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Literatur
Liebesverwesungen und Leidbefall

Saarbrücken. Auch in seinem neuen Roman „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ erzählt Wilhelm Genazino wieder nur von einem Lebensstreuner. Zuletzt nimmt er einen aber doch wieder gefangen. Wie macht er das bloß? Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Auch im neuen, inzwischen 21. Roman von Wilhelm Genazino (75) ist eigentlich alles wie immer: Erzählt wird aufs Neue von einem älteren, antriebslosen Müßiggänger und notorischen Stadtstreuner, der keiner geregelten Arbeit nachgeht (eigentlich diesmal gar keiner), der wechselnde Frauenbeziehungen unterhält (mit einem Faible für den Busen seiner Gefährtinnen) und ansonsten „in dem schwarzen Komplex namens ,Wiederholung’ angekommen“ ist, wie es gegen Ende einmal heißt.



Weil insoweit der neue Roman selbst den von dem in Frankfurt lebenden Schriftsteller über die Jahre immer weiter perfektionierten Genazino-Komplex namens Wiederholung  einmal mehr einlöst, stellt man sich als alter Genazino-Sympathisant beim Lesen von „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ denn auch irgendwann die Frage, ob er literarisch nur noch auf der Stelle tritt. Die Antwort fällt lange Zeit nicht ganz eindeutig aus. Am Ende der 176 Seiten aber hat Genazino, der einem größeren Publikum erst 2004, nachdem er den Büchner-Preis erhalten hatte, bekannt wurde, einen doch wieder für sich eingenommen – und, ja, gefangen genommen.

Einmal mehr gelingt ihm das nicht geringzuschätzende Kunststück, einen ganzen Roman lang die Welt einzig und allein aus der Perspektive eines grenzenlos selbstbezogenen Ichs zu spiegeln, das noch dazu sein Leben am liebsten „stilllegen“ würde. Mit einem Wort: Außer ebenso kursorischen wie kuriosen Alltagsbeo­bachtungen und Lebensbetrachtungen passiert wieder nicht viel bei Genazino. Schon auf der ersten Seite stellt ihn sein Autor uns mit den Worten vor: „Ich gehörte zu den vielen Herumstreunern, die nicht recht wussten, was sie hier zu suchen hatten.“ Wobei  „hier“ nicht alleine Frankfurt meint, sondern die Welt überhaupt. Früher verdingte er sich als Bibliothekar, Wertpapierhändler und Provinzredakteur, inzwischen aber lebt er von irgendwelchen Ersparnissen und trägt sich mit dem Gedanken, sich als Hosenberater selbständig zu machen. Woraus genauso wenig wird aus einem Disponenten-Job, den er nie antritt.

Umso ausdauernder meditiert Genazinos immer nur erwägende, gleichsam konjunktivische Natur über das eigene, von zahllosen Erinnerungsresten und Alterungsanzeichen durchzogene Leben. Er erwägt, verwirft, bedenkt die unausweichliche „Liebesverwesung“, mögliche „Sexualimbisse“ und die „Teilverunstaltung“ seiner Umwelt (siehe nebenstehendes Info mit einigen Komposita-Bonmots des neuen Romans). Stück um Stück baut Genazino damit einen subjektiven Totalkosmos auf, der ausschließlich um sich kreist. Sodass, wenn sein namenloser Antiheld durch „die schon lange erschöpften Straßen“ läuft oder er routinierte, doch kurzweilige Beischlafabende beschreibt, sein Blick und Sentiment allein alles andere einfärbt. Dabei treibt Genazino sein erzählerisches Verfahren immer wieder auf ironische Spitzen, etwa wenn es einmal heißt: „Aber leider waren meine inneren Verhältnisse vollkommen unanschaulich.“ Was falsch und richtig zugleich ist. Falsch, weil seine verlotterte Figur in all ihren Gemütswechseln (sei es Ratlosigkeit als Lebenskunst, Verletzlichkeit, Zermürbtheit oder ihre Selbstverlassenheit) sichtbar wird. Richtig, weil ihre permanenten Selbstbeobachtungen sie vor lauter „Wirklichkeitsdoubletten“ zusehends lähmen.

Dass der Roman trotz seines auf fast quälende Weise unbeirrt durchexerzierten Dreischritts aus Einfällen, Eindrücken und Erwägungen nicht auf der Stelle tritt, verdankt sich nicht zuletzt der introspektiven stilistischen Meisterschaft Genazinos. Er packt in seine nur vordergründig gewöhnliche Figur genug schonungslose Lebensweisheiten und verbreitete Konfliktklassiker hinein, sodass wir uns hier und da in ihr wiedererkennen können (oder müssen). Er tut dies auf so beiläufige, alltagsgeschulte Weise, dass die Absurdität der menschlichen Existenz nur umso deutlicher wird.



Wenn man so will, ist „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ die Probe aufs Exempel einer prekären Existenz, die in keinem beruflichen Hamsterrad oder ehelichen Gewohnheitsdoppel steckt und deshalb vor lauter Untätigkeit und (nur zeitweilig von Frauenbesuchen unterbrochener) Isolation ihr eigenes Dasein immer neu bezeugen muss. Genazinos Figuren tun dies von jeher, in dem sie in sich hineinhorchen, sich entweder von Erinnerungen oder Umgebungseindrücken nähren und sich mit alledem notdürftig die Zeit (und Leere) vertreiben. Konsequenterweise legt Genazino sein Buch denn auch als monomanische Gedankenwanderung an, in der alles gleichermaßen Gewicht hat und unverbunden nebeneinander steht, was die endlosen Parataxen erklärt: Empfindungen stehen neben Alltagsszenen, Sorgen neben Dialogfetzen, Tagesbilanzen neben Ideen.

Zuletzt gelingt Genazino unter der Hand doch wieder ein bisweilen äußerst komisches Stück Desillusionierung, das bei aller Selbstbezogenheit des Erzählers noch genug Raum für das Skizzieren heute verbreiteter Paarbeziehungen lässt.

Wilhelm Genazino: Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze. Hanser, 176 Seiten, 20 €.