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Bedingungsloses Grundeinkommen
Lieber für etwas sein statt nur gegen alles

54 Prozent aller europäischen Arbeitsplätze könnten nach Prognosen der Oxford University bis 2040 von Maschinen und Robotern übernommen werden. Für Rutger Bregman ist dies einer der Gründe, für eine Umverteilung der Einkommen (bedingungsloses Grundeinkommen), der Zeit (Arbeitszeitverkürzung) und der Steuern (Besteuerung des Kapitals statt der Arbeit) zu plädieren. Unser Foto zeigt einen Roboter im Karlsruher Institut für Technologie (KIT).
54 Prozent aller europäischen Arbeitsplätze könnten nach Prognosen der Oxford University bis 2040 von Maschinen und Robotern übernommen werden. Für Rutger Bregman ist dies einer der Gründe, für eine Umverteilung der Einkommen (bedingungsloses Grundeinkommen), der Zeit (Arbeitszeitverkürzung) und der Steuern (Besteuerung des Kapitals statt der Arbeit) zu plädieren. Unser Foto zeigt einen Roboter im Karlsruher Institut für Technologie (KIT). FOTO: dpa / Christoph Schmidt
Saarbrücken. Wie Rutger Bregman für ein bedingungsloses Grundeinkommen mobil macht und welche Argumente er hat. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Utopien sind heute Mangelware, obwohl die Flickschusterei heutiger Politik ihre Renaissance begünstigen müsste. Seit dem Ende des Kommunismus stehen Utopien jedoch im Ruf, nur Irrwegen Tür und Tor zu öffnen. Einer der wenigen Utopisten von Format ist der niederländische Historiker Rutger Bregman. Die von ihm in Europa federführend mitpropagierte Utopie wird mittlerweile viel diskutiert und derzeit in einer finnischen Studie von 2000 Leuten erprobt: Bregman setzt auf ein bedingungsloses Grundeinkommen. Was es damit auf sich hat, führt er in „Utopien für Realisten“ aus. Wer das Buch liest, merkt: Bregman hat durchaus stichhaltige Argumente.


Eine mit indischen Zuckerrohrbauern durchgeführte Studie zweier US-Wissenschaftler (Princeton-Psychologe Eldar Shafir und Harvard-Ökonom Sedhil Mullainathan) öffnete Bregman die Augen. 60 Prozent ihres Jahreseinkommens erhielten diese Bauern unmittelbar nach der Ernte, sodass sie eine Zeit lang genug Geld hatten, gegen Ende des Jahres aber wieder verarmten. Die Studie ergab, dass der IQ der Bauern während der Zeit ihrer Verarmung um 14 Prozent sank. Für Bregman begründete sie eine „revolutionäre neue Theorie über die Armut“: Menschen verhalten sich anders, wenn ihre Ressourcen (ob Zeit, Geld oder Nahrung) verknappen. Ihr Fokus verengt sich ganz auf das Problem, wie mit diesem Mangel umzugehen ist. Bregman folgert, dass Armut überfordert und lähmt. Wäre es, argumentiert er, staatlicherseits nicht effektiver und billiger, Armen Geld zu schenken und darauf zu vertrauen, dass sie es sinnvoll einsetzen? Damit fädelt Bregman sein Konzept einer monatlichen Basissicherung für uns alle ein. „Ist das die Idee, auf die wir alle gewartet haben?“, fragt er sich und ist sicher, dass wir sie bejahen müssen.

Ob dem wirklich so ist, daran kann man nach der Lektüre seines erfrischend unideologisch geschriebenen Buches weiterhin Zweifel haben. Auch deshalb, weil die ins Feld geführten Studien oft zu vage oder unscharf wirken, um zu überzeugen. Stellt sich doch die grundsätzliche Frage, ob ein Grundeinkommen mittelfristig nicht Passivität zur Volkskrankheit machte. Dennoch lässt sich das Konzept nicht vorschnell als Traumtänzerei abtun. Bei seinen Recherchen stieß Bregman etwa auf eine kanadische Studie von 1973. In Dauphin, einer Kleinstadt nordwestlich von Winnipeg, finanzierte der Provinzgouverneur damals den größten je unternommenen Feldversuch zum Grundeinkommen. Dass ausgerechnet Richard „Watergate“ Nixon als US-Präsident 1974 ganz Ähnliches plante, führt Bregman in einem eigenen Kapitel aus. Nixons Plan scheiterte demnach nur daran, dass er den Demokraten nicht weit genug ging. Im kanadischen Dauphin erhielt damals, finanziert mit 83 Millionen US-Dollar, jeder der 13 000 Einwohner ein Grundeinkommen. Für eine vierköpfige Familie ergab dies den heutigen Gegenwert von 19 000 Dollar im Jahr. Vier Jahre lang wurde das Projekt evaluiert, ehe es nach der Machtübernahme der Konservativen eingestellt wurde.



Als eine kanadische Wissenschaftlerin die Daten 2009 fand und mit Quellenmaterial aus einer Landesgesundheitsstudie auswertete, offenbarte sich, dass etwa die Krankenhausaufenthalte in Dauphin zu Zeiten des gewährten Grundeinkommens um 8,5 Prozent zurückgingen. Und sich schulische Leistungen „wesentlich verbesserten“ und „niemand, außer Studenten und Müttern, zu arbeiten aufhörte“ – wie Bregman in einem Vortrag auf youtube näher ausführt, der die Thesen seines Buchs komprimiert.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen versteht er als ein gesellschaftliches Risikokapital. So zitiert Bregman eine Erhebung der britischen Regierung, derzufolge diese jeder Obdachlose jährlich ­30 000 Pfund koste (Sozialdienste, Polizeieinsätze, Rechtskosten inklusive). Im US-Bundesstaat Utah gelang es, die Obdachlosenquote durch das Bereitstellen kostenloser Unterkünfte um 74 Prozent zu senken – der Staat sparte pro Wohnungslosem jährlich weiterhin knapp 6000 Dollar an Sozialkosten. An anderer Stelle erwähnt Bregman eine Studie der Regierung Ugandas, die 12 000 Bürgern (alle 16 bis 35 Jahre alt) 2008 monatlich 382 Dollar zukommen ließ – fünf Jahre später hätten die Empfänger ihr Einkommen durchschnittlich um fast 50 Prozent erhöht. Nach Bregmans (auf ihre Seriösität leider schwerlich abzuklopfenden) Berechnungen ließen sich mit einer Basissicherung im Gesamtvolumen von 175 Milliarden Dollar, was 25 Prozent des US-Verteidigungshaushalts entspräche, alle Amerikaner über die Armutsschwelle heben. Weltweit, schreibt er, würden mittlerweile 110 Millionen Familien von „Direktzahlungsprogrammen als bester Waffe im Kampf gegen Armut“ profitieren. Um die Jahrtausendwende setzte noch niemand auf solche Programme – eines von vielen Indizien, die laut Bregman zeigen, dass auch das 2014 noch nahezu unbekannte Thema „Grundeinkommen“ in einigen Jahren Bestandteil staatlicher Daseinsvorsorge sein könnte.

 Sein Konzept zielt auf viel mehr als „nur“ Armutsvermeidung. Geht es ihm doch auch um die Zerschlagung eines großen gesellschaftlichen Narrativs: die Idealisierung von Arbeit. Dass nicht erst in diesen technoiden Zeiten, in denen Roboter bereits Hunderttausende von Arbeitsplätzen überflüssig gemacht haben (und weltweit Abermillionen weitere noch eliminiert und eine strukturelle Arbeitslosigkeit erzeugen werden), führende Ökonomen unseren Überfluss an Freizeit  als  maßgebliches Zukunftsproblem erkennen –  diese Steilvorlage lässt Bregman natürlich nicht aus. Und zitiert etwa den britischen Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes (Begründer des bis heute maßgeblichen „Keynesiasmus“, neben dem Neoliberalismus Milton Friedman’scher Prägung die bis heute wichtigste Wirtschaftstheorie). Keynes prognotizierte 1930 in einem Vortrag die 15-Stunden-Woche bis 2030. Dass die Freizeitgesellschaft bis heute auf sich warten lässt, erklärt Bregman interessanterweise unter anderem mit dem durchschlagenden „Erfolg der feministischen Revolution“. Hinzu kommt, dass Vielbeschäftigtsein heute vielen als Statussymbol gilt – vor allem jenen, die ihr Job erfüllt.

Aber all die anderen? Sehr viel mehr Menschen, die (nach einem Wort des an der Londoner School of Economics lehrenden Anthropologen David Graeber und Autor des Bestsellers „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“) „Bullshit-Jobs“ verrichten müssten, fehle diese Zufriedenheit mit ihrer Arbeit, führt Bregman aus. Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte sie in die Lage versetzen, sich fortzubilden und ihren Talenten gemäßere Jobs zu finden. Um Keynes’ 15-Stunden-Woche zu realisieren, sei der Weg noch lang, macht sich der holländische Propagandist keine Illusionen. Finanzieren ließe es sich für ihn durch die Einführung einer Finanztransaktionssteuer sowie dadurch, dass Arbeitskosten pro Arbeitsstunde statt pro Arbeitnehmer berechnet würden.

Auch wenn Bregmans Visionen im Detail unausgreift scheinen – anregend sind seine „Utopien für Realisten“ zweifellos. „Je näher die Welt zusammenrückt, desto kleiner wird die Zahl der Gewinner“, schreibt er. Weil dies bei aller Polemik nahe an der Wahrheit liegt: Wollen wir, dass dies auch so bleibt? Utopien wie die Bregmans lassen uns wieder über Auswege nachdenken. Dass radikale Vorschläge heute zu schnell abgetan werden, hat einen einfachen Grund: Politiker denken nur noch in Wahlperioden. Extrempositionen können sie sich nicht leisten. Aber wir.

Rutger Bregman: Utopien für Realisten. Rowohlt, 303 S., 18 €.

Extrakt von Bregmans Thesen auf youtube unter: www.ted.com/talks/rutger_bregman_poverty_isn_t_a_lack_of_character_it_s_a_lack_of_cash?language=de#t-569255

Geerdeter Utopist: Rutger Bregman.
Geerdeter Utopist: Rutger Bregman.