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„Der Bau“ in der ARD
„Jetzt ist er abbezahlt, der Kafka“

Im Luxus beginnt es, im Elend endet es: Axel Prahl als Franz, der sich vor einer langsam zerbröckelnden Welt zurückzieht.
Im Luxus beginnt es, im Elend endet es: Axel Prahl als Franz, der sich vor einer langsam zerbröckelnden Welt zurückzieht. FOTO: SR/Mephistofilm
Saarbrücken. Der Regisseur über seinen Kafka-Film „Der Bau“ und eisige Dreharbeiten im Saarland – am Sonntag läuft er in der ARD. Von Tobias Kessler
Tobias Kessler

Es war ein Herzens­projekt für Jochen Alexander Freydank (51): Der Regisseur und Autor, der 2009 für seinen Kurzfilm „Spielzeugland“ den Oscar gewann, hat über zehn Jahre an einer Verfilmung der Kafka-Erzählung „Der Bau“ gearbeitet. Unterstützt vom SR und den Saarland Medien, drehte er den Film Anfang 2013 fast ausschließlich auf dem Gelände der Industriekultur Saar in Göttelborn (außerdem in Luxemburg und in der Völklinger Hütte). Der atmosphärische, bildstarke Film erzählt von einem Mann (Axel Prahl), der sich zunehmend vor einer immer bedrohlicheren Welt zurückzieht. „Der Bau“, in dem auch Devid Striesow, Josef Hader und Robert Stadtlober zu sehen sind, läuft nun erstmals in der ARD. 


Herr Freydank, Sie haben Ihren Film fast komplett im Saarland gedreht – was sind ihre eindrücklichsten Erinnerungen?

FREYDANK Rückwirkend kann ich sagen: Es waren irgendwie die schönsten aber garantiert auch die anstrengendsten Dreharbeiten meines Lebens. Ich war Regisseur, Produzent und Autor zugleich – jeder dieser drei Jobs ist ein Fulltime Job – und nach zwei Monaten mit maximal vier Stunden Schlaf pro Nacht kommt man an seine Grenzen. Dazu kam, dass wir im tiefsten Winter gedreht haben – beim Team kursierte das Gerücht, im Saarland gäbe es keine Sonne. Es war kalt, es war dunkel, der Film war unterfinanziert. Aber: „Der Bau“ ist einer meiner wichtigsten Filme und eine meiner schönsten Erfahrungen – auch ohne Sonne.



Regisseur Jochen Alexander Freydank (links) und Hauptdarsteller Axel Prahl bei den Dreharbeiten in Göttelborn.
Regisseur Jochen Alexander Freydank (links) und Hauptdarsteller Axel Prahl bei den Dreharbeiten in Göttelborn.

Sie haben sich über zehn Jahre mit dem Stoff beschäftigt, von der ersten Idee bis zur Premiere – gab es da Augenblicke, an denen Sie aufgeben wollten?

FREYDANK Da gab es schon so einige Momente  – vor allem in der Anfangsphase, in denen ich nicht recht wusste, wie ich mich an den schweren Stoff heranpirschen soll. Als ich dann halbwegs eine Vision vom Drehbuch hatte, ging es darum, wie man ihn auf den Weg bringen kann. Und das war ein extrem langer und steiniger Weg, den man wohl nur für ein Herzensprojekt geht.

Muss man sich eigentlich bei solch einer Adaption mit dem Verlag oder den Nachlassverwaltern des Autors abstimmen?

FREYDANK Nein – 70 Jahre nach dem Tod des Autors sind die Rechte am Werk frei. Ansonsten wäre das alles noch einmal schwieriger geworden.

Hätten Sie mit der Vorlage theoretisch alles Mögliche anstellen können?

FREYDANK Es gibt ja auch im Theater sehr freie Adaptionen. Es tut den Stoffen manchmal  gut, wenn man sie von einem Korsett befreit. Und „Der Bau“ galt ja als unverfilmbar. Ich wollte einen modernen Kafka. Viele Leute glauben, ein Kafka-Film müsse unbedingt in verwinkelten Gassen in Prag spielen, mit Schatten auf Kopfsteinpflaster in Schwarzweiß. Das interessiert mich nicht – ich wollte mit dem Stoff bis in eine postapokalyptische Zukunft gehen und eine moderne Bildsprache für Kafka finden.  Kafka entsteht für mich sehr im Kopf und über die Sprache.  Diese Sprache habe ich teilweise im Original erhalten, und das war dann wohl noch mal eine zusätzliche Hürde bei der Finanzierung

Wie hoch war Ihr Budget?

FREYDANK Wir hatten um die 750 000 Euro für den Dreh, das ist in etwa ein halbes TV-Budget. Viele Leute haben für wenig, die Darsteller für fast gar nichts gearbeitet. Dafür kann man gar nicht dankbar genug sein. Ich habe, auch wenn wir im Budget geblieben sind, ernstzunehmendes eigenes Geld in den Film gesteckt – mehr, als ich damals auf dem Konto hatte. In den Jahren nach dem Film habe ich dann viel mehr drehen müssen, auch ein paar Kompromisse gemacht,  um die Schulden zu tilgen. Aber jetzt ist er abbezahlt, der Kafka. Und er war es wert.

Sie wussten schon  vorher, dass ein so ambitionierter Film naturgemäß keine Massen ins Kino lockt?

FREYDANK  Dass mein Geld weg sein würde, war mir klar, das war übrigens auch bei „Spielzeugland“ so, das hatte ich einkalkuliert. „Der Bau“ lief im Kino aber nicht mal schlecht, das war für einen nicht gerade leichten Art­house-Film im Hochsommer sehr ordentlich – zumal der Verleih, wie ich später erfuhr, keine 500 Euro in die eigentliche Werbung gesteckt hat. Das war schon brutal.

Wenn diese Bilder für die große Leinwand, aufgenommen von dem im August verstorbenen Kameramann Egon Werdin, jetzt auf TV-Schirmen zu sehen sind – wie empfinden Sie das als Regisseur?

FREYDANK Dieser Film ist großes Kino, aber er funktioniert auch im Fernsehen. Er funktioniert auch international. Die Weltpremiere war in Busan, Korea.  Dort lief der Film auf einer riesigen Leinwand vor 1000 Leuten, das war wunderbar. Er war in Shanghai, Warschau, Edinburgh, auf Festivals in Italien und den USA zu sehen. Mit dem Laptop auf dem Schoß und mit einer Hand am Handy sollte man sich den Film nicht antun. Man muss sich schon einlassen auf diesen „Bau“ – und ich bin  froh, dass die Leute heute viel größere Fernseher haben als früher.

Ein Sendetermin um 0.20 Uhr ist schon ziemlich spät.

FREYDANK Ja, eine ungewöhnliche Zeit, aber es gibt ja die Mediathek, in der man den Film zu jeder Zeit sehen kann. Ich höre auch immer wieder, mein Film wäre was für Netflix gewesen. Ich weiß, dass das kein Film für 20.15 Uhr, aber es ist wichtig, dass er läuft – und Gottseidank gibt es Sender wie die den SR, die ARD und Arte, die den Film möglich gemacht haben. Das deutsche Filmfördersystem ist dem Projekt, um es höflich auszudrücken, mehr als zögernd begegnet. Da hat auch mein Oscar nichts geholfen.

Ihr Film erzählt vom Rückzug aus einer Welt, vom sich Einmauern.
Aktueller könnte das kaum sein.

FREYDANK Drei, vier Wochen nach dem Start von „Der Bau“ wurde das Wort „Flüchtlingskrise“ erfunden – wäre der Film einen Monat später ins Kino gekommen, hätte wohl jeder gedacht, dass dies der Film zu dem Thema sei. Aber als ich den Film geschrieben habe, ging es mir generell um das Thema Abgrenzung und um das sich Abschotten im privaten und im allgemeinen. Vielleicht spielt da meine Ostvergangenheit mit, ich komme aus einem Land, das sich eingemauert hat und das es dann relativ schnell nicht mehr gab. Ein Grundthema meines Filmes war, dass Europa sich abschottet – und dass  Mauern nicht funktionieren, wissen wir ja aus der Geschichte.

Sie sind in der DDR aufgewachsen – wie sehen sie die Vorkommnisse in Chemnitz? Macht man es sich da im Westen zu einfach, wenn man den Osten pauschal als anfälliger für Rechtsextremismus bezeichnet? 

FREYDANK  Mich erschreckt das alles sehr, aber ich glaube nicht, dass das Ganze rein ostspezifisch ist. Das Problem geht quer durch Europa. Letztlich hängt das auch mit sozialen Fragen zusammen – gerade in Dresden oder Chemnitz gibt es so gut wie keine Ausländer. Rechte Hochburgen sind nicht zwingend im Osten – schauen Sie etwa ins Ruhrgebiet. Auch dort wurden schon mal in Stadien Leute mit dem Hitlergruß gesehen. Das in Chemnitz ist natürlich furchtbar, aber da sind auch Leute aus dem Westen dabei. Die Rechten sind sehr gut organisiert. Das war auch Anfang der 1990er Jahre im Osten Berlins so, da war viel Import aus dem Westen dabei – Leute, die in Franken etwa nicht zum Zuge kamen, haben es dann als Neonazi-Hausbesetzer in der Weitlingstraße in Berlin-Lichtenberg versucht und da leider auch Verbündete gefunden.

Woran arbeiten Sie gerade?

FREYDANK Im Herbst drehe ich einen Film fürs Fernsehen. Ich habe auch wieder ein Drehbuch geschrieben: einen Politthriller, sehr spannend, sehr hart. Auch  der dreht sich um die Frage, wie weit man für Sicherheit  gehen kann. Wie hoch ist der Preis der Freiheit? Das ist ja auch ein Aspekt in „Der Bau“ – das Thema beschäftigt mich  sehr.

Die Fragen stellte Tobias Keßler.

Der Film läuft in der Nacht von Sonntag auf Montag um 0.20 Uhr in der ARD (und ist in der Mediathek zu sehen).
Die DVD des Films ist bei Good!Movies erschienen.