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Kunst als Fluch und Segen

1941 in Königsberg geboren, seit 1962 in Saarbrücken lebend: Dietmar Binger in seinem Atelier am Eurobahnhof. Fotos: Oliver Dietze
1941 in Königsberg geboren, seit 1962 in Saarbrücken lebend: Dietmar Binger in seinem Atelier am Eurobahnhof. Fotos: Oliver Dietze
Saarbrücken. 1991 fing Dietmar Binger an, sein Leben und seine Kunst zu archivieren. 25 Jahre später ist er ermüdet davon und wünscht sich, dass sein Werk „unter die Leute kommt“. Besuch bei einem der dienstältesten hiesigen Künstler. Christoph Schreiner

Kisten, Kartons, Ordner, wo man hinschaut. Regalweise alles beschriftet, abgeheftet, eingeordnet, systematisiert, aufbewahrt. Dietmar Binger verwaltet sein Leben, seine Kunst. Man wird von Saarbrücken aus vermutlich weit fahren müssen, um ein zweites, solcherart akribisch archiviertes künstlerisches Lebenswerk zu finden. Ein nach Titeln, Motiven, Maßen, Material, Technik, Signatur, Entstehungsorten et cetera katalogisierter Nachlass zu Lebzeiten.



In Bingers Atelier vis à vis des Saarbrücker KuBa am Eurobahnhof sitzend, fragt man sich: Ist das nun Fluch oder Segen? Lust oder Last? Es ist beides. Als Kind schon, erzählt Binger, habe er das Ende eines jeden Spieles als Verlust empfunden. Daraus entwickelte er seine Lebensspur. Ist nicht das ganze Leben tatsächlich eine einzige große, anhaltende Verlustsache, ein fortlaufender Ab- und Auflösungsprozess? Seine "emotionale Heimat" seien, sagt er, bis heute die Kriegsberichte, all die Geschichten von Flucht und Vertreibung, die er sich in seinem Kopf (und im Fernsehen) immer wieder ansehe.

Binger, der am kommenden Mittwoch 75 Jahre alt wird, von denen er über 50 als Künstler in Saarbrücken zugebracht hat, ist der Verlust mehr oder weniger in die Wiege gelegt worden. 1941 in Königsberg geboren, floh er mit seiner Mutter im Januar 1945 bei Nacht über die Ostsee nach Swinemünde und von dort weiter in das sächsische Dorf Geringswalde, wo er als knapp Vierjähriger dann die deutsche Kapitulation erlebte. "Ich weiß noch", "ich erinnere mich" - Wendungen, die bernsteingleich aus ihm herausfließen, sobald er wortreich in seiner Vergangenheit umherschweift.

Zwei Stunden später, nachdem Binger einige seiner zahllosen Kartons und Ordner geöffnet, Werke über Werke ausgebreitet und Einblick in sein Schaffen gegeben hat, fällt der Satz: "Es muss eine Zeit geben, wo Schluss damit ist, das eigene Leben zu verwalten - wo Teilhabe am Leben Vorrang hat." Weil einem unter dem monomanischen Aus-, Um- und Weiterverwerten des Gewesenen und zur Kunst Gewordenen wider Willen das Gegenwärtige aus dem Blick gerät? Vielleicht. "Mein ganzes Streben steckt in diesem Raum", sagt Binger. Jeder Regalmeter ein Zeitstrahl und eine Messlatte seiner Existenz - ein Atelier als künstlerisches Spiegelkabinett. Jahrzehntelang hortete er sein Werk, jetzt wünscht er sich, dass es "endlich unter die Leute kommt".

Die Vielfalt der Stile, Genres, Formen und Materialien, die der künstlerische Autodidakt seit den späten 50ern, als er sich der Kunst zu widmen begann, erprobt und sich erschlossen hat, ist beeindruckend. Siebdrucke stehen neben Gemälden (seine anfänglich abstrahierende, kleinformatige Malerei weicht später einer gestischen, ungleich eruptiveren). Druckgrafik in Pop-Art-Manier wird von Tuschezeichnungen und filigranen Text-Bild-Collagen abgelöst. Konstruktivistische Raum- und Fotostudien münden in Skulpturen und Rauminstallationen oder in tausende Fundstücke serieller Fotografie. Ganz aktuell setzt sich Binger in rasterförmigen, riesigen Fotodrucken mit deren Materialität und Verfremdungspotenzial auseinander. Über die Jahre und Jahrzehnte sind einzelne Werkphasen des bald 75-Jährigen immer wieder einmal in großen Einzelausstellungen gewürdigt worden: im Museum St. Wendel (1991), in der Saarbrücker Stadtgalerie (1995 und 2000), im Dillinger Kunstverein (2011) oder zuletzt im KuBa (2013). Und doch:Vieles aus diesem stilistisch bemerkenswert disparaten, nahezu 60 Jahre umspannenden Fundus ist bis heute nie gezeigt worden.



Zwar sind einzelne Werke Bingers sporadisch in öffentliche Sammlungen eingeflossen, privat verkauft hat er jedoch außer manchen kleineren Arbeiten in den letzten 20 Jahren lediglich ein einziges großformatiges Werk. Verzicht sei für ihn von Kindheit an Normalität gewesen, erzählt er. Als er 1962 auszog, nach dem Abitur in einer Kleinstadt unweit von Soest (Westfalen), habe er zuhause weder Kühlschrank noch Telefon gekannt. Nach Saarbrücken, wo er zwölf Jahre lang ein studium generale betrieb und von Soziologie über Psychologie bis zu Kunstgeschichte und Jura "überall reinguckte", verschlug es ihn denn auch wegen der hier geringeren Studiengebühren. Seiner Familie - Binger ist in zweiter Ehe Vater dreier erwachsener Kinder, seine erste Frau starb früh - habe er "die gleiche Bedürfnislosigkeit praktisch aufgezwungen". Finanziell brachte seine Kunst so gut wie nichts ein. Dazu fehlte ihr im Zeichen seiner Lust an der künstlerischen Neuerfindung nicht nur die nötige Wiedererkennbarkeit. Seine Arbeiten waren auch nicht das, was man marktgängig, gefällig nennt. Ohne seine Hinterbliebenenrente, die Zuwendungen einer Tante und die permanente Arbeitstätigkeit seiner Frau wäre die Sicherung seiner Kunst in der jetzigen Form nie möglich gewesen. So aber kann er ihr, wenn man so will, ein Begräbnis erster Klasse gewähren. So konsistent und kostbar, wie er sie aufbahrt.

Zuletzt packt Binger noch eine Kiste aus, in der er 400 Arbeiten aus 50 Jahren in fingernagelgroßen Ausdrucken aufbewahrt: 100 Miniatur-Kopien jedes Werks in 400 durchsichtigen Döschen. Eine Allegorie, ein Akt der Demut im Wissen um unser aller am Ende mit der Lupe zu suchendes Vermächtnis.

Zwei Arbeiten, zwischen denen 58 Jahre liegen: links eine Malerei von 1958, rechts Bingers jüngste Arbeit aus aufgeritzten Fotodrucken.
Zwei Arbeiten, zwischen denen 58 Jahre liegen: links eine Malerei von 1958, rechts Bingers jüngste Arbeit aus aufgeritzten Fotodrucken.