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Imagedreh mit Mosel, Most und Musik

Intendant Hermann Lewen mit Nachfolger Tobias Scharfenberger. Fotos: Moselmusikfestival
Intendant Hermann Lewen mit Nachfolger Tobias Scharfenberger. Fotos: Moselmusikfestival
Trier. Der Dreiklang aus Architektur, Genuss und Atmosphäre machte das Moselmusikfestival (MMF) zum größten und ältesten Klassikfestival in Rheinland-Pfalz. Anders als die Musikfestspiele Saar strotzt es im 31. Jahr vor Selbstbewusstsein und Gesundheit. Dort gelingt bis 2018 offensichtlich ein gleitender Generationenübergang und eine sanfte Erneuerung. Cathrin Elss-Seringhaus

Wie sich die Temperamente gleichen. Wenn Hermann Lewen (64), Deutschlands dienstältester Klassikfestival-Chef, über sein erstes Klassik-Open Air mit Pianist Justus Frantz 1985 im Kloster Machern bei Bernkastel erzählt, wie er dem damaligen millionenschweren Besitzer diesen atmosphärisch berückenden und kulturhistorisch bedeutenden Ort für die Moselregion abschwatzte, dann klopft er sich gerne selbst auf die Schulter. Als "Spinner" habe man ihn bezeichnet, sagt er, dann seien 1000 Menschen gekommen, und Frantz habe die Idee nach Schleswig-Holstein getragen. Er sei nun mal der Erfinder der Klassik-Festivals in Deutschland, meint Lewen, einst Kultur-Beauftragter in Wittlich. Man meint, seinen saarländischen Kollegen Robert Leonardy (76) zu hören, der 1989 die Musikfestspiele Saar gründete. Zwei fabelhafte Selfmade-Männer, seit Jahrzehnten mit Charme und Chuzpe bei VIP-Sponsoren unterwegs, mit einem programmatisch vergleichbaren Gemischtwarenladen von Kabarett bis Kammerkonzert, von Fünfsterne-Größen bis zu regionalen Mini-Combis.


"Große Stars in kleine Dörfer", dieses Motto könnte auch über dem hiesigen Festspielen stehen. Wäre denn das Wort Dorf im Saarland nicht verpönt, während es an der Mosel nach idyllischer Heimat, köstlichem Riesling und nach lukrativem Genuss-Tourismus klingt. Lewens Idee, die ausschließlich von der Weinerzeugung geprägte Kulturlandschaft des Moseltals zwischen Schengen und Koblenz zum Markenkern zu erklären, Klosterruinen, Bischofssitze und Weingüter zu bespielen, sie hat sein Festival Seit an Seit mit dem immer mehr boomenden Moselwein groß, stark und unersetzlich werden lassen. In der Region selbst, kaum überregional, was sich an der bisher eher mageren Strahlkraft des MMF etwa ins Saarland hinein beweist. Jedenfalls schossen zeitgleich zum MMF und auch zu den Musikfestspielen Saar bundesweit Festivals als austauschbare Massen-Kulturware auf, heute sind rund 300 am Start.



Doch Lewen hat starke Partner, weniger die Gemeinden und Landkreise, die als Gesellschafter der gemeinnützigen Trägergesellschaft fungieren (Landkreis Trier-Saarburg, Bernkastel-Wittlich, Cochem-Zell, Mayen-Koblenz, Bernkastel-Kues) und das Festival zusammen mit dem Land Rheinland-Pfalz zu einem Drittel (300 000 Euro) finanzieren. Auch nicht die Sponsoren, die ebenfalls mit 300 000 Euro dabei sind - mit den Ticketeinnahmen summiert sich der Etat auf rund 900 000 Euro.

Nein, die wahren Stabilitätspfeiler sind die Moselwinzer, viele auch Hoteliers und Gastronomen. Sie spendieren den Zuhörern nicht nur das kostenlose "Glas Wein danach" mit den Künstlern, sie nutzen das MMF als ihr branchenspezifisches touristisches Marketinginstrument. Sie haben Interesse daran, dass die Konzerte zu einem Wohlfühl- und Genuss-Erlebnis werden. Die Moselwein e.V. kooperiert engstens. Das ist ein Ideal- und Glücksfall - unübertragbar auf die Musikfestspiele Saar. Die generieren zwar vier Mal so viele Zuschauer (2015 rund 50 000) - und deren durchschnittlicher Etat ist zwar beinahe doppelt so hoch, doch sie stecken in der Krise, erlebten jetzt eine politische Entkoppelung. Leonardy fiel in Ungnade; seine Landes- und Totomittel (2015: 350 000 Euro)

sind weg.

Ein Grund dafür: seine zähe und "dynastische" Übergabe- und Stabwechsel-Politik an den Sohn Bernhard. In Kontrast dazu läuft die Sache beim MMF. Lewen gibt am 31. Dezember 2016 die Geschäftsführung der gemeinnützigen Festspiel-GmbH ab an Tobias Scharfenberger (51), Bariton und stellvertretende Trierer Theaterchef. Zusammen entwickeln sie das Programm 2017, das noch unter Lewens künstlerischer Leitung (Beratervertrag) laufen wird. Erst 2018 kommt dann Scharfenbergers Solo. "Ich habe noch zwei Studienjahre", sagt der Bariton, der in Zürich Kulturmanagement studierte und Anfang der 2000er Jahre in Joachim Arnolds Merziger Oper im Zelt auftrat. Über Innovationen spricht er mit der gebotenen Dezenz, plant als Innovation Themensetzungen, ausgeklügelte Familienangebote, ein aggressiveres "zielgruppenorientiertes Verkaufen". Er möchte für Jüngere und die Szene interessanter werden: "Ich könnte mir eine Akademie und Education vorstellen". Vor allem aber möchte er sich von den Spielorten noch stärker inspirieren lassen: "Wer passt wo optimal rein?" Und Lewen? Er warnt davor, den Markenkern - anspruchsvolle Musik - aufzugeben: "Es darf nicht zu populistisch werden". Aber lauter, vitaler, pfiffiger in Richtung Saarland-Werbung - dieser Punkt fehlt bei Jung und Alt noch im Zukunfts-Portfolio.

Meinung:

Vorbild für das Saarland

Von SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus

Angeblich stirbt der Klassik das Publikum weg. Dann stellen wir uns ans Grab und heulen? Beim Moselmusikfestival läuft kein Requiem, sondern eine muntere Melodie aus Mosel, Most und Musik, komponiert für Klassik-Kunden, die in ihrer Mehrheit keine sind: Touristen. Nein, diese Situation ist nicht vergleichbar mit dem Saarland. Es wäre töricht, den Musikfestspielen Saar vorzuwerfen, sie hätten es nicht geschafft, touristische Effekte zu erzielen und sich dadurch überflüssig gemacht. Das Leonardy-Festival besitzt immer noch seinen Herzens-Stammplatz beim hiesigen Publikum. Doch die Kämpfe der vergangenen Monate haben Glanz und Kraft gekostet, und die Themensetzung China für die nächste Ausgabe wirkt eher skurril als zugkräftig. Nichts deutet auf Erneuerung und Belebung hin. Kurz: Man muss ein wenig bangen, zumal die Landespolitik 2018 ein zweites, ein neues Klassikfestival an den Start bringt. Das Konzept ist offen.

Und weil das so ist, sollte man ins Moseltal schauen. Nicht, dass dort der Festival-Nabel der Welt läge. Aber der Brückenschlag zwischen Eventkultur und regionaler Kulturhistorie unter der großen Flagge "Genuss" und "Heimat", der könnte auch fürs Saarland passen.

Zum Thema:

Auf einen Blick Das Festival bringt bis 3. Oktober mehr als 67 Konzerte an 40 Spielstätten. Höhepunkte: Vivat Bacchus (kulinarische Weinproben und Konzerte): 11. 8. Garten Weingut Schloss Lieser oder 21./22. 9. Markus Molitor, Bernkastel-Wehlen; Fazil Say (14. 8., Kloster Machern), Senta Berger liest Alfred Polgar (10. 9., Bernkastel-Kues), Barock und Lounge: Berliner Lautten Company/Mine Barcok (1. 10., Viehmarktthermen, Trier), Concerto Köln mit Händels Messias, Trierer Dom (3. Oktober). Information: www.moselmusikfestival.de , unter Tel. (0 65 31) 50 00 95; www.ticket-regional.de ce

Typischer Spielort: die Klosterruine Stuben in den Weinbergen bei Bremm.
Typischer Spielort: die Klosterruine Stuben in den Weinbergen bei Bremm.