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Theaterfest Saarbrücken
Letzter Vorhang für die Chefin

Saarbrücken. Mit einem langen, aber kurzweiligen Abend hat das Staatstheater am Sonntag Dagmar Schlingmann verabschiedet.
Silvia Buss

Offizielle Verabschiedungen von Führungskräften können eine unangenehme Angelegenheit werden. Zu gravitätisch-pathetisch, verlogen beschönigend, bei großer Beliebtheit sogar rührselig. Oder wie es Dagmar Schlingmann bei ihrem Vorgänger erlebt hatte: als von Streit durchzogener Feier „mit knallenden Türen und Protest“.

Beim großen – ausgebuchten — Abschiedsfest, das das Saarländische Staatstheater am Sonntagabend für seine scheidende Intendantin inszenierte, konnte man sicher sein, dass nichts dergleichen passierte. Zum einen, weil hier Profis für Dramaturgie und Unterhaltung am Werk waren, die in rund vier (!) kurzweiligen Stunden noch einmal alles aufboten, was das Haus an schauspielerisch-musikalisch-sängerisch-tänzerischen und „partizipativen“ Kräften hergibt. Zum anderen, weil Schlingmann nach elf Jahren nun in schönster Harmonie scheidet und durch ihre erfrischend unsteife, quirlige und mutterwitzige Art, einen Ton vorgibt, der sogar auf politische Festredner überspringt. Und so schaffte es Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer in nur zehn flotten Minuten, Schlingmanns Leistungen zu würdigen: das Haus mit seinen drei eigenwilligen Sparten zu einigen, ihr Gespür für Themen (Strukturwandel, Geld), die Menschen berührten und das Theater zu einem Ort der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung machten, für die Runderneuerung der Bühnentechnik. Sogar zum „Du“  ließ sie sich hinreißen, bevor sie die innige Umarmung mit der Geehrten suchte, während Kultusminister Ulrich Commerçon vor der Umarmung später immer von „wir“ sprach. Um das „vertrauensvolle Verhältnis“ zu betonen, mit dem man nicht nur die Bauarbeiten im Zeitplan und Kostenraum habe meistern können, sondern auch das schwierige Jubiläum, bei dem es gelungen sei, aus dem als „Bollwerk zu Frankreich“ errichteten Theater eine Brücke zu Europa und den französischen Nachbarn zu machen. Auch die Öffnung des Theaters, besonders für Jüngere vor wie auf der Bühne, versäumten beide nicht zu loben.

Zum Auftakt spielte die Bergkapelle St. Ingbert, die Schlingmann zu ihrer Eröffnungspremiere, dem Bergbau-Strukturwandel-Stück „Brassed Off“ einbezogen hatte und die sich jetzt mit der „Goldenen Ehrennadel“ bei ihr bedankte. Anschließend erklärten elf Generationen Jugendclub U 21 in einer starken Performance, wie viel ihnen das Theater bedeutet, gefolgt von einem profireifen Tanz-Duo der Jugend-Tanz-Gruppe Imove (die Maguerite Donlon begründet hatte). Christoph Diem fabulierte mal wieder über das (freie) Wesen der Wohnzimmer-Sparte (vier), die hier neben den Indiepop-Schweden Next Stop Horizon auch eine Thekerin und Praktikanten als Gesangstalente an die Rampe schickte.

Da war es nur angebracht, dass sich auch die Oper von der launigen Seite zeigte: mit Kostproben aus der „Fledermaus“ und „Don Giovanni“ und einem Quiz für die einstigen Operndirektoren Brigitte Heusinger und Berthold Schneider, der dem SST die Auszeichnung Opernprogramm des Jahres eingebracht hatte. Das Staatsorchester, das sich schon morgens mit einem Konzert von seiner Intendantin verabschiedet hatte, machte mit diversen Ensemble-Einlagen seine Aufwartung. Stijn Celis reichte keck ein Party-Hütchen an Schlingmann weiter, bevor seine Balletttruppe den „Cactus“ tanzte und trommelte. Nicht zufällig kam das Schauspiel-Ensemble, mit einem Auszug aus „Der große Marsch“, einer Liebeserklärung ans Theater als Raum für Wirklichkeits-Veränderung, fast am Schluss an die Reihe.

Aus dieser, „ihrer“ Truppe werden viele Schlingmann nach Braunschweig begleiten. In ihrer Abschlussrede vergaß sie auch nicht, all die Mitarbeiter, die das Publikum nicht zu sehen bekommt, hervorzuheben. Noch eine letzte Umarmung, sie galt ihrem Nachfolger Bodo Busse, dem sie auf offener Bühne symbolisch den Generalschlüssel überreichte. Und dann dies: „Mein Publikum, ich lege Euch dieses Haus ans Herz und ich werde Euch alle ganz fürchterlich vermissen“. Da hätte man doch fast  zum Taschentuch greifen müssen.