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Jeder für sich
Düstere Bilanz der Münchner Unsicherheitskonferenz

FOTO: SZ / Roby Lorenz
Die Münchner Sicherheitskonferenz ist immer ein Seismograph für den Zustand der Welt. Das Ergebnis diesmal: Es ist alles noch gefährlicher geworden. Die Leitfrage war die globale Stabilität, das neue „Puzzle“ der Mächte. Von Werner Kolhoff

Aber mit Ausnahme von Angela Merkel, die als einzige mit Leidenschaft den globalen Dialog und die Zusammenarbeit beschwor, war da eigentlich niemand, der auch nur minimales Interesse an einem neuen Gleichgewicht gezeigt hätte. Der Ausgleich suchte. Es ging immer nur um die eigene Stärke. Bestes Beispiel war, dass die amerikanische Delegation den Saal verließ, als der chinesische Vertreter zu reden begann. Wenn man sich sogar bei so einem Treffen nicht mehr austauscht, wenigstens zuhört, wo denn sonst?


Alle spielen enorm mit ihren Muskeln und glauben, die Konflikte knapp unter einer militärischen Konfrontation halten zu können. Es ist ein Spiel mit dem Feuer. Das gilt für China, das Taiwan und andere Nachbarn bedroht und denkt, bei Mittelstreckenraketen völlig frei von jeglichen Beschränkungen zu sein. Das gilt für Russland, das massiv aufgerüstet, die Krim annektiert und den INF-Vertrag verletzt hat. Das gilt für die USA, die überall Wirtschaftskriege anzetteln, demnächst wohl auch gegen die Europäer und ihre Autoindustrie.

Weltweit werden immer neue Spannungsherde aufgebaut, in denen es immer mehr Waffen gibt. Doch gleichzeitig werden internationale Gremien, die diese Konflikte unter Kontrolle halten könnten, geschwächt; Verträge werden gekündigt und schon erreichte Fortschritte etwa beim Klimaschutz oder bei der Rüstungskontrolle rückgängig gemacht. Hinzu kommt der Stress, der durch Bevölkerungswachstum, Klimakrise, Armut und Ressourcenknappheit auf vielen Gesellschaften lastet. Das alles vor dem Hintergrund einer neuen Verführbarkeit der Massen. Es wäre ohnehin schwer, diese aus den Fugen geratene Welt so zu steuern, dass sie sich friedlich und zum Wohle aller entwickelt. Mit so vielen Hasardeuren an den Staatsspitzen wird es nahezu unmöglich sein.



Die Welt ist multipolar und unübersichtlich geworden, der Westen als Wertegemeinschaft durch Donald Trump und den bevorstehenden EU-Austritt Großbritanniens geschwächt. Das ist der Stand der Dinge, wie er sich in München gezeigt hat. Was Deutschland bleibt, ist die Besinnung auf die eigene Stärke. Militärisch, wirtschaftlich und politisch.

Freilich, 80 Millionen Einwohner, nur ein Prozent der Weltbevölkerung – allein wird das nicht reichen. Angela Merkel hat zu Recht darauf hingewiesen. Bliebe also Europa. Das ist der Kontinent, indem überall die Nationalisten auf dem Vormarsch sind. Über dessen Union etliche Briten gerade mit sehr viel Hass reden. Und in dem zwischen Frankreich und Italien sogar wieder Feindseligkeiten ausgebrochen sind. Wenn Europa so weitermacht, auch bei der Europawahl im Mai, ist es mehr auf dem Weg in Richtung 1914 als zu einer starken Gemeinschaft, die etwas mit der Zukunft dieses Planeten zu tun hat.