| 20:33 Uhr

Literarische Wiederentdeckung
„Keun hat Humor wie ein dicker Mann“

Schriftstellerin Irmgard Keun (1905-1982), eine lange Vergessene und nun Wiederentdeckte.
Schriftstellerin Irmgard Keun (1905-1982), eine lange Vergessene und nun Wiederentdeckte. FOTO: Wallstein Verlag
Saarbrücken. Die Autorin Irmgard Keun schrieb mit „Nach Mitternacht“ eines der besten Bücher über Hitler-Deutschland, geriet in Vergessenheit und starb in Armut. Nun erscheint eine prächtige Werkausgabe. Von Tobias Fuchs
Tobias Fuchs

Irmgard Keun ist die Wiederentdeckte der deutschen Literatur. Bis in die Siebzigerjahre galt sie als Vergessene. Weshalb die Schriftstellerin in einem Interview, das sie 1977 gab, selbst zu einer Frage ausholte: „Woher haben Sie denn meine Bücher?“, wollte Keun damals wissen. Sie habe keines mehr davon. Die Antwort: „Aus Bibliotheken oder zusammengesucht in Antiquariaten.“ Worauf die verarmte Autorin erwiderte: „Kann man sie da klauen?“


Diese kleine Episode liefert eine Kostprobe des schonungslos präzisen Humors der Irmgard Keun, ihrer literarischen Waffe. Auch gegen die Nazis wusste sie diese einzusetzen. Ihren Roman „Nach Mitternacht“, erschienen 1937 im Exil, lobte der englische Schriftsteller H.G. Wells als das beste Buch über Hitler-Deutschland. Verfilmt wurde es 1981 mit Désirée Nosbusch, Keun trat in einer Gastrolle auf, wenige Monate vor ihrem Tod. Zuvor hatte es Neuausgaben ihrer Bücher gegeben, für eine kurze Phase erlangte die Autorin wieder Popularität.

Der Wallstein-Verlag in Göttingen hat Irmgard Keun nun eine Werkausgabe gewidmet, die erste überhaupt. Sie umfasst mehr als 2000 Seiten, verteilt auf drei dicke Bände in gediegener Ausstattung, inklusive Schuber – für einen Schnäppchenpreis. Ganz klar: Diese Ausgabe soll zur Lektüre verführen. Und der Autorin einen neuen Status verleihen. Die Herausgeber Heinrich Detering und Beate Kennedy möchten Keun nicht ein zweites Mal der Vergessenheit entreißen, sondern ihr Werk im literarischen Kanon verankern.



Keun, geboren in Berlin, aufgewachsen in Köln, erlangte 1931 schlagartig Berühmtheit, mit 26 Jahren. „Gilgi, eine von uns“ – das war der Titel ihres Debütromans, übersetzt in etliche Sprachen, sofort verfilmt. Nur acht Monate später folgte „Das kunstseidene Mädchen“. „Irmgard Keun hat Humor wie ein dicker Mann, Grazie wie eine Frau, Herz, Verstand und Gefühl“, lobte Kurt Tucholsky.

Man darf diese Erzählungen getrost als Popliteratur der späten Weimarer Republik ansehen, voller Anspielungen auf Film und Schlager. Sie handeln vom neuen, auch weiblichen Milieu der Angestellten. Zeitgenossen würdigten die Bücher als „Zeitromane“, die gesellschaftliche Missverhältnisse mit den Mitteln der Literatur offenlegten.

Nach diesen rasanten Erfolgen erstrahlte ihr Name in einem seltenen Glanz: „Die Keun.“ So wurde sie im April 1933 von einer Illustrierten genannt. Der für die Autorin bestimmte Artikel war ein Ehrentitel, der sie in die Nähe der Film-Diva Marlene Dietrich rückte. Nur einen Monat später stand Keun auf der „Schwarzen Liste“ der Nazis. Erfolglos klagte sie gegen die Beschlagnahmung ihrer Bücher. In die Reichsschrifttumskammer fand die Kölnerin keine Aufnahme. Im Mai 1936 emigrierte Keun nach Ostende. Sie bereiste England, die USA, blieb aber nicht. Später schrieb sie: „Es widerstrebte mir, wie von einem behaglichen Logensitz aus, die europäische Katastrophe anzusehen.“

In der unmittelbaren Nachkriegszeit gehörte Keun zu jenen im „Dritten Reich“ unterdrückten Stimmen, die aus dem Äther wieder ins öffentliche Bewusstsein gelangten. Für den Radiosender NWDR verfasste sie böse Satiren über das Nachleben der NS-Ideologie, Dialoge zwischen dem Pärchen „Wolfgang und Agathe“. Ihren ersten Hörfunk-Auftritt hatte sie im Mai 1946, angekündigt mit den Worten: „Sie ist nicht tot, sie ist hier und wird jetzt sprechen.“ Wozu man wissen muss: Im August 1940 hatte die englische „Daily Mail“ irrtümlich den Selbstmord der Schriftstellerin vermeldet. Das half ihr, als nach Kriegsbeginn die Wehrmacht nach Westeuropa vordrang. Keun musste fort, sie führte nicht mehr mit sich als einen Pappkarton – und Zyankali, „um mich jederzeit schnell umbringen zu können“.

Als ihre eigene Wiedergängerin vermochte sie sich zur Familie nach Köln durchzuschlagen, mit Hilfe eines gefälschten Passes. Ihr Exil endete im „Dritten Reich“, freilich nicht in der „inneren Emigration“, die andere für sich beanspruchten. „Gegen die Jahre, die nun folgten, war auch die schwerste Zeit in der Emigration ein Paradies gewesen“, sagte sie 1946: „Ich kann überhaupt nicht beschreiben, wie grau und trostlos und schauerlich ich Deutschland fand.“

Neben den großen Romanen sind es die kleinformatigen Auseinandersetzungen mit der NS-Zeit, die diese Werkausgabe so lesenswert machen. Sie offenbaren, wie Literatur und Leben sich unter extremen Umständen vermischten. Im Briefwechsel mit ihrem Freund Hermann Kesten gebraucht Keun nach 1945 teils dieselben Formulierungen wie in der literarischen Reflexion ihres Überlebens. Keun arbeitet am eigenen Mythos, sie nutzt den Steinbruch ihrer Erinnerung. Die Kunst dieser Autorin liegt auch im Spiel mit ihrem Schicksal.

In den Nachkriegsjahren entfaltete Keun eine unbändige Produktivität. Unter schwierigen Umständen: Sie erlitt einen Zusammenbruch, unternahm einen Selbstmordversuch. 1950 erschien der letzte Roman, „Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen“, die Geschichte eines Kriegsheimkehrers. Dass es mit der Zeit immer stiller um sie wurde, hatte viele Gründe. Sicher auch diesen: Hermann Kesten vertrat die Ansicht, ihr weiterer Erfolg sei „gewaltsam verhindert“ worden – durch einen Literaturbetrieb, in dem Remigranten und Überlebende des Holocaust eher randständig waren.

Erst nach 1968 begann man sich wieder für Keun zu interessieren. Sie repräsentierte nun die übersehene Literatur des Exils, stieg zu einer Ikone weiblichen Schreibens auf. So wurde auch Ursula Krechel auf Keun aufmerksam. Krechel ist heute selbst eine bekannte Autorin. 2012 erhielt sie den Deutschen Buchpreis für „Landgericht“, einen Roman, der vom Leben eines Remigranten im Nachkriegsdeutschland erzählt.

Dass und wie Intellektuelle ihrer Generation von Irmgard Keun inspiriert wurden, was die Gegenwartsliteratur ihr zu verdanken hat – das kann man nicht nur an „Landgericht“ ablesen. Der Keun-Ausgabe vorangestellt ist ein kluger Essay, in dem Ursula Krechel ihre Annäherung an das literarische Vorbild schildert. 1977 spürte sie die Vergessene in Köln auf, traf sich mit ihr zum Interview, schaltete ihr Tonbandgerät ein – und sah sich plötzlich mit der Frage konfrontiert, wo sich die Romane der Keun stehlen lassen.

Irmgard Keun: Das Werk. Wallstein Verlag, drei Bände, 2044 Seiten, 39 Euro. www.wallstein-verlag.de

FOTO: Wallstein Verlag