| 20:40 Uhr

Saarbrücker Ophüls-Festival
„Keiner fragt, wie demütigend das ist“

„Wenn man lacht, atmet man noch“, sagt Regisseurin Lucia Chiarla („Reise nach Jerusalem“), hier mit der Hauptdarstellerin ihres Films, Eva Löbau (links), am vergangenen Mittwoch im Saarbrücker Hotel am Triller.
„Wenn man lacht, atmet man noch“, sagt Regisseurin Lucia Chiarla („Reise nach Jerusalem“), hier mit der Hauptdarstellerin ihres Films, Eva Löbau (links), am vergangenen Mittwoch im Saarbrücker Hotel am Triller. FOTO: Rich Serra
Saarbrücken. Lucia Chiarlas Spielfilm „Reise nach Jerusalem“ über eine Arbeitslose wider Willen gehört zu den Favoriten des Ophüls-Wettbewerbs – ein Treffen mit der Regisseurin und Hauptdarstellerin Eva Löbau. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Wenn sie mit der U-Bahn morgens zum Dreh gefahren sei, erzählt Eva Löbau in der Hotellobby, habe sie manchmal Leute mit offenen Beinen in einer Ecke liegen sehen und gedacht, dass die noch viel schlechter dran seien als Alice – die von ihr verkörperte arbeits- und damit haltlose Online-Redakteurin in Lucia Chiarlas Wettbewerbsfilm „Reise nach Jerusalem“. Löbau, die Alices Existenzkrise mit unglaublicher Genauigkeit und Präsenz spielt, muss Ähnliches nicht fürchten. „Man weiß zwar nie, was einem blühen kann“, sagt sie. Aber erst mal wird sie bald „Tatorte“ drehen – Löbau wird neue TV-Kommissarin des SWR und dafür eine ziemlich gute Gage bekommen. Wie alle anderen, die bei Chiarlas Debüt mitwirkten, spielte sie darin (nicht zum ersten Mal) erst mal umsonst.



Ihren Film drehte die Regisseurin mit einem Budget von 500 000 Euro. Als sie 2012 den Trailer dazu als Appetizer drehte, sprang erst mal kein TV-Sender an. Chiarla gab nicht auf, erstellte mehrere Drehbuchfassungen. Irgendwann hatte sie es dann satt, sich hineinreden zu lassen („Mach mehr auf Komödie“) und kehrte zu ihrer ersten, für sie ungeschminktesten und deshalb authentischten Fassung zurück. Es sei ihr wichtig gewesen, „den richtigen Ton zu treffen“ für ihre Prekariatsstory, sagt Chiarla, die selbst schon ähnlich absurde Weiterbildungsseminare (wie auch mit Benzingutscheinen entlohnte Marktforschungsjobs) über sich ergehen lassen musste, wie sie ihrer Hauptfigur Alice im Film aufgebürdet werden, absolviert hat.

Als Chiarla vor Jahren aus ihrer Heimat Italien, wo sie Theater gespielt hatte, nach Berlin kam, sei sie vom deutschen Sozialsystem beeindruckt gewesen. Bis sie in Berlin immer mehr Geschichten hörte von gut Ausgebildeten (darunter natürlich auch einige Filmschaffende), die beim Arbeitsamt dann hörten, das tauge alles nichts, sie müssten umsatteln. „Keiner fragt, wie demütigend das für Leute ist, die aus Überzeugung studiert haben und in ihrem Beruf Fuß fassen wollen“, redet sich Chiarla in Rage. Irgendwann meint die neben ihr im Sessel sitzende, in der Branche ganz gut etablierte Eva Löbau dann, sie habe beim Dreh „ein latent schlechtes Gewissen gehabt, eine Arbeitslose zu spielen, auch wenn ich das Gefühl selber gut kenne, wenn das Selbstwertgefühl total in den Keller geht“.

Es sei ihr, meint Chiarla, darum gegangen, „eine klaustrophobische Situation zu schaffen“ und diese in einzelnen Szenen mit dramaturgischer Ironie so zu brechen, dass man trotz all der gezeigten Ausweglosigkeit doch auch mal lachen muss. Weshalb sie ihren Film auch eine Tragikomödie nennt. 40 Drehtage hatten sie, verteilt über mehrere Monate, weil Löbau zwischendurch Theaterengagements hatte. Sieben Monate lang war sie dann im Schnittraum, um „Reise nach Jerusalem“ den nötigen dramaturgischen Feinschliff zu geben, den man diesem Film in jeder Szenenfolge ansieht.

„Ist die Szene mit dem verkauften Fernseher noch drin?“, fragt Löbau Chiarla einmal – am vergangenen Mittwoch, als „Reise nach Jerusalem“ in Saarbrücken uraufgeführt wurde, hatte sie den fertigen Film noch nicht gesehen. Gefragt, was für sie als Schauspielerin am Schwersten gewesen sei, hat Löbau erst mal keine Antwort, meint dann aber ein paar Minuten später: „Jetzt weiß ich’s: Den Umgang mit dem ganzen technischen Zeug. Alice sitzt ja ständig am Computer und benutzt ihr Handy. Ich selber hab nicht mal ein Smartphone.“ Figuren wie Alice lasse man während der kompletten Dreharbeiten eigentlich nie hinter sich. „Man hat auch gar keine Zeit dazu. Man steht morgens auf, dreht den ganzen Tag und fällt abends gleich ins Bett.“



Die schwierigsten, an die Substanz gehenden Szenen hätten sie oft abends noch „mit ganz kleinem Team“ in Chiarlas eigener Wohnung gedreht, die die Regisseurin für zwei Monate räumte. Am Ende ist ihnen damit ein Film gelungen, der seinem titelgebenden Thema – eine Frau kämpft vergeblich um ihren Platz im Leben und verliert nach und nach allen sozialen Halt – in bemerkenswerter Glaubwürdigkeit auf den Grund geht. Ihr Film sei für sie „eine gemeinsame Visitenkarte“, sagt Löbau später. Heißt das, dass es ein neues gemeinsames Projekt gibt? „Erst mal sollten wir jetzt zusammen Urlaub machen“, findet Chiarla und lacht los. Ansonsten hofft sie, „dass ich jetzt  nach meinem Film nicht wieder Marktforschungsinterviews machen muss.“

Sa: 22 Uhr: CS 5; So: 1715 Uhr, CS 3