| 20:44 Uhr

Saarbrücker Ophüls-Festival
Männerwelten und Luxemburger Güllegruben

kul-krieps1
kul-krieps1 FOTO: Les Films Fauves
Saarbrücken. Blick auf die letzten fünf Wettbewerbsspielfilme des Ophüls-Filmfestivals – sie reichen vom absurden Märchen zur archaischen Alpensaga. Von Thomas Reinhardt

Die letzten fünf  Langfilme im Wettbewerb: Wie so oft beschäftigen sich die Nachwuchsregisseure mit dem Themenkomplex Erwachsenwerden / Suche nach Identität / den Platz im Leben finden. Dabei geht es auch um schmerzhafte Verwandlungen  – und das in formal ganz unterschiedlichen  Werken.


 

„Axel der Held“ von Hendrik Hölzemann (heute: 20 Uhr, CS 3; Fr: 17 Uhr, CS 1; Fr: 21.45 Uhr, CS 3; Sa: 12.15 Uhr, CS 1; So: 19.45 Uhr; CS 3) ist als absurdes Märchen angelegt. Da gibt es einen bösen König, der eine große Hühnerfarm und ein Spielcasino besitzt. Das ist praktisch: Das wenige Geld, das die Menschen bei ihm verdienen, geben sie im Casino gleich wieder aus. So sind alle bei ihm verschuldet – und der König kann machen, was er will. Zum Beispiel mit der jungen Jenny (reizend: Emilia Schüle), die ihm ein Kind schenken soll. Der zögerliche Tagträumer Axel (Johannes Kienast) will Jenny retten, unterstützt von dem mutigen Einzelgänger Heiner (Christian Grashof), der als Winnetou verkleidet zu seinem Freund wird. Kann Axel, der bisher nur in seiner Phantasie zum Helden wird, auch im realen Leben bestehen? Die drastischen, slapstickartigen Traum-Szenen voller Gewalt und Blut gehören zum Besten an diesem Film, der ansonsten unentschlossen zwischen schwarzer Komödie und romantischem Märchen pendelt und weder von der Geschichte noch von der Umsetzung her überzeugt.



Von der Märchenwelt ins Krankenzimmer: „Draußen in meinem Kopf“ von Eibe Maleen Krebs (heute: 19 Uhr, CS 1; Fr: 17.15 Uhr, CS 3; Fr: 22.15 Uhr, CS 2; Sa: 13 Uhr, CS 1; So: 18.15 Uhr, CS 5)   ist ein Kammerspiel, das sich um eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen zwei jungen Männern dreht. Christoph (Nils Hohenhövel) kommt in seinem Freiwilligen Sozialen Jahr in ein Pflegeheim, wo er sich um denn schwerkranken 28-jährigen Sven (Samuel Koch) kümmern soll. Der ans Bett gefesselte Sven ist der Chef, er hat das Sagen, er kann herrisch, launisch und zynisch sein. Christoph ist ruhig und zurückhaltend, höflich und hilfsbereit. Und seine Geduld wird auf harte Proben gestellt. Wie die beiden Männer sich kennen lernen, wie sie zu Beginn reagieren, wie sich ihre Beziehung entwickelt, wie sich die Beiden wandeln, sich die Machtpositionen verschieben, das vermittelt  die Regisseurin behutsam und glaubwürdig. Der Film hat einige Längen und ist visuell eher brav, doch die sehr gut gespielte Geschichte mit ihrem bewegenden Ende wirkt nach.

Vom Pflegeheim in den Polizeialltag:  In  „Cops“ von Stefan A. Lukas (heute: 19 Uhr, CS 4; Fr: 11 Uhr, CS 1; Fr: 17 Uhr, CS 3; Sa: 15 Uhr, CS 2; So: 18 Uhr, CS 2)  steht der junge Polizeirekrut Christophe (Laurence Rupp) im Mittelpunkt. Er hat gerade den Sprung in die berüchtigte Wiener Spezialeinheit WEGA geschafft. Bei seinem ersten Einsatz schießt er in vermeintlicher Notwehr einen psychisch kranken Mann nieder. Sein Vorgesetzter und seine Kollegen feiern ihn als Lebensretter, doch der Fall wird untersucht, und der traumatische Einsatz lässt  den jungen Polizisten nicht mehr los, Panikattacken und Flashbacks setzen ihm immer mehr zu. „Cops“ zeigt mit viel Atmosphäre und Tempo, mit starken Bildern und Geräuschen ein System, das von Gewalt, vermeintlicher Stärke und einer völlig übertriebenen Männlichkeit beherrscht wird. Wenn diese Männer ihre Uniform angezogen haben, verwandeln sie sich in Kampfmaschinen. Sie fühlen sich als Krieger, die die Welt retten müssen – koste es, was es wolle.

Von der Polizeikaserne in die bäuerliche  Provinz: Auch „Gutland“ von Govinda Van Maele (Fr: 13.30, CS 1; Fr: 20 Uhr, CS 8; Sa: 10.15 Uhr, CS 4; Sa: 17 Uhr, CS 5; So:  14.45 Uhr, CS 3) erzählt von einer Verwandlung. Jens (Frederick Lau) ist nach einem Überfall in Deutschland mit der Beute nach Luxemburg geflüchtet und sucht sich in der Region Gutland eine Arbeit als Erntehelfer. Im Dorf begegnen die Bewohner dem langhaarigen, wortkargen Man zunächst mit Misstrauen, doch dann lernt er Lucy (Vicky Krieps) kennen und lebt sich besser ein.  Um nicht aufzufallen, muss Jens so manche Kompromisse eingehen und ehe er es richtig bemerkt, wird er in eine ganz bestimmte Rolle gedrängt. „Gutland“ ist ebenso behutsam wie packend erzählt, überzeugt als mysteriöse, hintergründige Geschichte mit Krimi- und schwarzhumorigen Thriller-Elementen – und wenn die Güllegrube ins Spiel kommt, lässt „Fargo“ grüßen.

Vom Luxemburger Sommer  in die winterlichen Alpen: „Hagazussa“ von Lukas Feigelfeld (heute: 21.45 Uhr, CS 1; Fr: 10 Uhr, CS 5; Fr: 20.30 Uhr, Camera Zwo; Sa:  12 Uhr, CS 3; So: 17.30 Uhr, CS 8)  ist einer der formal wagemutigsten Filme des Wettbewerbs. In langen Einstellungen, mit einem ruhigen Rhythmus, mit düsteren und rätselhaften Szenen und furchterregenden Geräuschen nimmt er die Zuschauer mit auf eine gruselige Reise ins 15. Jahrhundert. In einer einsamen Berghütte leben das Mädchen Albrun und ihre Mutter. Als diese stirbt, ist Albrun auf sich allein gestellt. 20 lange Jahre ziehen ins Land, Albrun, als „Hexe“ gemieden,  ist inzwischen selbst Mutter und hütet als Einsiedlerin ihre Ziegen.  „Hagazussa“  ist schwere Kost: ein archaisches, bildgewaltiges Stück Kino über  Traumata, Angst, Albträume und Wahnvorstellungen. Kompromisslos – und preiswürdig.

Kritiken und Interviews zum Festival unter www.saarbruecker-zeitung.de/
kultur und www.facebook.com/saarbrueckerzeitung.kultur

Samuel Koch in "Draußen in meinem Kopf". Foto: Martin Menke / Junafilm
Samuel Koch in "Draußen in meinem Kopf". Foto: Martin Menke / Junafilm FOTO: Martin Menke / Junafilm / Martin Menke