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Museumsneubau
Mannheimer Quadrate oder: Innen schlägt Außen

Blick in das Atrium der Kunsthalle (vom Büro von Gerkan, Marg und Partner gebaut) mit Anselm Kiefers gewaltiger Installation „Sefiroth“.
Blick in das Atrium der Kunsthalle (vom Büro von Gerkan, Marg und Partner gebaut) mit Anselm Kiefers gewaltiger Installation „Sefiroth“. FOTO: dpa / Uwe Anspach
Mannheim. Am Wochenende hat Mannheims Kunsthalle ihren fast 70 Millionen Euro teuren Neubau eröffnet – um gleich wieder bis Juni zu schließen.

(dpa/SZ) Deutschlands derzeit größter Neubau eines Kunstmuseums spannt am Mannheimer Friedrichsplatz ein dünnes Geflecht aus Edelstahl um einen quadratischen Kubus. Was im Entwurf der Hamburger Architekten von Gerkan, Marg und Partner (gmp) noch kupferfarben leuchtete, wirkt im matten Winterlicht ganz anders, sehr viel klobiger. Vor der modernen Mannheimer Kunsthalle erledigen Handwerker letzte Arbeiten, bevor Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier heute zur Schlüsselübergabe anreist. Das 68,3 Millionen Euro teure Sammlungshaus hat Strahlkraft über Baden-Württemberg hinaus.


„Unsere tolle Architektur ist das Gegenteil eines Elfenbeinturms, was ein Kunstmuseum sehr leicht werden kann und steht für eine Öffnung des Hauses“, sagt Direktorin Ulrike Lorenz. Für die Gemälde und Skulpturen dürfte es nicht leicht werden, gegen die sich Innen auftuenden Attraktionen des Gebäudes anzukommen. Da sind die spektakulären Blicke: auf der einen Seite auf Mannheims Wahrzeichen, den Wasserturm, auf der anderen Seite auf den roten Sandstein des Altbaus. Und da ist die offene, viel Licht gewährende Architektur mit Brücken, Treppengassen, insgesamt 13 türlosen Galerieräumen und einem alleine 700 Quadratmeter großen, 22 Meter hohen Atrium.

Unter dem Glasdach hängt dort bereits die drei Tonnen schwere Installation „Sefiroth“ von Anselm Kiefer. In Mannheim wird die wohl weltgrößte Privatsammlung von Kiefer-Werken zu besichtigen sein. Abzuwarten bleibt, wie die Kollektion des Duisburger Bauunternehmers Hans Grothe mit Meisterwerken wie Manets „Die Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko“, dem schreienden Papst von Francis Bacon oder den Skulpturen von Mario Merz und Henry Moore kontrastiert. Denn noch sind viele Wände kahl. Nach Steinmeiers Besuch schließt die Kunsthalle wegen abschließender Innenarbeiten bis 1. Juni. „Wir hätten wohl schon im Sommer nüchtern in Blick nehmen müssen, dass eine Eröffnung am Jahresende nicht realistisch ist“, sagt Lorenz. Das sei im ersten Moment bitter. „Aber wir haben dieses Gebäude in zweieinhalb Jahren erstellt, das ist die positive Bilanz. Und wir sind im Budget“, sagt die seit 2009 amtierende Direktorin.



Der Entwurf des Neubaus, der den abgerissenen Mizlaff-Bau von 1983 ersetzt, spielt auf die historische quadratische Stadtstruktur von Mannheim an. Wie Häuser um einen Marktplatz gruppieren sich sieben Ausstellungsräume um das Atrium. Eine lange Treppe mit breitem Betonrahmen führt in die erste Etage. Dort gibt ein großes Fenster einen Panoramablick frei. Auch zum Jugendstilbau hin ist die Front verglast – Direktorin Lorenz versteht das als Geste des Respekts für das Mutterhaus. Letztlich mache die Kunsthalle die Stadt zum Anschauungsobjekt, sagt sie. Spätestens mit der Eröffnung im Juni soll das Herz der bildenden Kunst in Mannheim wieder stärker schlagen. Es geht nicht nur um mehr Platz für Gemälde und Skulpturen. Mit dem Neubau will sich das Museum der Kurpfalzstadt mit 300 000 Einwohnern neu erfinden. Die Digitalisierung der Kunstwerke läuft.

 Die Initialzündung für den Neubau kam von dem Mäzen (und SAP-Gründer) Hans-Werner Hector. Der gebürtige Pfälzer spendete 50 Millionen Euro. „Die Stadt selbst stellt zum Beispiel die Außenanlagen fertig und hat zehn Millionen Euro zum Baubudget beigetragen“, sagt Lorenz. „Es ist aus meiner Sicht einmalig, dass dieses öffentliche Museum mit überwiegend privaten Mitteln ermöglicht wurde“, betont Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD). „Der Ort hat das Potenzial, die Stadt anders zu repräsentieren und ein interessanter Begegnungsort zu werden.“ Viele Mannheimer aber zweifeln noch, ob sich der durchaus spröde Neubau harmonisch in eine urbane Nahtstelle mit Jugendstilensemble fügt. „Einfallsloser Klotz“ und „Seelenloses Vorstadt-Parkhaus“ hieß es etwa in Leserbriefen.