| 20:50 Uhr

Saarländischen Lesefestival „erLesen“
Internet-Demokratie auf dem Schrottplatz

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serverland FOTO: Hanser Verlag
Neunkirchen. Josefine Rieks liest heute in der Neunkircher Buchhandlung König aus ihrem Romandebüt „Serverland“. Von Martin Halter

Stellen wir uns vor, das Internet samt Youtube- und Facebook-Kram werde in nicht allzu ferner Zukunft einfach abgeschaltet und vergessen. Warum, das lässt Josefine Rieks in ihrer Offline-Dystopie „Serverland“ weitgehend offen: Volksabstimmung, Stromausfall, Apokalypse, allgemeiner Netzüberdruss. Niemand kann oder will sich jedenfalls an die Internet-Ära erinnern, nur ein nerdiger Egoshooter: Reiner, Techniker bei der Deutschen Post und Fan von „Command & Conquer: Alarmstufe Rot 2“, kann mit Schrott-Laptops, Autobatterien, Telefonbüchern und ähnlich analogem „Equipment“ die Server wieder hochfahren und löst damit einen weltweiten Hype aus. „Das wird jetzt ‘ne richtige Bewegung“, sagt ein Mädchen, „ey, und wir sind dabei“. „What you‘re doing here, seems real cool“ nickt sogar der New Yorker Hipster.


Digital Natives und gewöhnliche Naive treffen sich zum Kiffen, Surfen und Partymachen in einer Lagerhalle in der holländischen Provinz. Sie hocken am Lagerfeuer, teilen Heineken-Sixpacks und alte Youtube-Videos (die 22 coolsten sind im Anhang aufgelistet) und diskutierten im Plenum leidenschaftlich über Sharing Economy, „partizipative Kommunikation“ und Widerstand gegen Apple. Das ist kein Gelaber, sondern Debattenkultur „so richtig guerillamäßig, um die Spießer aus dem Konzept zu bringen“.

Reiner kann nicht nur schwierige Wörter wie Situationismus googeln, sondern auch alte  9/11-Videos mit seinem Schrottbeamer abspielen, guerillamäßig auf DVD brennen und per Post an unbekannte Empfänger verschicken. Coole Jungs und hübsche Mädchen rufen ständig: Mann! Cool! Subversiv! Wow! „Wahnsinn, oder? Anarchie! Genau das ist es!“. Aber eigentlich ist Reiner ja Globalisierungs- und Netzkritiker. Mit seiner Anonymous-Lederjacke sieht er die Wiederbelebung der alten Kommerz-Gimmicks und Games mit Grausen. Mindestens fünfmal übergibt er sich im Laufe von nur 170 Seiten, öfter als Christian Kracht einst in „Faserland“.



Die Wiedergeburt der Internet-Demokratie aus dem Geist der Schrottplätze und Lagerfeuerromantik macht die träge Jugend wieder lebendig; sogar holländische Althippies und Open-Source-Gruftis wittern Morgenluft. Ey, Mann, coole Idee! Autorin Rieks, 29, Bloggerin aus Höxter, hat Philosophie studiert und das Drehbuch für den No-Budget-Film „U3000 – Tod einer Indieband“ geschrieben. „Serverland“ ist aber weder Indie-Literatur noch Schlingensief-Anarchie, sondern 90er-Jahre-Popliteratur reloaded, so etwas wie Postler-Kotzgelb in Magenta. Oder Bibis Styleberatung in Rot: Rieks schreibt über Must-haves und No-gos („Mann, geiler style übrigens“), Pubertätsfantasien und Prozessor-Verdrahtungen („Die Platinen konnte ich eindeutig als Motherboards identifizieren“) in Cool-Mann-Jugendsprech, Noir-Kulissen, Schulenglisch-Dialogen und Nerd-Deutsch: „Der letztendliche Übertragungsvorgang von Festplatte zu Festplatte brauchte nicht lange, und ich nahm mir vor, es zu verschieben, die einzelnen Sequenzen nach Themen zu sortieren“. Hanser spricht von einem „Romandebüt, das man mit weit aufgerissenen Augen liest“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Josefine Rieks: Serverland. Hanser, 175 Seiten, 18 Euro.
Lesung heute Abend (19 Uhr) im Rahmen des saarländischen Lesefestivals „erLesen“ bei Bücher König in Neunkirchen (Eintritt: fünf Euro). Die dort heute ursprünglich geplante Lesung von Mariana Leky aus ihrem Roman „Was man von ihr aus sehen kann“ fällt aus.