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Kein Theater-Saarbahn-Kombiticket mehr in Saarbrücken
Keine Freifahrt mehr ins Staatstheater

180 000 Zuschauer hat das Staatstheater pro Spielzeit. Künftig müssen sie ohne Kombi-Ticket kommen.
180 000 Zuschauer hat das Staatstheater pro Spielzeit. Künftig müssen sie ohne Kombi-Ticket kommen. FOTO: BECKER&BREDEL / bub
Saarbrücken. Seit dieser Spielzeit ist das Kombiticket passé, das Besuchern des Saarländischen Staatstheaters bislang die kostenlose Nutzung von Bus und Saarbahn ermöglichte. Warum funktioniert hier nicht, was andernorts gängige Praxis ist? Von Silvia Buss

Bei schlechtem Wetter fuhr Albert Herbig bislang immer mit dem Bus ins Staatstheater und das gratis. Die Theaterkarte war zugleich ein Freifahrtschein für die Busse und Saarbahn innerhalb von Saarbrücken. „Ein guter Anreiz, nicht das Auto zu nehmen, mit dem man vorm Parkhaus im Stau steht,“ sagt der Saarbrücker Theaterabonnent. Er wollte schon die Deutsche Radiophilharmonie überzeugen, auch so ein Kombiticket einzuführen. Auch verkehrspolitisch sei das ja sehr sinnvoll. Um so überraschter war Herbig, als er feststellen musste, dass dieser Service seit 1. August nicht mehr gilt. „Der Hinweis stand ganz versteckt in einer Broschüre und es gab keine offizielle Information“ ärgert er sich. Was, wenn er ihn übersehen und bei der nächsten Busfahrt zum Theater als Schwarzfahrer gegolten hätte?


Matthias Almstedt, kaufmännischer Direktor des Saarländischen Staatstheaters (SST), hat Verständnis für die Verärgerung. Rund 40 Beschwerden von Theaterkunden habe es schon gegeben, erzählt er. Einige sagten, sie hätten es beim Vorzeigen ihrer Theaterkarte in der Saarbahn erfahren; andere schrieben, sich nun das Theaterabo nicht mehr leisten zu können. Das Kombiticket-Angebot, das es in vielen Regionen Deutschlands gibt, war laut Almstedt in Saarbrücken nur als vorübergehendes geplant gewesen. 2013, als das Theater wegen Umbauarbeiten geschlossen war und Theatergänger in Außenspielstätten fahren mussten, habe man eine kleine Entschädigung, ein „goodie“ bieten wollen, erzählt Almstedt. Die Saarbahn habe sich damals bereit erklärt, die Theaterbesucher im Saarbrücker Gebiet mit der Theaterkarte gratis fahren zu lassen. Diesen nur bis Sommer 2014 geplanten Service habe die Saarbahn sogar nochmal verlängert.

Warum ist jetzt Schluss damit? „Wir können es uns aus Kostengründen nicht mehr leisten“, sagt Saarbahn-Sprecherin Ulrike Reimann. Man bedauere das. Doch es sei wirtschaftlich nicht machbar; man habe für jede Theaterkarte, egal ob sie für eine Fahrt benutzt wurde oder nicht, Umsatzsteuern abführen müssen. Das Theater hat nach offizieller Statistik  180 000 Besucher pro Spielzeit. Geld bekam die Saarbahn laut Almstedt dafür im Gegenzug vom Staatstheater nicht, sondern „Naturalien“: Freikarten und Werbeflächen. Man könne ja als Theater auch nicht die öffentlichen Mittel einzusetzen, um die Saarbahn zu subventionieren, das könne nur das Land als Gesellschafter entscheiden, so Almstedt. Wie viele Besucher das Ticket bisher nutzten, wisse man nicht. 2009, vor Einführung des Gratistickets, waren es laut einer nicht-repräsentativen Umfrage unter zehn Prozent.



Doch warum funktioniert es anderswo mit dem Theater-ÖPNV-Ticket? Etwa beim Essener, Nürnberger, Mainzer oder Frankfurter Theater? Es sei nur eine Frage der Kalkulation, erklärt Maximilian Meyer, Sprecher des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV). Der RMV dessen Verbundgebiet halb Hessen umfasst, macht von sich aus allen möglichen Veranstaltern „attraktive Angebote“ für Kombitickets, die im ganzen Verbundraum gelten, für Strecken von bis zu rund 100 Kilometer. Auch in Zügen. Das Spektrum der Veranstalter, die das Kombiticket nutzen, reicht von Theatern über Fußballvereine wie Eintracht Frankfurte und die Messe bis hin zu kleinen Freizeit-Veranstaltern in ländlichen Gegenden.

In die Kalkulation fließe ein, wie viele Veranstaltungsbesucher potenzielle ÖPNV-Nutzer seien und wieviele bereits Dauerkarten oder Semestertickets nutzen. Nach dem Solidarprinzip wie beim Semesterticket ermittle man am Ende einen Pro-Kopfpreis, den der Veranstalter  nicht aus eigenen Mitteln finanziere, sondern an die Kunden weitergebe. Eine Größenordung für den Preis will Meyer aus Geschäftsgründen nicht nennen, doch sieht man sich die Liste der Kombiticket-Angebote auf der Homepage des RMV an, so ist dies beeindruckend. Es gehe dem RMV damit ja nicht darum, die Einnahmen zu erhöhen, sondern vielmehr die Anzahl der Fahrgäste.

 Im Saarland kennt man bisher nur „Eventtickets“, die Fahrten für fünf Menschen zum Preis für eine Person zu zwei Veranstaltungen ermöglichen: zum Saarbrücker Weihnachtsmarkt und zum Late-Night-Shopping. Die werden aber nur von der Saarbahn angeboten, nicht vom SaarVV. Da schlummert also noch viel ungehobenes Potienzial für den ÖPNV. Den Kunden, die sich einen Theaterbesuch plus ÖPNV-Ticket nicht (mehr) leisten können, bleibt nur noch, vergünstigte Theaterkarten zu nutzen. Schüler, Schwerhinderte mit Begleitperson sowie Inhaber einer Sozialcard bekommen 50 Prozent Ermäßigung im SST. Freikarten für bestimmte Gruppen bietet auf Anmeldung auch der „Kulturschlüssel Saar“. 15 Minuten vor Vorstellungsbeginn kann man auch versuchen, ein Last-Minute-Ticket für acht Euro zu ergattern.