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Übersetzerpreis
Marathonläufer im Gebirgsmassiv

Seine Übertragung von Baudelaires „Les fleurs du mal“ setzt Maßstäbe: Simon Werle.
Seine Übertragung von Baudelaires „Les fleurs du mal“ setzt Maßstäbe: Simon Werle. FOTO: Simon Werle
Saarbrücken. Würdiger Abend: Die Vergabe des Eugen-Helmlé-Übersetzerpreises an Simon Werle. Christoph Schreiner

() Die konzentrierte Unbeirrtheit der  Lesung aus Baudelaires „Les fleurs du mal“ zuletzt machte die Verleihung des Eugen-Helmlé-Übersetzerpreises (dotiert mit 10 000 Euro) am Donnerstag auf dem Halberg zur berückenden Weihestunde der Literatur. Dank Simon Werle und Alain Lance, die sich als fabulöse Vortragskünstler erwiesen und sieben umfängliche Baudelaire-Gedichte auf Französisch und Deutsch lasen, ja fast deklamierten. Es kommt heute nicht oft vor, dass außer dem Wort nichts zählt. Kein Raum für Geschwafel und Getue bleibt. Mit einem Wort: Selten verlief eine Feierstunde würdiger als diese.


Weil es mehrere Grußworte gab (ein launiges von SR-Intendant und Hausherr Thomas Kleist, ein wohlgesetztes von Oswald Bubel, dem Vorsitzenden der Stiftung ME Saar, und dazu ein gediegenes von Sulzbachs Bürgermeister Michael Adam – sprich von den drei Preisstiftern SR, ME-Stiftung und Stadt Sulzbach), wurden am Ende gleich zwei Feierstunden daraus. Dass sie nicht ermüdeten, dafür sorgte zunächst Laudator Joseph Hanimann, Pariser Kulturkorrespondent der „Süddeutschen Zeitung“. Er hob damit an, dass Rezensionen internationaler Literatur im Grunde doppelten Umfang verdienten: um das Werk des Übersetzers zu würdigen, der meist sträflich heruntergespielten „Verständnishilfskraft“. Hanimann hangelte sich durch das gesamte, eigene Romane und Stücke einschließende künstlerische Schaffen des aus dem nordsaarländischen Freisen stammenden, in München lebenden Helmlé-Preisträgers Simon Werle (60): Ehe Werle jüngst „neue Stollen durch Baudelaires Gebirgsmassiv“ (Hanimann) bohrte und dabei eine bewundernswerte Bild- und Klangfülle barg, hätten seine Übertragungen von Molière, Racine oder Bernard-Marie Koltès bereits sein eindrückliches Übersetzerspektrum offenbart. Was Walter Benjamin dereinst „die Nachreife der ursprünglichen Worte“ durch die Übersetzung genannt hatte, sah Hanimann in Werles, „semantische Echos hörbar“ machender und zugleich äußerste Texttreue verinnerlichender Baudelaire-Neufassung mustergültig eingelöst.

Simon Werles folgende Dankesrede war selbst ein kleines Lehrstück sprachlicher Prägnanz. Als gestalte er ein Mauerwerk, in dem kein Wort­stein schief sitzen dürfe. Werle sprach von dem „ästhetischen Nullpunkt“, an dem man als Übersetzer der Stimme eines anderen lausche. Und es bei kanonisierten Autoren überdies mit einem „Chor diffuser und prägnanter Stimmen“ zu tun habe: im Falle Baudelaires namhaften Nachdichtern, Exegeten, Philologen. Im Gespräch mit SR-Literaturredakteur Ralph Schock bekannte Werle, er stehe nach seinem in nur 15 Monaten absolvierten „Fleurs du mal“-Marathon nun „am Anfang einer ernsten Beschäftigung mit Charles Baudelaire“. Es lag keine Koketterie darin.



Einen Mitschnitt der Preisverleihung sendet SR2KulturRadio am kommenden Dienstag ab 20.04 Uhr.