| 20:19 Uhr

Neue Doku über die Moderne Galerie
Im Mikrokosmos Saarlandmuseum

Schauen, verschieben, nochmal schauen: Roland Mönig und Kathrin Elvers-Svamberk in einer Filmszene.
Schauen, verschieben, nochmal schauen: Roland Mönig und Kathrin Elvers-Svamberk in einer Filmszene. FOTO: Marcel Wehn
Saarbrücken. Der Film „Zu werden, was es ist“ über das Saarlandmuseum hat in seiner finalen Fassung Premiere gefeiert. Die sehenswerte Dokumentation zeigt auch die tägliche Arbeit im Haus. Von Tobias Kessler
Tobias Kessler

 Am Ende verlöschen die Lichter, Ruhe zieht durch die Räume, nur noch ein bisschen Blau von Pae Whites Installation schimmert durchs Halbdunkel. Es scheint, als habe die Kunst nun ihre verdiente Nachtruhe, bevor sie morgen wieder bestaunt wird. So endet der Film „Zu werden, was es ist – Umbaujahre in der Modernen Galerie des Saarlandmuseums“, der nun in finaler, 75 Minuten langer Form zu sehen ist.


Zu sehen war Marcel Wehns Werk schon im Januar 2017, damals aber noch 20 Minuten kürzer und ohne das große Aufatmen bei der Wiedereröffnung und der Inbetriebnahme des Vierten Pavillons. Die zeigt Regisseur Wehn (auch Sounddesign) zwar nun, bauscht sie aber nicht zum dramaturgischen Höhepunkt auf; ein kurzer Ausschnitt aus der Rede von Museums-Chef Roland Mönig, montiert mit Aufnahmen der Museumsmitarbeiter, genügt. Denn dem Film geht es nicht um das nun bewältigte Chaos rund um den Pavillon, sondern um den Mikrokosmos Saarlandmuseum, um die für Besucher meist unsichtbare Arbeit, um einen Blick in Büros, Werkstätten und auch in die Ausstellungsräume, wenn kein Besucher sie durchwandelt.

Da sieht man etwa Mönig und seine Stellvertreterin Kathrin Elvers-Svamberk beim kollektiven Grübeln, mit weißen Handschuhen und besorgtem Blick. „Es ist nicht so, dass es einen vor Glück umhaut“, sagt Mönig mit Blick auf eine Gemäldeanordnung und setzt auf einen „Plan B, den wir bisher nicht hatten“. Im Untergeschoss untersuchen derweil zwei Frauen ein Dokument per Lupe; eine Restauratorin nebenan zieht zart ein Pinselchen mit klarer Flüssigkeit über ein Gemälde. Mit unkommentierten Szenen wie diesen schaut der  Film  den Menschen bei der Arbeit zu. Eine originelle Idee: Es gibt keinen Kommentar, keine eingeblendeten Texte, keine Erläuterung der Personen. Erst der Abspann klärt auf, wer wer ist und wie die Berufsbezeichnung ist. Die Arbeit steht hier im Vordergrund.



Auch in die Technik-Katakomben des Museums führt der ruhige, formal elegante Film; man sieht Heizungs- und Lüftungssysteme und einen riesigen Aufzug: Er fährt aus dem Parkett eines Raumes heraus, verschluckt ein Gemälde und verschwindet wieder im Boden, als hätte es ihn nie gegeben.

Der Film betrachtet das Geschehen aus einer gewissen, manchmal ironisch wirkenden Distanz heraus, mit ruhigen, beobachtenden Szenen – das Museum als Ort der Ruhe, gleichzeitig der ständigen Arbeit hinter den Kulissen. Selten befragt der Film Menschen direkt – und wenn, dann uninteressiert an der Hierarchie. Staatstragendes von Führungskräften hört man nicht. Sondern da berichtet etwa Ingrid Steffens, seit 17 Jahren Aufsicht im Museum, dass sie sich beim Job-Einstieg erst einmal das Kunst-Schulbuch der Tochter auslieh, um zu erfahren, was sie denn da überhaupt beaufsichtigt.

Im Keller arbeitet Museumstechniker Uwe Jäger, der im Film am Telefon erst mal „Das versteht keine Sau“ sagt (aber nicht die moderne Kunst meint). Er erzählt von den Schwierigkeiten, Handwerkern von Fremdfirmen klar zu machen, wie zerbrechlich hier das Interieur ist, und vom Jahrhundertwasser 1993, das die Fensterscheiben zu Aquariumswänden machte: „Im Erdgeschoss schwammen draußen die Enten vorbei.“

Künstler Gregor Hildebrandt schildert, wenig nostalgisch, von seinen Kindheitsbesuchen im Saarlandmuseum: „Man dachte, das nimmt kein Ende.“ Eine Faustregel ließ ihn damals durchhalten: Je größer die Bilder, desto weniger hängen in einem Raum, „desto schneller war man wieder draußen“. Mittlerweiler war er wieder drin, diesmal mit eigener Ausstellung.

Der Film in seiner ersten Fassung endete mit den Vorbeitungen zu „Zwischen den Grenzen“, der gemeinsamen Ausstellung von Saarlandmuseum und dem Centre Pompidou in Metz – dort knüpft die Aktualisierung der Dokumentation an: Von den leeren Sälen in Saarbrücken geht es kurz nach Metz, wo unter der großen Holzkonstruktion noch geputzt wird – aber immerhin: Franz Marcs blaues Pferdchen hängt schon. Zurück geht es in ein schwarzweißes Saarbrücken von anno dazumal: Eine alte Reportage des SR berichtet vom einstigen Neubau der Modernen Galerie, dann übernimmt die Doku wieder und führt uns in die Gegenwart, in die letzten Wochen vor der Wiedereröffnung. Folien für Pae Whites Installation werden geklebt, Menschen schieben Gemälde umher, fast wirken sie wie Messdiener, das Großwerk von Jonathan Meese wird begutachtet: Die reliefartig gespachtelte, anscheinend nicht komplett getrocknete Farbe des Bildes scheint sich nach sieben Jahren immer noch zu bewegen. Derweil sind Mönig und  Elvers-Svamberk wieder beim Grübeln, bedenken die Kunst, den Raum, das Licht  – was kommt wohin, sieht wo am besten aus?

Nebenbei zeigt der Film den Vierten Pavillon, wie man ihn nie wieder sehen wird: leer, unbespielt, und dann auch noch als Rohbau, durch den Roland Augustin, Leiter der Fotografischen Sammlung, eine Besuchergruppe führt: ein großer fensterloser Raum mit trostloser Fabrikhallen-Anmutung.  Augustins damaliger Satz „so gesehen, ein Traum“ musste in der ersten Filmfassung 2017 ein wenig übertrieben wirken, war aber fast prophetisch. Denn jetzt, nach der Eröffnung, möchte man ihm eher beipflichten.

Die DVD gibt es für zehn Euro im Museums-Shop des Saarlandmuseums.

Pae Whites Installation ist im vollen Umfang nur noch bis zum 2. April zu sehen. Am Mittwoch führt Kurator Ernst W. Uthemann um 18 Uhr durch die Ausstellung.
Pae Whites Installation ist im vollen Umfang nur noch bis zum 2. April zu sehen. Am Mittwoch führt Kurator Ernst W. Uthemann um 18 Uhr durch die Ausstellung. FOTO: neugerriemschneider Berlin / Pae White 2018