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Nils Frahm in Luxemburg
Im Labor des großen Klangforschers

Nils Frahm (35), der unermüdliche und erfindungsreiche Klangforscher.
Nils Frahm (35), der unermüdliche und erfindungsreiche Klangforscher. FOTO: dpa / Alexander Schneider
LUXEMBURG. Ein Erlebnis – der Pianist Nils Frahm gab am Freitag ein herausragendes Konzert in der Luxemburger Philharmonie. Von Leslie Dennert

Wie eine Spielwiese aus Bauklötzen stapeln sich Tasteninstrumente übereinander. Alte und neue, analoge und digitale. Dazwischen Geräte mit Reglern und Schaltern. Unaufgeregt und ungewöhnlich. Das ist der Arbeitsplatz des Musikers, der aktuell die größten Konzerthallen füllt und die Menschen weltweit glücklich macht – auch am vergangenen Freitag in Luxemburg: Nils Frahm spielte in der Philharmonie  und katapultierte binnen Sekunden die Besucher in Frahms Wunderland. Ein einmaliges Erlebnis, dem Grenzgänger, besser: „Grenzenauflöser“, über die Schulter zu schauen: wenn er in seinem Labor aus Tasten, Knöpfen und Reglern experimentiert, den richtigen Sound zu bauen, untermauert von Harmoniefolgen irgendwo zwischen Klassik und Moderne. Ständig in Bewegung, andächtig, schräg, groovig, sakral-meditativ.


Frahm sitzt am Harmonium, spielt eine Melodie. Dann steht er auf, dreht an einem Gerät und mischt Sounds dazu. Er zaubert unglaublich viele Facetten: auf der einen Seite die originalen Klänge von Harmonium, E-Piano, Orgel oder Klavier. Dann Gitarre oder Harfe. Auch Chorstimmen kann er auf Tastendruck erzeugen, was uns in der Gesamtkomposition zu einer tiefen Entspannung führt. Das ist die eine Richtung. Dann ändert sich die Stimmung: Frahm zerrt an Amplituden, Frequenzen und Schwingungen, variiert und probiert. Hier noch eine Modulation, da ein Hall, ein neuer Beat, perfekt integriert. Der Magier wird zum DJ, umhüllt von Ambient und Techno. Man möchte aufspringen und tanzen. Frahm ist Techniker und Ästhet in einem. Vor allem Pianist. Immer wieder zeigt er im perfekten Spiel, dass er aus der Klassik kommt. Rollende Ostinati spielt er am Flügel so gestochen, als wolle er die Technik überlisten. Ein Musiker zwischen Experiment und Tradition. Ein Alleinunterhalter der Neuzeit.

Es hat etwas Intimes, dabei zu sein, wie Frahm seine Gerätschaften bearbeitet, Töne auslotet und Stimmungen erzeugt. Der Titel seines Albums „All Melody“, das just am Freitag auf den Markt kam, ist Programm, denn Frahm konzentriert sich hier oft auf die Melodie. Einfache und klare Phrasen wiederholt er immer wieder. Das wirkt bisweilen  liedhaft, fast naiv, etwa im Stück „My friend the forest“. Was ein bisschen von der Mystik einbüßt, die seine Stücke oft umgeben, eben eine andere Facette zeigt. Dennoch: Nils Frahm löst Begeisterungsstürme aus beim grandiosen Start mit „Sunson“ aus dem neuen Album oder mit seinen bekannten Songs wie „Toilet brushes“ oder dem wundervollen „Says“ – ein schillerndes Elixier aus Klängen und Stimmungen. Augen zu und hinein. Die reine Entschleunigung.  Diese Musik berauscht und macht süchtig. Danke, Nils Frahm.