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Gesellschaftspolemik fordert Desintegration
Schluss mit dem Integrationstheater!

Deutsche wiesen Juden die Rolle zu, ihnen ihre „Wiedergutwerdung zu bestätigen“, schreibt Max Czollek. Unser Bild zeigt einen Gläubigen mit Kippa.
Deutsche wiesen Juden die Rolle zu, ihnen ihre „Wiedergutwerdung zu bestätigen“, schreibt Max Czollek. Unser Bild zeigt einen Gläubigen mit Kippa. FOTO: dpa / Fredrik von Erichsen
Saarbrücken. Max Czolleks Streitschrift „Desintegriert euch!“ ist ebenso radikal wie diskussionswürdig. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Welche Rolle wird Juden (und Migranten) von der deutschen Mehrheitsgesellschaft heute zugeschrieben und was sagen diese Rollen und Etikettierungen eigentlich über die Deutschen selbst aus? Interessante Frage! Der junge Politikwissenschaftler und Jude Max Czollek (Jahrgang 1987) rückt sie ins Zentrum einer durchaus diskussionswürdigen Streitschrift. Bereits in seiner Einleitung macht Czollek klar, dass er den gängigen Integrationsappellen an hier lebende Minderheiten, sich gefälligst möglichst umfassend zu assimilieren, lieber ein „Desintegriert euch!“ entgegenzuschleudern gewillt ist. Um damit zugleich „die Schneekugel des deutschen Selbstverständnisses durch(zu)schütteln“.


Wie es sich für eine Polemik gehört, ist Czollek dezidiert nicht um Ausgleich bemüht („Brücken interessieren mich in diesem Buch nicht“), sondern will vielmehr dem, was er ein kollektives „Integrationstheater“ nennt, den Boden entziehen. Die heute knapp 100 000 in Deutschland lebenden Juden würden seit Jahrzehnten dazu missbraucht, „die Wiedergutwerdung der Deutschen zu bestätigen“. Diese inszenierten sich nicht nur als „Erinnerungsweltmeister“, sondern ließen – Stichwort AfD oder Leitkulturdebatte oder Heimatverklärung – peu à peu zugleich ein völkisch-nationalistisches Denken wieder Eingang in den politischen Mainstream finden.

Lassen wir mal beiseite, dass Czollek bei der Unterfütterung dieser Grundthese die nötige Differenzierung vermissen lässt. Etwa, wenn er den kollektiven WM-Taumel von 2006 quasi in einer Linie mit dem AfD-Aufkommen betrachtet. Oder er arg holzschnittartig den 68ern in toto unterstellt, vor lauter „Lust am Vatermord“ nur die Vergangenheit seziert zu haben, um sich selbst eine Generalabsolution zu erteilen. Und dann zugleich eine „Opfererinnerung“ zu konstruieren, „bei der die Nazis in der eigenen Familie zu Opfern und Helden umgestaltet“ wurden. Seine Ausgangshypothese jedoch, dass sich das deutsche Selbstbild wesentlich vermittels kultureller Ausgrenzung von Minderheiten definiert, lässt sich nicht so leicht abtun. Trifft es nicht zu, dass dieses „Wir-und-Ihr“-Spiel der Stabilisierung der vorhandenen Dominanzkultur äußerst dienlich ist? Seit die AfD zur festen parlamentarischen Größe geworden sei, hätten auch etablierte Parteien plötzlich wieder ihre „Heimatliebe“ entdeckt, folgert Czollek.



Er selbst propagiert Desintegration als „jüdischen Beitrag zum postmigrantischen Projekt, dessen Ziel es ist, radikale Diversität als Grundlage der deutschen Gesellschaft ernst zu nehmen“. Umso mehr, als die jüdische Gemeinschaft Deutschlands durch Zuwanderungen aus allen Teilen der Welt längst heterogener denn je sei. „Juden und Jüdinnen bilden keine Gemeinschaft – weder religiös noch ethnisch“, konstatiert er. Daher sei „das deutsche Begehren nach Juden mit Holocaust-Bezug, die die Deutschen für ihr Gedächtnistheater benötigen“, umso mehr obsolet.

Aufschlussreich ist, was diese von viel Wut angetriebene Polemik en passant als Argumentationsfutter für die aktuelle Migrationsdebatte mitführt: Wehrt sich Czollek doch zurecht gegen die bequeme Geisteshaltung, von nicht-deutschen Ethnien Integration zu fordern, selbst aber soziale Teilhabe vermissen zu lassen. Wenn schon Integration, muss sie dann nicht gleichermaßen für alle – sprich auch für die neudeutschen Wutbürger – gelten? Wie steht es eigentlich um deren Akzeptanz demokratischer Grundwerte wie etwa Toleranz?

Czolleks Streitschrift krankt daran, dass sie den Deutschen beständig einen schleichenden nationalistischen Grundton und eine Sehnsucht nach „Schlussstrichen“ unterstellt – als gäbe es nicht zuhauf gegenläufige Positionen. Einerseits nimmt er die Deutschen in Sippenhaft, andererseits beruft er sich zur Verteidigung seines vehementen Werbens für den Erhalt von Eigenart und kultureller Differenz dann wieder auf den bestehenden Pluralismus und ethnische Vielfalt. Losgelöst davon aber hat seine radikale Position im aktuellen Diskurs über essentielle Grundwerte durchaus etwas Erfrischendes.

Max Czollek: Desintegriert euch! Hanser, 208 Seiten, 18 €