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Lass uns mal in die Vollen gehen

Rund 4500 Quadratmeter Nutzfläche bietet der Neubau des Straßburger Architekturbüros Coulon & Partner. Foto: Stéphane Thévenin
Rund 4500 Quadratmeter Nutzfläche bietet der Neubau des Straßburger Architekturbüros Coulon & Partner. Foto: Stéphane Thévenin FOTO: Stéphane Thévenin
Thionville. Thionville verfügt nun über eine hypermoderne Stadtbibliothek mit vielfältigsten Kulturnutzungen. Nach vier Jahren Bauzeit wird das „Puzzle“ am 1. Oktober eröffnet. Was der Neubau gekostet hat, scheint ein heikles Thema zu sein. Mal spricht die Stadt von 16 Millionen Euro, dann wieder ist von 19 Millionen die Rede. Gelohnt hat sich die Investition, zeigt ein Besuch vor Ort. Silvia Buss

Wie wird die Stadtbibliothek von morgen aussehen? Bei dieser Frage verweisen Fachleute meist mit leuchtenden Augen auf Skandinavien und die Niederlande. Im preisgekrönten Delfter DOK Library Centre etwa gibt es zwar auch noch Bücher, doch scheinen sie in diesen mit interaktiver High-Tech hochgerüsteten Gebäuden nur noch eine Sorte von Medien zu sein. Und diese mehr ein Aufenthaltsort als eine Ausleihbibliothek zu sein. Ein "Dritter Ort", ein gemeinschaftsbildender Ort des Austauschs und der Begegnung, wie es früher das Dorfcafé war. Dieses auf ein Konzept des US-Soziologen Ray Oldenburg zurückgehende Konzept ist international zum regelrecht gehypten Bibliotheken-Leitbild geworden.


Auch Thionville, die 42 000-Einwohner Stadt auf der Achse zwischen Metz und Luxemburg, bekommt nun einen solchen "Troisième Lieu". Er heißt jetzt nur anders: Puzzle. Weil die Kommune zwischendurch die politische Farbe wechselte. Der neue Bürgermeister und sein Kulturbeigeordneter Jackie Helfgott von den Republikanern fanden den Namen des von ihren sozialistischen Vorgängern auf den Weg gebrachten Kulturzentrums wohl zu abstrakt. Mit dem Namen Puzzle hebt man nun ab auf die verschiedenen Kultureinrichtungen, die sich hier mitsamt der Bibliothek unter einem Dach zusammenfügen und auf die Architektur. Die ist eine Wucht. Keinen quadratisch-praktischen Zweckbau, sondern veritable Baukunst wollten sich die Thionviller in ihre Stadtmitte, gegenüber des Stadttheaters, auf einen Parkplatz stellen. Der vom Straßburger Büro Dominique Coulon & Partner entworfene Bau besteht quasi nur aus Rundungen. Aus der Luft sieht das Gebäude mit 4500 Quadratmeter Nutzfläche (etwas mehr als der 4.Pavillon des Saarlandmuseums) wie ein Puzzlestein aus. Aus seiner Mitte läuft eine (allerdings überwiegend mit Kunstrasen) begrünte Rampe hoch zu einer Dachterrasse mit Bar, Sitzelementen und formidabler Aussicht. Riesige Bogenfenster, um die sich weiß geputze Wände locker wie Schals schlingen, lassen den Bau fast schwebend wirken.

Was findet man nun unter seinem Dach? Auf zwei Dritteln der Fläche die neue Médiatheque, wie man in Frankreich schon seit Jahren Bibliotheken nennt. Sie gibt sich als großer, bis zum Dach offener, lichtdurchfluteter Raum, mit "Bulles (Blasen)" genannten runden Einbauten, in die man sich einzeln oder in Gruppen zum Arbeiten, Lesen, Filmeschauen oder Vorlesen zurückziehen kann. Zugeordnet sind sie vier "Universen", wie man hier die Bibliotheksabteilungen für Kinder von Null bis Zwölf mit Sach- und Fachliteratur, Belletristik und Kunst und Kultur nennt. Jedes Universum, jede Bulle wurde vom Büro Coulon anders designt. Wie in Delft lege man großen Wert auf Schönheit und Ästhetik, betont Projektleiterin Sylvie Terrier, die Thionville als internationale Spezialistin für Bibliotheks-Konzeption engagiert hat. Die neue Stadtregierung war es daran gelegen, das Puzzle mit IT-Equipment nachzurüsten. Das reicht von Tablets für die Kleinsten, Musikstreaming-Hörplätzen, Bildschirmen und PCs jeder Größenordnung bis hin zu historischen und neuen Computerspielen sowie professionellen Video-, Ton-, Fotografie- Produktions-Studios.

"Wir haben frankreichweit die wohl modernste IT-Ausstattung", sagt der IT-Zuständige Michel Diwo stolz. Weitere Räume wird das bisher am Bahnhof residierende sozio-kulturelle Zentrum "Jacques Brel" beziehen, um Kunst-Kurse et cetera zu veranstalten. Der Plan der "neuen" Ratsherren, einen für Pop-Konzerte ausgestatteten Raum für Kunstausstellungen umzuwidmen, stieß bei der Opposition auf harte Kritik. Ob man etwa Angst habe vor der jugendlichen Klientel, hieß es. Das wehrt Helfgott mit Verweis auf genügend Konzerthallen in der Umgebung ab.

Bleibt die Frage: Wieviel hat es gekostet? Ein heikles Thema wohl. 16 Millionen (ohne Mehrwertsteuer)? Oder doch 19 Millionen? Helfgott nennt mal diese, mal jene Zahl. Auf jeden Fall wurde das Puzzle etliche Millionen teurer als veranschlagt. Acht Millionen Euro tragen EU, Staat, Region und Département bei, der Rest bleibt an der Stadt hängen. Bis zu zwei Millionen Euro könnten an jährlichen Betriebskosten hinzukommen. In klammen Zeiten kein Pappenstiel. Doch Investitionen in Kultur, Wissen und Bibliotheken sind Zukunftskapital. Im benachbarten, reichen Luxemburg investiert man in die Universität, in Thionville eben in die Bibliothek.



Die schwungvollen, großzügig gestalteten Innenräume. Foto: Buss
Die schwungvollen, großzügig gestalteten Innenräume. Foto: Buss FOTO: Buss