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Literatur
Innenansicht der „Neuen Rechten“

Cover "Die Angstmacher"
Cover "Die Angstmacher" FOTO: Aufbau Verlag
Saarbrücken . Thomas Wagners „Die Angstmacher“ versucht eine Bestandsaufnahme des heutigen rechten Lagers. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Das Besondere dieses Buches ist, dass hier nicht wieder nur wer über die „Neuen Rechten“ schreibt, sondern selbst auch mit deren führenden Theoretikern spricht. Dabei steht der etwa für Jakob Augsteins Wochenzeitung „Der Freitag“ tätige Publizist Thomas Wagner nicht im Verdacht, der rechten Bewegung das Wort zu reden. Die Kernthese seiner Studie unter dem Titel „Die Angstmacher“ deutet sich bereits in deren Untertitel „1968 und die Neuen Rechten“ an: Die linke Revolte der 68er Bewegung hat Wagner zufolge auch die Ideologen des rechten Lagers maßgeblich geprägt und Pate gestanden für deren bis heute virulente Protest- und Aktionsformen.



„Es ist wie ein Déja vu. Nur mit umgekehrten Vorzeichen“, resümiert Wagner die heutigen Bruchlinien am anderen Ende der politischen Skala: Analog der linken Kulturrevolution vor 50 Jahren, die seinerzeit Verkrustungen der konservativ-bürgerlichen BRD (und den langen NS-Schatten) den Garaus machte, gehe es heute im rechten Lager abermals „gegen das liberale Establishment“, schreibt Wagner und macht gewissermaßen ein rechtes 68 aus. Ob die AfD und ihre rechten Theoretiker nun mehr direkte Demokratie fordern oder gegen angebliche mediale Meinungsmonopole wettern, ob ihre Aktionisten in alter Sponti-Manier heute Vorträge und Podiumsdiskussionen zu sprengen suchen oder ob der Kopf der europäischen „Nouvelle Droite“, Alain de Benoist, Kapitalismuskritik betreibt: Die Stoßrichtungen haben demnach Parallelen. Übrigens taucht bei Wagner auch der (in Götz Kubitscheks rechtem Antaios-Verlag publizierende) Saarbrücker Germanist Günter Scholdt auf – etwa im Zusammenhang mit der Störung einer Grass-Lesung 2008 im Hamburger Thalia Theater, bei der rechte Aktivisten einen kritischen Scholdt-Aufsatz über Günter Grass verteilten, der 2006 zugab, einst bei der Waffen-SS gewesen zu sein.

Was das Theorie-Rüstzeug der europäischen Rechten angeht, reicht Wagners Buch zwar nicht an Volker Weiß’ im Frühjahr erschienene hervorragende Analyse „Die Autoritäre Revolte“ heran, dafür aber zeichnet er „das Gründungsmoment einer rechten APO“ im Nachgang der 68er umso fundierter nach. Dabei wird deutlich, dass die europäischen Rechten (und Faschisten) schon damals den anti-autoritären Geist der Achtundsechziger für ihre eigene Zwecke zu kopieren suchten – eine Entwicklung, die Wagner zufolge bis heute erkennbar ist. Etwa, wenn der Vordenker der Rechten, Benoist, ausgerechnet von Antonio Gramsci, dem marxistischen Theoretiker und Ahnherrn der 68er, die Idee eines Schulterschlusses mit der Arbeiterklasse wie auch die des „metapolitischen“ Besetzens von Debattenthemen adaptiert.

Wagner räumt mit dem Pauschalurteil auf, dass die Neue Rechte per se latent faschistoid und fremdenfeindlich sei. Sein Buch lehrt, dass eine Auseinandersetzung mit Rechten ohne Differenzierungen nur der wohlfeilen Pflege alter Frontlinien dient. Wobei er zugleich auch deutlich macht, inwieweit der rechte SPD-Politiker Thilo Sarrazin und der Philosoph Peter Sloterdijk der radikalen Rechten in jüngerer Vergangenheit als Rammbock dienten, um ihr Türen zu öffnen, auf dass sie auf der Welle bürgerlicher Abstiegsängste mitreiten und dabei ihre eigenen Positionen in den öffentlichen Debatten lancieren konnte.

Ob Wagner mit Antaios-Verleger Götz Kubitschek spricht, mit dem Vordenker der Wiener „Identitären Bewegung“ Martin Sellner oder dem Ex-Sloterdijk-Assistenten und rechten Adepten Marc Jongen: Immer wieder erstaunt ihn, dass sie „überwiegend auf linke Analysen zurückgreifen“. Wobei unklar bleibt, inwieweit sie es aus strategischen Gründen tun. Was aber steht nun am Ende dieser Innenschau der Rechten? Ähnlich wie der Theaterdramaturg Bernd Stegemann sieht Wagner keinen Sinn darin, sie nur zu verteufeln. Vielmehr müsse ihre reaktionäre, teils demokratiefeindliche Politik in argumentativen Kontroversen entlarvt werden – anstatt sie mittels Ausgrenzung bloß in ihrer billigen Opferrolle zu bestätigen. Erstaunlicherweise sieht das selbst der rechte Kubitschek so. „Redet mit uns. (...) Das ist erstens der Weg zur Entzauberung und zweitens der Weg zum Kompromiss“, teilt er Wagner beim Besuch auf seinem Rittergut in Schnellroda mit.



Thomas Wagner: Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten. Aufbau, 351 Seiten, 18,95 €.