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Saarländisches Künstlerhaus zeigt
Insektenbauten und klingendes Papier

Sie haben sich in der Galerie des Saarländischen Künstlerhauses häuslich niedergelassen: Insekten. (Symbolbild)
Sie haben sich in der Galerie des Saarländischen Künstlerhauses häuslich niedergelassen: Insekten. (Symbolbild) FOTO: dpa/dpaweb / Andreas Lander
Saarbrücken. Das Saarländische Künstlerhaus präsentiert drei Künstler mit sehr unterschiedlichen Ansätzen. Von Bülent Gündüz

Der erste Gedanke beim Eintritt in das Künstlerhaus: Ein Kammerjäger wäre nicht schlecht. In der Galerie haben sich Insekten häuslich niedergelassen. Das Getier hat seine bedrohlich wirkenden Bauten am Mobiliar errichtet, verschlingt Regale, wuchert aus Wänden und durchstößt Beton. Erst bei genauerem Hinsehen entlarvt man die scheinbare Naturnähe als Täuschung. Hier war der Künstler Jáchym Fleig am Werk.


Mit hoher Sensibilität für das Material arbeitet Fleig sich durch den Materialkanon von Baumärkten. Gips, MDF-Platten, Wellpappe, Wabenkarton und Polyurethanschaum sind die bevorzugten Werkstoffe. Dabei dürfte es dem Künstler nicht wirklich um Naturnähe gehen, denn dafür lässt sich das Spiel zu leicht entlarven. Als Bildhauer stellt er eher klassische skulpturale Überlegungen an nach Leichtigkeit und Schwere, Raum und Objekt, Material, Oberfläche und Form. Das aber verpackt er sehenswert!

Im Studio des Künstlerhauses präsentiert die Atelierstipendiatin Lucie Sahner eine neue Arbeit. Bernsteinfarben schimmern 1000 Objekte in Regalen. Die Künstlerin hat den Müll eines Kosmetikstudios eine Woche lang gesammelt, gesäubert, sortiert und katalogisiert. Die Fundstücke hat sie in der vorgefundenen Form gelassen und nur von Betriebsabfällen gereinigt. Mit der ästhetischen Setzung eines Naturkundemuseums hat sie Wachsstreifen mit Haarresten aufgespießt. Eine auf den ersten Blick banale Idee, die aber durchaus voller Assoziationen ist. Die Wachsstreifen sind die Visualisierung der schmerzhaften persönlichen Erfahrung der Haarentfernung. Wer schön sein will, muss eben leiden. Zugleich enthalten die Streifen über die DNA den genetischen Fingerabdruck des „Spenders“. Dieses zutiefst intime Stück Müll wird in einer ästhetisch kühlen Atmosphäre präsentiert und ist Dokumentation des Strebens nach Schönheit und Perfektion in unserer Gesellschaft. Bedauerlich ist allerdings, dass es nur ein Werk ist, denn ein größerer Kontext wäre schön gewesen.



Auch im Keller geben Alltagsgegenstände den Ton an. Die Hamburger Klangkünstlerin und Komponistin Dodo Schielein zeigt hier unter dem Titel „Kratzen, schaben, schubbern“ drei Arbeiten und lädt zur Partizipation ein. Die Besucher dürfen einen Bogen Papier nach den Anweisungen darauf zerreißen und so Musik machen. Auf diese Weise wird die Komposition für jeden einzelnen Besucher zum individuellen Erlebnis. Außerdem hat sie zwölf Blätter aus handgeschöpftem Papier an die Wand gehängt und mit Tonabnehmern versehen. Jede Berührung der Oberfläche wird klanglich verstärkt und schafft eine individuelle „Melodie“. Das ist Kunst, die die Sinne schult.

Die Ausstellung im Saarländischen Künstlerhaus (Karlstr. 1 in Saarbrücken) läuft bis 11. März. Geöffnet: Di bis So, 10 bis 18 Uhr.