachefeldzug, als Jason und die Argonauten in Medeas Heimat Kolchis kamen. Mit Raumfahrerhelm übergestülpt werden die Argo- zu Astronauten, vielleicht nicht eben Volpis genialster Streich. In der Summe aber multiplizieren sich drei Künstler-Sichtweisen auf Medea mit fünf Perspektiven und Kunstformen von der Oper über das Ballett bis zum Schauspiel: Intensiver, vielschichtiger kann man Medea auf der Bühne kaum erleben. Und Demis Volpi gibt uns viele, viele Fragen zu ihr auf. Herausforderndes Theater. So soll es sein.

Vorstellungen: 23. und 29. Januar, 2. Februar. Tel. (06 81) 309 24 86.