| 20:52 Uhr

Neuer Walser-Roman
Martin Walser oder: Briefe ins Irgendwo

Cover von Walsers neuem Roman
Cover von Walsers neuem Roman FOTO: Rowohlt Verlag
Saarbrücken. Auch in seinem Mitte nächster Woche erscheinenden neuen Roman „Gar alles“ schreibt Martin Walser wieder gegen die Endlichkeit an. Von Welf Grombacher

Eigentlich waren auch die jüngsten Romane von Martin Walser schon Selbstgespräche. So etwas wie der verzweifelte Versuch eines in die Jahre gekommenen Schriftstellers, gegen die Endlichkeit anzuschreiben und dem Alter eine eigene Welt aus Worten entgegenzusetzen. Mitunter war das nur schwer zu ertragen. Schreiben als Selbstzweck. Das nicht enden wollende Süßholzgeraspel in „Das 13. Kapitel“ (2012) etwa, oder die verquaste Selbstparo­die in „Die Inszenierung“ (2013). Dazwischen aber gab es immer auch Bücher, die aufhorchen ließen. Die auf zauberhafte Weise sinnstiftenden Sätze in „Meßmers Momente“ (2013) oder die spielerische Leichtigkeit zuletzt in „Statt etwas oder Der letzte Rank“ (2017).


Das neue Buch „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“ reiht sich irgendwo dazwischen ein. Wobei, es zählt wohl eher zu den besseren, was auch daran liegen mag, dass es gerade mal 100 Seiten lang ist. Ein gefallener Jurist namens Justus Mall schreibt darin einen Blog im Internet, in dem er seine Wunschfrau sucht. Beim Justizministerium in München war er Oberregierungsrat und zuständig für Migration. Bis er bei einem Opernbesuch in der Pause, beseelt von „Tristan und Isolde“ und vom Alkohol, einer jungen Frau im Scherz auf den nackten Oberschenkel stupste. Am nächsten Morgen muss er von der „Grapschattacke“ in der Zeitung lesen, macht das Mädchen dort doch gerade ein Praktikum. Was von ihm als „Geste der Anbetung, der Verehrung“ gedacht war, geradezu „ein religiöser Akt“, wird da ganz profan als „Altersgeilheit“ verurteilt.

Justus Mall muss als Jurist in den Ruhestand gehen, fristet sein Dasein von nun an als selbst ernannter Philosoph. „Jeder, dem nicht in jedem Augenblick einfällt, welcher Wochentag gerade dran ist, darf sich Philosoph nennen. Also ich auch.“ Ein Problem aber lässt ihn nicht los: die Frauen. Liebt er doch gleich zwei. „Die eine ist prima! Die andere auch! Ich liebe beide.“ Die Rede ist von Ehefrau Gerda und der jüngeren Biologin Silke. Der Zwiespalt: „Jede will mich nur lieben, wenn ich auf die andere verzichte.“ Weil er das nicht will, sucht er im Netz „die Andere“, einen Menschen, dem er alles sagen kann, ohne moralisch verurteilt zu werden. „Sie sind, das gebe ich zu, ein Wunschbild, eine Utopie. Es muss Sie geben. Ohne die Hoffnung, dass es Sie gebe, möchte ich, könnte ich nicht leben.“ Also sendet er Briefe ins Irgendwo, unterschreibt sie mit „Ihr Hoffnungsmensch“.

Hört sich vertraut an? Stimmt. Der neue Roman ist wieder ein typischer Walser. Viele Motive aus seinen Büchern blitzen auf und auch so manches Detail aus seinem echten Leben. Wenn Justus Mall sich outet, indem er bekennt, er empfinde Donald Trump gerade wegen seiner peinlichen Sätze als „Belebung“ und er wisse bei ihm wenigstens, woran er sei, weil er „weniger gelogen“ habe „als je ein Kandidat vor ihm“. Oder wenn der Glaube angerissen wird. „Gott ist nicht da. Aber er fehlt nicht. Man kann über ihn alles sagen, weil es ihn als Wort gibt.“ Das erinnert doch stark an Martin Walsers Auseinandersetzung mit Karl Barth zuletzt in seinem Buch „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ (2012). Wie leicht und selbstironisch der 91-Jährige sich hier selbst zitiert und sein eigenes Werk umspielt, das ist schon beeindruckend.

Immer noch bewegen ihn Fragen der bürgerlichen Moral wie im berühmtesten seiner Romane „Das fliehende Pferd“ (1978). Wieso sich für eine Frau entscheiden, wenn man doch alle liebt. Auch Justus Mall empfindet immer einen „Lebensstromstoß“, wenn eine Frau mit „steilen Brüsten“ an ihm vorübergeht. Zunehmend aber wird das Schreiben selbst zum Thema von Walser. Der Roman wird so auch zu einer Poetik der späten Jahre. Wenn er die „Ziel- und Zwecklosigkeit“ des „Überflüssigen“ als „Tor zum Reich der Freiheit“ preist. Oder wenn die Unbekannte, an die er seine Botschaften schreibt, für die Muse schlechthin steht. „Nicht mehr an sie schreiben heißt, ohne Hoffnung zu leben. Wer kann das schon?“ Ganz offen bekennt er am Ende: „Das Papier beziehungsweise der Roman ist die letzte Hoffnung.“ So schön kann das wahrscheinlich nur ein Martin Walser formulieren.



Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte.
Rowohlt, 108 Seiten, 18 €.