| 20:21 Uhr

Colors of Pop
Laute Stummfilme und ein störrischer Synthesizer

Matthias Schuster und Trautonia Capra: Im Namen des Volkes.
Matthias Schuster und Trautonia Capra: Im Namen des Volkes. FOTO: Tobias Kessler
Saarbrücken. Der 3. Cinefonie-Tag im Rahmen von Colors of Pop verband Kino mit Auftritten von Im Namen des Volkes und der Band Control.
Tobias Kessler

  Weiche Knie bei einem fast 90 Jahre alten Film? Das kann passieren: Am Samstag hat das Bandprojekt Vortex Carl Theodor Dreyers Klassiker „Vampyr“ untermalt. Ein Stummfilm ist der nicht, wurde es aber hier: Der Ton war abgedreht, die spärlichen Dialogsätze konnte man als Untertitel lesen, während der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger (Schlagwerk/Mundorgel/Mikro für ominöses Hauchen), Gitarrist Oliver Freund und düster dräuende Sounds aus dem Rechner den Film in ein tiefschwarzes Klangkleid hüllten – die Geschichte um Vampirismus, von Dreyer in einer traumartigen Atmosphäre erzählt, hat mit der Musik eine ungeheure Wucht entwickelt.


Ein Erlebnis war das und ein Höhepunkt des gelungenen 3. Cinefonie-Tages am Samstag in Saarbrücken. In den Jahren zuvor hatte Veranstalter Jörg Mathieu, Herausgeber des Saarbrücker Filmmagazins „35 Millimeter“, seine Verbindung von Konzert und klassischem Kino ins Saarbrücker Filmhaus gebracht; diesmal zog er ins Garelly-Haus in die Eisenbahnstraße, wo abwechselnd die Musik im Erdgeschoss spielte und die Filme im ersten Stock liefen. Etwa die Stummfilmperle „The Wind“ von Victor Sjöström. Stummfilmexperte Günter A. Buchwald begleitete das schicksalssatte Werk von 1928, in dem eine Frau (Lillian Gish) in einer lebensfeindlichen Natur strandet und dort ebenso mit der Männerwelt zu kämpfen hat.  Buchwald agierte überwiegend in klassischer Stummfilmmusik-Manier, mit pianistisch hoher Schlagzahl – doch die Bilder eines dramatischen Sandsturms unterlegte er mit schrillen elektronischen Tönen, ließ es wabern und kreischen – ein schöner Kontrast und ein imposanter Film.

Auch einen Einblick in die Praxis gab es: Der Saarlouiser Musiker und Sounddesigner Sebastian Heinz stellte seine Arbeit vor, zeigte seine Untermalung eines PC-Spiel-Trailers und demonstrierte, dass diese Arbeit ein Gefummel ist: 173 Tonspuren musste er befüllen. Auch dem eigenen Ausdruck sind manchmal Grenzen gesetzt, berichtete er, gerade in der Werbung. Für eine Dusche musste Heinz eine Musik komponieren, wobei der erste Entwurf, intim und lyrisch, die Auftraggeber nicht überzeugte. Die zweite Fassung, mit episch-heroischem Hans-Zimmer-Rumms, aber schon. Heinz mag die erste Fassung mehr, „aber man ist eben oft Dienstleister“.



Danach ging es hinunter ins Erdgeschoss, wo Künstler Volker Schütz eine Wand mit Mustern bestrahlte und Im Namen des Volkes auftraten. Pochende, pulsierende Synthesizer-Musik, dazu die lässige Präsenz dieses Duos: Sänger/Keyboarder Matthias Schuster kämpfte mit einem antiken Synthesizer, um „irgendwann mal einen Ton rauszu­­kriegen“. Trautonia Capra spielte ein Theremin – jenes Instrument, das einem Fahrradlenker mit Antenne ähnelt und dem die vibrierenden Töne berührungslos per Handbewegung entlockt werden. Ein wundersames und witziges Konzert.

Musikalisch ging es nicht gänzlich synthetisch zu. Matt Howden war aus Sheffield angereist, mit Violine und einem Effektgerät, das er mit den Füßen bediente. Kurze Motive nahm er auf, ließ sie als Dauerschleife laufen, legte neue daneben, fiedelte sich in Ekstase  und wandelte ins Publikum hinein – ein herzerwärmender Auftritt.

Warmlaufzeit brauchte man bei Siegfrid Kärchers „Gedanken zum Film ,‚Metropolis‘“. Während hinter dem Künstler collagenhaft Momente aus Fritz Langs Film projiziert wurden, drehte und drückte Kärcher an blinkenden Tasten und Rädchen, ließ es wummern, wabern, dröhnen. Das wirkte anfangs wie eine Mischung aus Improvisation und Technik-Test. Danach bat er Sängerin Pia Lamusica und Trautonia Capra dazu: Thereminklänge, wummernde Elektronik und Lamusicas starke Stimme, die Texte aus dem Film in Englisch deklamierte, schraubten sich kraftvoll hoch zu  dramatischer Theatralik.

Der Tag ging mit der Band Control um Stefan Ochs, Architektur-Prof an der HTW Saar, zu Ende. Ochs, Schlagzeuger Vincenzo Gangi, Bassist Dirk Mauel und Gitarrist Stefan Strauss führten mit Coverversionen der Band Joy Division zurück in die späten Siebziger. Ein nostalgieseliger Auftritt mit viel Energie. Das Publikum hatte dabei genug Auslauf – denn der Brandschutz verlangt, dass sich höchstens 99 Menschen im Garelly-Haus aufhalten. 2018 geht es in die eli.ja – Kirche der Jugend in der Hellwigstraße.