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Literarische Übersetzung
Brücken bauen „aus dem anderen Deutschland“

Die Übersetzerin Ruth Achlama in ihrer Wohnung in Tel Aviv.
Die Übersetzerin Ruth Achlama in ihrer Wohnung in Tel Aviv. FOTO: dpa / Stefanie Järkel
Tel Aviv. Die in Mannheim geborene Übersetzerin Ruth Achlama überträgt in Tel Aviv unter anderem Werke von Amos Oz ins Deutsche. Von Stefanie Järkel

Den Namen Ruth Achlama findet man in jeder gut sortierten deutschen Buchhandlung. Doch wohl keiner der Kunden sucht nach ihm, denn Achlama schreibt selbst keine Bücher. Die Deutsch-Israelin übersetzt sie – vom Hebräischen ins Deutsche, darunter Werke der großen israelischen Schriftsteller Amos Oz, Meir Shalev und Abraham B. Jehoschua. „Vom Übersetzen habe ich immer geträumt. Ich arbeite sehr gerne mit der deutschen Sprache“, sagt die 72-Jährige in ihrer Wohnung in Tel Aviv; vor dem Fenster stehen Palmen, unter der Decke dreht sich der Ventilator in der brütenden Hitze. „Das ist auch ein Brückenbau“ – zwischen Israel und Deutschland.


Achlama wurde 1945 als Renate Böteführ in Quedlinburg (heute Sachsen-Anhalt) geboren und wuchs in Mannheim auf. „Ich dachte, es war die Aufgabe meiner Generation, die Ärmel aufzukrempeln, Deutschland aufzubauen, auch moralisch, und wieder gesellschaftsfähig zu machen“, erzählt sie. Sie wollte im Ausland zeigen, dass „es auch „das andere Deutschland“ gibt“, zitiert Achlama den israelischen Staatsgründer David Ben Gurion.

Schon als Jugendliche entwickelte sie ihre Begeisterung für Israel, wie sie erzählt. 1969 besuchte sie das Land das erste Mal, arbeitete in einem Kibbuz nahe der Küstenstadt Aschkelon, bereiste Israel. „Mich hat das fasziniert: der Phönix aus der Asche“, sagt Achlama über den damals jungen Staat, gegründet wenige Jahre nach der Ermordung von sechs Millionen Juden durch die Nazis. Zuvor hatte Achlama Jura in Heidelberg studiert und einen ersten Kurs in Hebräisch belegt. In Israel lernte sie weiter die Sprache, in der Vokale oft nicht ausgeschrieben werden und es drei verschiedene „S“ gibt. Parallel entschied sie sich fürs Judentum und konvertierte, noch bevor sie ihren späteren Mann Abraham kennenlernte.



Achlama studierte nach dem Jura-Abschluss ein Jahr Judaistik in Cincinnati und träumte weiter vom Übersetzen. 1974 ging sie mit Abraham nach Israel, wurde israelische Staatsbürgerin und arbeitete nach einem entsprechenden Studium als Bibliothekarin. Mit Mitte 30 fing sie an zu übersetzen. „Die Verlage haben mir eine Chance gegeben, weil sie nicht viel Auswahl hatten.“ Schnell durfte sie sich einem der größten israelischen Schriftsteller, Amos Oz, widmen. „Und dann lief der Laden.“ Rund 70 Bücher hat Achlama übersetzt, wie sie sagt. Allein elf von Amos Oz, zehn von Meir Shalev und sieben von Abraham B. Jehoschua. 100 Seiten im Monat laute eine Faustregel – drei schmale oder zwei normale Bücher im Jahr. Aktuell beschäftigt sie sich mit einem Briefroman über den Holocaust.

Für ihre Arbeit wurde Achlama 2015 mit dem damals neu gegründeten Deutsch-Hebräischen Übersetzerpreis ausgezeichnet. In den Ruhestand will Achlama erst gehen, wenn es keine Aufträge mehr gibt. „Bisher ist da keine Gefahr“, sagt sie, der Kollegenkreis sei überschaubar. Achlama zählt rund eine Hand voll Hebräisch-Deutsch Übersetzer für Literatur – in den 90er Jahren gehörte dazu auch die Saarbrücker Übersetzerin Vera Loos. Wie wäre es mal mit einem eigenen Werk? „Ich schreibe gar nicht. Ausgeschlossen.“ Warum? „Weil ich mir nichts ausdenken will.“