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Luther und die Nackedeis

Düsseldorf. Das Museum Kunstpalast Düsseldorf widmet sich mit „Meister. Marke. Moderne“ dem Maler Lucas Cranach. Welf Grombacher

Er gab der Reformation ein Gesicht. Nicht nur, weil Lucas Cranach der Ältere in Wittenberg immer wieder den Theologieprofessor Martin Luther malte und so dessen Bild bis zum heutigen Tag maßgebend prägte. Sondern auch, weil er die Flugblätter des Reformators illustrierte und dadurch half, in einer Zeit, in der die meisten Menschen noch nicht lesen konnten, die neuen Ideen im Land zu verbreiten.

Das Museum Kunstpalast in Düsseldorf nimmt deswegen den 500. Jahrestag von Luthers Thesenanschlag zum Anlass, das Werk von Lucas Cranach dem Älteren (1472-1553) neu zu beleuchten. Die von Gunnar Heydenreich, Daniel Görres und Beat Wismer kuratierte Ausstellung widmet sich unter dem Titel "Meister. Marke. Moderne" dem Künstler und Unternehmer, der es stets verstand, sich zu vermarkten und bei Auftragswerken wie der "Enthauptung Johannes des Täufers" (1515) aus Werbezwecken schon mal sein eigenes Porträt, als Landsknecht getarnt, mit aufs Bild mogelte.

Als Sohn des Malers Hans Moller 1472 im fränkischen Kronach geboren, weswegen er sich später nach dem Geburtsort "Cranach" nennt, ist er schon über 30, als er in Wien erstmals in Erscheinung tritt. 1505 beruft ihn Friedrich III. als Hofmaler nach Wittenberg. Dort zählt er bald zu den angesehensten Bürgern, ist zeitweise Bürgermeister und vermehrt sein Vermögen: Sechs Häuser gehören der Familie in der Stadt. Darunter eine Werkstatt, eine Druckerei und eine Apotheke, deren Besitz das Schankrecht einschließt, ein lukratives Gewerbe. Cranach unterhält weniger ein Maleratelier denn eine Gemälde-Manufaktur. Die beiden Söhne Hans (1513-1537) und Lucas Cranach der Jüngere (1515-1586) arbeiten in der Werkstatt mit, dazu bis zu neun Angestellte. Es wird produziert wie am Fließband.

Mehr als 5000 Bilder verlassen in 50 Jahren die Werkstatt. Nicht an alle hat der Meister selbst Hand angelegt. Bei manchem lieferte er nur die Zeichnung als Vorlage. Auch bei den meisten der 200 Werke, die in Düsseldorf zu sehen sind, fällt die Handscheidung schwer. Darunter sind wertvolle Leihgaben aus der Eremitage in Sankt Petersburg, dem Metropolitan Museum of Art in New York und dem Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid. Einzelne Säle widmen sich den Auftragsarbeiten und Porträts für Kurfürst Friedrich den Weisen von Sachsen oder dem herrlichen Prager Altar, dessen erhalltene Fragmente hier wieder vereint werden.

Großen Raum nehmen in Düsseldorf die "nacketen Bilder" ein. Hatte der findige Geschäftsmann Cranach doch früh begriffen, was man heute mit "Sex Sells" bezeichnet. Mehr als Dürer nutzte er mythologische und literarische Stoffe, um nackte Haut zu zeigen. Ob bei "Venus und Cupido" (1509) oder den "Drei Grazien" (1535). Dutzendweise produzierte Cranachs Werkstatt Venus, Diana, Lucretia und andere Nymphen, die bei aufstrebenden Stadtbürgern und kaufmännischen Patriziern reißenden Absatz fanden.

Mit der Einschätzung des Humanisten Philipp Melanchthon, der Albrecht Dürer vorzog und Cranach als "schlicht" bezeichnete, setzte für lange Zeit eine negative Einschätzung ein. Cranachs Leiber galten vielen als unproportioniert und manieristisch. Erst in den vergangenen Jahren setzte eine Neubewertung ein.

Die Akt-Darstellungen waren es auch, die Künstler der Moderne faszinierten. Das letzte Kapitel der Ausstellung widmet sich der Rezeption des Meisters und zeigt neben Pablo Picassos Lithografien nach Cranachs "David und Bathseba" (1947-49) auch Otto Müllers "Stehender Akt mit Dolch" (1903) und Andy Warhols "Portrait of a Woman (after Cranach)" (1984). Sie allesamt erkannten den eigenen Stil dieses lange Zeit im Schatten Dürers stehenden Künstlers.

Bis 30. Juli. Museum Kunstpalast Düsseldorf, Ehrenhof 4-5. Informationen unter cranach2017.de und lucascranach.org