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Krise des deutschen Buchhandels
Lesen Sie noch? Gut, wenn es noch so ist

Abtauchen ins Buch, wörtlich genommen: Eine Kunstaktion von Studenten der Düsseldorfer Kunstakademie, die dort derzeit in einem Tauchcontainer (als Teil ihrer Diplomarbeit) Alltag simulieren.
Abtauchen ins Buch, wörtlich genommen: Eine Kunstaktion von Studenten der Düsseldorfer Kunstakademie, die dort derzeit in einem Tauchcontainer (als Teil ihrer Diplomarbeit) Alltag simulieren. FOTO: dpa / Federico Gambarini
Saarbrücken/Frankfurt. Der deutsche Buchhandel steckt allen Beschönigungen zum Trotz in einer tiefen Krise. Was sind die Gründe? Und welche Folgen hat es? Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Der deutsche Buchmarkt steckt in einer schweren Krise, auch wenn seine Interessenverteter gerne das Gegenteil behaupten oder zumindest lieber die positive Facetten im ernüchternden Gesamtbild betonen. Fakt ist, dass die Buchbranche seit 2012 6,1 Millionen Buchleser bzw -käufer verloren hat, wie die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GFK) zu Tage gebracht hat. Alleine 2,3 Millionen gingen 2016 von der Fahne. Die Gründe sind vielfältig, liegen im Wesentlichen aber auf der Hand: Neben der enormen Freizeit-Konkurrenz von Streamingdiensten wie Netflix und sonstigen Digitalangeboten machen der Buchbranche der generelle Infotainment-Overkill, die immer mehr Raum einnehmenden Social Media-Kanäle und die mit alledem einhergehende sinkende Konzentrationsfähigkeit breiter Kreise zu schaffen. Ertappt man sich nicht selbst immer häufiger dabei, lieber schnell noch die News runterzudaddeln anstatt im angelesenen Roman weiterzukommen?


Das alles weiß auch Stefanie Brich, Geschäftsführerin des für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland zuständigen Landesverbandes des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Weshalb Brich konstatiert, dass das Buch für immer mehr Medienkonsumenten „offenbar nicht mehr sexy“ ist – weshalb der Börsenverein wieder mal eine große „Buchkäuferanalyse“ losgetreten hat, deren Resultate im Sommer vorliegen sollen. In der Branche werden derzeit laut Brich zwei vermeintliche Königswege diskutiert: Soll man das Medium Buch „emotionalisieren“, um ihm wieder zu mehr Aufmerksamkeit im Mediengerangel zu verhelfen? Oder nicht doch besser die spezifischen Qualitäten des Bücherlesens („das Buch als ideales Entschleunigungsmedium“, wie Brich sagt) in den Fokus rücken? Beides läuft auf dasselbe hinaus: Marketing-Offensiven sollen es wieder mal richten. Dabei ist die Blickrichtung schon das Problem: Wenn Bücher danach bemessen werden, ob sie sexy sind oder nicht, ist etwas grundsätzlich faul im Buchland Deutschland. Offenbart das Denken in derlei Kategorien nicht den Sieg der Oberfläche, des bloßen Erscheinungsbildes nach Art eines simplen Reiz-Reaktionsmusters, über Tiefe und Gehalt?

Jein – eine solche idealistische Sicht verkennt, dass das Buchhandelsgeschäft wie jedes andere eben vom Verkauf lebt und es betriebswirtschaftlich gedacht kein gutes und kein schlechtes Buch gibt. Qualitätsdiskussionen enden also schnell in einer Sackgasse. Zumal an deren Ende immer schon ein Argument namens „Mischkalkulation“ wartet – um zu erklären, dass Verlage und Buchläden überhaupt nur mit Erfolgstiteln und Massenware ihre Nischenprogramme erhalten können.



Besser macht das die Lage noch nicht. Mittel- bis langfristig dürfte sich die Krise des Buchhandels weiter verschärfen, weil die Sozialisation mit Büchern im Schwinden begriffen ist. Gelten heute Kinder, die zum Geburtstag (wie früher üblich) statt Gutscheinen oder Geld noch ein Buch schenken, nicht als Exoten? Und haben regelmäßig lesende Jugendliche heute nicht langsam Seltenheitswert? Wo sollen sie auch die Zeit hernehmen, wenn sie täglich mehrere Stunden am Computer verbringen? Sieht man sich die Verkaufsstatistik im Kinder- und Jugendbuch – mit einem Marktanteil von zuletzt 16,5 Prozent (Stand 2016) nach der Belletristik immerhin das zweitwichtigste Handelssegment – genauer an, fällt auf: Nur Kinderbücher verzeichnen noch Zuwächse. Aber womöglich nur deshalb, weil Eltern glauben, ihren Nachwuchs damit eindecken zu müssen. Hinzu kommt, dass auch die absolute Gesamtzahl der erwachsenen Buchleser in Deutschland rückläufig ist (über die Hälfte nimmt mittlerweile nie oder nur selten ein Buch zur Hand) und folglich das Heer der buchverwaisten Familienhaushalte wächst.

Andererseits: Weil der Börsenverein als wirtschaftliche Interessenvertretung von Verlagen und stationärem Handel naturgemäß den Buchverkauf propagiert und den Markt nach Absatzzahlen analysiert, sind Umsatzzahlen kein sicherer Indikator zur Beurteilung des gesellschaftlichen Stellenwertes des Lesens heute. Außer Acht bleibt dabei die Rolle wissenschaftlicher und kommunaler Bibliotheken: Nicht jedes Buch muss ja auch besessen werden. Hinzu kommt, dass gut ausgestattete Leihbüchereien gerade für Familien eine kostengünstige Alternative sind. Auch wenn die Zahl der Bibliotheksbesuche in Deutschland statistisch leicht rückläufig ist (von 2012 bis 2016 sank sie um gut drei Millionen auf 121 Millionen): Der Anblick florierender Büchereien, es gibt sie noch, versöhnt mit der von Bildschirmen aller Art (TV, Computer, Handy) unterwanderten Leserwelt. Nur: Längst nicht alle Bibliotheksnutzer sind auch Leser. Die Zahl derer, die nur Non-Books wollen oder Media-Arbeitsplätze nutzen, steigt.

Der Buchhandel wiederum hat noch ganz andere Sorgen: Der Buchhändlerberuf droht auszusterben. 2016 wurden nur noch 389 Ausbildungsverträge neu geschlossen – bundesweit. „Wie sollen die Buchhandlungen noch Nachfolger finden?“, fragt sich nicht nur die Regionalgeschäftsführerin des Börsenvereins Stefanie Brich – 40 Prozent der im Verband organisierten Buchhändler sind heute älter als 58 Jahre. Entgegnet man ihr, dass Einstiegsgehälter von 1800 Euro brutto in einer noch dazu nicht tarifgebundenen Branche alles andere als attraktiv sind, verweist Brich auf die ideellen Werte des Buchhändlerberufs. Ob das heute wohl noch ausreicht?