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Neues Walser-Buch
„Eine Lücke möchte ich sein im Zaun der Welt“

„Am meischte bin i dahuomm“: Walser 2015 in seinem Haus in Überlingen am Bodensee.
„Am meischte bin i dahuomm“: Walser 2015 in seinem Haus in Überlingen am Bodensee. FOTO: dpa / Felix Kästle
Saarbrücken. In Martin Walser Aphorismenbuch „Spätschicht“ gibt es viele interessante, aber auch rätselhafte Anmerkungen. Von Roland Mischke

Er ist 91, er hat nicht mehr viel Zeit. Aber er lässt sich immer noch gern belehren, am liebsten von eigenen Worten. „Die Sätze, die ich schreibe, sagen mir etwas, was ich, bevor ich sie schrieb, nicht wusste.“ Martin Walser geht es um alte und neue Erkenntnisse, er ist ein wissbegieriger Zeitgenosse. „Ich möchte sein wie ein Wunsch“, heißt es gleich zu Beginn, „auf der Schwelle möchte ich stehen.“ Und der Leser soll wissen, im Dialekt: „Am meischte bin i dahuomm.“


Seit einigen Büchern im Finale seines Lebens geht es nur noch darum, was den Autor berührt, antreibt, bewegt. Große Hoffnungen lohnen sich ja nicht mehr. Deshalb bietet sich der Rückblick an. Und der Blick in den Alltag der Natur. „Es tanzen die Blätter, / wissen nicht, dass sie am Fallen sind.“ Es muss nicht immer Tiefsinn sein, es genügt der Gedanke. „Die Tage vergehen von selbst, / ich mische mich nicht ein, / ich bin ein Fleck, der trocknet, ich werde gewesen sein.“

Walser hat sich diesmal auf kurze Texte kapriziert. Gedichte, Miniaturen, Reflexion, Aphorismen, Bekenntnisse. Seine Tochter Alissa platzierte zwischen die Stimmungsbilder schlichte Kringel-Vignetten. Der Verlag bezeichnet die Mini-Texte als „Lebensstenogramme“. Wer ein so alter Mann ist, wer so viel erlebt hat, den holt das immer wieder ein. Das Buch ist formlos, es gibt keinen roten Faden, nur Einfälle, die der Dichter in poetische Sprache übertragen hat. Mal schreibt der Gönner, mal das geschundene Ich. Manches ist schlicht-schön: „Silber treibt von West vorbei, / die Berge stehen blau. / Ein Vogel klagt. Ich schließe mich nicht an.“ Das gilt für jede Wahrnehmung, denn „was ich nicht sehe, gibt es nicht“. Walser, der Vielaufgeregte, der es nie mit der Gleichgültigkeit hatte, hegt sich in sich selbst. „Sich in Verse hüllen, als wären es / Schutzgewänder, schön / weltabweisend . . .“



Walser sitzt der Tod im Nacken. Meistens dreht er sich nicht um, manchmal ein wenig. „Mein Körper verlangt Privilegien“, heißt es. „Er droht mit Kündigung. Nimm sie doch an!“ Aber das will er noch nicht wirklich, noch nimmt er zu sehr Anteil am Weltbetrieb. Dann dringt der alte Walser durch, der Mitsprecher, Querdenker, Berserker. „Eine Lücke möchte ich sein im Zaun / der Welt. Hereinströmen sollte durch mich / das, was nicht hineindarf. Blühen möchte ich / im Eis der Gegenwart. Stürzen in jede Höhe.“ Nur hin und wieder will er weise sein. „Oft verabrede ich mich mit mir und gehe nicht hin. Ungern begegne ich mir. Hoffentlich sterbe ich weg, bevor ich mir sage, was ich denke von mir.“

Walser will Anteilnahme. Im Literaturbetrieb mischt er seit Jahrzehnten mit, nun ist er ruhiger, das hält er für angebracht. „Das Alter ist ein Zwergenstaat, regiert von jungen Riesen.“ Einsicht, die verkündet werden soll. Die Botschaft an den kollegialen und medialen Betrieb. Aber hadern alte Menschen nicht immer allein? Immerhin im Arbeitszimmer seines Hauses in Überlingen am Bodensee, mit guter Aussicht. „Es sollte erlaubt sein, sich das Leben zu nehmen“, hat er vor wenigen Monaten in einem Interview gesagt. Und er gab zu, dass er die Notizen aus seinen 46 Tagebüchern durchstöbert hat. Was er einst für sich dachte und erkannte, sollen nun alle wissen. Er wolle ja gar nicht recht haben, betont er immer wieder. Sondern „nur sagen dürfen, was ich denke“.

Martin Walser wird immer kürzer, er verknappt die Sprache. Das habe mit dem Atem zu tun, da habe seine Kapazität abgenommen. Doch sei ein Punkt gesetzt, sei es gut. Der Autor will Versöhnung, aber seine Verletzbarkeit ist noch stark im Alter. Wieder schimpft er über seine Kritiker und deren Kritiken. Er habe so viel in seinen Tagebuchnotizen gefunden, dass er bis zum 150. Lebensjahr zu tun hätte. Das wäre dann doch zu viel.

Martin Walser: Spätdienst. Bekenntnis und Stimmung. Rowohlt, 208 S., 20 €.