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Karl Marx
Karl der Große, und gleich doppelt

Unser Archivbild zeigt das Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz. 1971  war die elf Meter hohe Bronzeplastik des sowjetischen Bildhauers Lew Kerbel vor rund 250 000 Menschen eingeweiht worden.
Unser Archivbild zeigt das Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz. 1971  war die elf Meter hohe Bronzeplastik des sowjetischen Bildhauers Lew Kerbel vor rund 250 000 Menschen eingeweiht worden. FOTO: Wolfgang Thieme / dpa/dpaweb
Saarbrücken. Zwei neue Biografien widmen sich Karl Marx: Mal ergänzen, mal widersprechen sie sich.

  Vor 150 Jahren ist  „Das Kapital“ erschienen, der erste Teil des Hauptwerks von Karl Marx. Dessen 200. Geburtstag werden 2018 seine Anhänger an seinem Geburtsort in Trier begehen, die chinesische Regierung spendiert eine überlebensgroße Statue. Die Entwicklung des globalen Finanzkapitalismus hat diesem politischen Theoretiker zu einem unverhofften Comeback verholfen.


Rechtzeitig zu den Jahrestagen sind nun zwei Biographien über Marx erschienen. Beide nehmen ihn gegen die Marxisten in Schutz, die jeden seiner Sätze – oft mit ideologischer Fingerfertigkeit – zerpflücken. Beide Autoren wissen um das Scheitern von Gesellschaften, die sich auf ihn berufen haben. Beide versuchen, sein Leben und seine Schriften aus der damaligen Zeit zu verstehen und zugleich den aktuellen Kern seiner Gedanken hervorzuheben. Beide tauchen nicht ein in das kaum mehr übersehbare Meer der theoretischen Literatur. Trotzdem: Sie widersprechen sich teilweise und ergänzen sich überraschend.

Jürgen Neffe ist Naturwissenschaftler und ein sprachlich begnadeter Publizist, seine Biographien über Einstein und Darwin wurden international hoch gelobt. Seine Marx-Biographie, die das Epitheton „Der Unvollendete“ ziert, ist ein intellektuelles Lesevergnügen. Sie porträtiert den Menschen Marx und beschreibt seine wichtigsten Schriften, erzählt sein Leben, bewundert ihn an einigen Stellen und kritisiert ihn an anderen, vor allem, wenn sich der aus einer jüdischen Familie stammende Marx in heute unerträglicher Weise antisemitisch äußert.

Der das „Center for History and Economics“ an der Universität von Cambridge leitende Gareth Stedman Jones setzt eher theoretisch an, berichtet von den oft durch Zeitdruck und materielle Bedrängnis eingeengten „Produktionsbedingungen“ der Werke. Beide Autoren widmen der Partnerschaft mit dem wie ein Mäzen wirkenden Friedrich Engels eine angemessene Beschreibung.

In den Mittelpunkt der aktuellen Bedeutung von Marx stellt Jürgen Neffe die in der Deutschen Ideologie formulierte Kernaussage, den Menschen seien „die Ausgeburten ihres Kopfes über den Kopf gewachsen. Vor ihren Geschöpfen haben sie, die Schöpfer, sich gebeugt.“ Wer wollte die brennende Aktualität dieser Feststellung angesichts der menschlichen Anteile an der Klimakatastrophe, angesichts der ungewissen Auswirkungen der biotechnischen Revolution oder angesichts der unbeherrschbar scheinenden Globalisierung des Finanzkapitalismus leugnen? Neffe misst den frühen Schriften von Marx eine gleichberechtigte Bedeutung neben dessen späterem Hauptwerk bei, betont die Kontinuität des Ganzen, die freiheitliche und humanistische Grundtendenz. Stedman Jones beschäftigt sich eingehender mit den ökonomischen Aussagen, die sich aus den zur Zeit ihrer Formulierung herrschenden Verhältnissen ableiten lassen. Die Behauptung ihrer Fortgeltung im wortgetreuen Sinne ist einer der großen Irrtümer derer, die sich nach ihm auf Marx beriefen. Erstaunlich ist die Bedeutung, die der Cambridge-Direktor einem Brief von 1881 beimisst, in dem Marx der Gruppe „Befreiung der Arbeit“ nahelegte, die Dorfgemeinde als Ausgangspunkt zu wählen.



Während Neffe die Bedeutung von Marx für die aktuelle Lage im 21. Jahrhundert herausstellt, befindet Stedman Jones: „… dass den Marx, wie ihn das 20. Jahrhundert schuf, mit dem Marx, der im 19. Jahrhundert lebte, nur eine zufällige Ähnlichkeit verbindet“. Beide Biographen widmen ihre Aufmerksamkeit dem Widerspruch, dass Marx „Das Kapital“ schreiben, aber mit Geld nicht umgehen konnte. Beide erzählen von der verheerenden wirtschaftlichen Lage der Eheleute Karl und Jenny Marx, geb. von Westphalen und ihrer Kinder, in die sie sich durch Großzügigkeit und Verschwendung in den seltenen Perioden eines durch Erbschaften erlangten Wohlstandes manövrierten. Die Bücher und publizistischen Arbeiten brachten Marx zu seinen Lebzeiten nicht viel ein. Seine Bücher verkauften sich schlecht. Erst als die sozialdemokratischen und Arbeiterparteien seine Werke verbreiteten entstand ein Milieu, das in der New Yorker sozialistischen Zeitschrift „The New Review“ von 1914 wie folgt beschrieben wurde: „Die Geradlinigkeit eines Genossen konnte ausnahmslos an den Eselsohren des Manifests gemessen werden.“ Gemeint ist das „Kommunistische Manifest“ von 1848, an dem Jürgen Neffe die hohe schriftstellerische Qualität von Marx festmacht.

Welcher der beiden Biographien gebührt der Vorzug? Stedman Jones schreibt in seinem Buch immer von „Karl“, als ob es sich um einen Genossen handelt. Das ist gewöhnungsbedürftig. Neffe spricht immer von „Marx“, als ob er ihm nicht näherstünde. Läse man beide, hätte man den ganzen „Karl Marx“ – aktuell und auf der Höhe der biographischen Forschung, zusammen für 60 Euro.

Jürgen Neffe: Marx. Der Unvollendete. C. Bertelsmann, 656 Seiten, 28 €.
Gareth Stedman Jones: Karl Marx. Die Biographie. Aus dem Englischen von Thomas Atzert und Andreas Wirthensohn. S.Fischer, 891 S., 32 €.