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Saarbrücker Kinder- und Jugendbuchmesse
Im Grenzgebiet der Leseförderer-Seligkeit

Blick auf eine zweisprachige Buchvorstellung, auf Deutsch und Französisch, gestern in der Alten Kirche.
Blick auf eine zweisprachige Buchvorstellung, auf Deutsch und Französisch, gestern in der Alten Kirche. FOTO: Rich Serra
Saarbrücken. Der Umzug vom Schloss in die Alte Kirche hat sich bewährt: Eindrücke vom ersten Tag der Saarbrücker Kinderbuchmesse.

„Liebe Damen und Herren der Bauaufsicht und des Ordnungsamtes, vielleicht haben Sie auch ja Kinder und können sich vorstellen, wie das wäre, wenn es hier haufenweise Sitzkissen gäbe und der ganze Raum mit Lampen, Wandstoffen, Teppichen, einer Getränkebar und so weiter dekoriert wäre – und es gar richtige Lesehöhlen gäbe, in die man zum Lesen hineinkriechen könnte.“ So ähnlich könnte ein weltfremder Bettelbrief anfangen, den abzuschicken natürlich keinen Sinn macht. Leben wir nicht im Land unzähliger Verordnungen und allüberall lauernder Gefahren? Ja.


Trotzdem muss man der Baufsicht ein Lob aussprechen, weil sie (anders als in den Vorjahren am alten Messestandort Schloss) diesmal gnädigerweise einen Hauch Atmosphäre zuließ in der Alten Kirche, wo bis Sonntag die Europäische Kinder- und Jugendbuchmesse (KiBu) gastiert. Weder sah das Ordungsamt den Saarbrücker Luftraum in Gefahr, weil die Messeleitung es wagte, auf dem Cora-Epstein-Platz vor der Kirche Wimpel zu spannen. Noch nahm die Bauaufsicht Anstoß an der Handvoll Sitzgelegenheiten oben im Konzertsaal, wo man sich auf gepolsterten Holzpaletten niederlassen kann. Mit einem Buch etwa?

Wie das so ist, wenn klassenweise Kinder diesen mit Tapeziertischen und Holzregalen voller Bücher bestückten Saal stürmen, stellte sich das Idealbild aller Leseförderer dieser Welt gestern Vormittag nicht ein: in Bücher versunkene Stepkes, die das (phasenweise) Tohuwabohu um sich vergessen. „So was sehen Sie aber am Wochenende, wenn Eltern mit ihren Kindern kommen“, meint Astrid Rech, die die KiBu im zehnten Jahr leitet. Was die Frage aufwirft, ob alle Lehrer und Erzieher der rund 100 angemeldeten Klassen und Kindergartengruppen ihre Schäfchen auf solch eine Buchmesse ausreichend vorbereiten und sie vor Ort dazu animieren, sich mal ein Buch zu schnappen und – auch das soll es auf einer Buchmesse ja geben – reinzulesen? „Manche Lehrer sind da überfordert, manche geben ihre Verantwortung auch gleich unten am Eingang ab“, befindet Astrid Rech.



Aber genug des Mäkelns – der Umzug vom Schloss in die Alte Kirche hat der Messe sichtlich bekommen: keine sterilen Verlagskojen mehr, keine Kassenhallenatmo. Statt dessen thematisch geordnete Areale von Sach- über Bilderbüchern bis hin zu Regalen und Tischen mit Neuerscheinungen für Leseanfänger, für „geübte Leser“  oder für an Fremdsprachlichem Interessierten. Wer suchet, der findet. Etwa hinreißend illustrierte Bücher wie die Kennedy-Lebensgeschichte „John F. Kennedy: Zeit zu handeln“ von Shana Corey/R. Gregory Chrisite“ (Nordsüd Verlag), die Obdachlosen-Bildergeschichte „Stromer“ von Sarah V/Claude Dubois (Moritz Verlag) oder das in bester Grüffelo-Tradition stehende Bilderbuch „Der Troll und die wilden Piraten“ von Julia Donaldson/David Roberts (Knesebeck). Wer heute noch zu stöbern weiß, wird fündig und sich etwa festlesen in herausragenden Graphic Novels wie „Zweite Generation: Was ich meinen Vater nie gefragt habe“ von Michel Kichka (Egmont) oder Kirsten Reinhardts sehr empfehlenswertem, eine „drangsalöse Misere“ beschreibenden Fast-Jugendbuch „Der Kaugummigraf“ (Carlsen).

Und weil zu einer Buchmesse auch Lesungen und leibhaftige Autoren und Illustratoren gehören (zwei Dutzend sind angereist, immerhin fast die Hälfte aus dem Ausland), sah man gestern im Erdgeschoss der Kirche und nebenan im Evangelischen Gemeindezentrum gut besuchte Vorlese-Sit-Ins – wenn auch hinter verschlossenen Türen, was irrigerweise vermuten lassen konnte, es sei wenig los.

Bedauerlich ist, wie unprofessionell die gestrige Premiere der neuen Gesprächsreihe „Forum“ über die Bühne ging, bei der Autoren und Bildkünstler mittags um Zwölf interviewt werden: Der spanische Ilustrator und Dauer-Messegast Ignasi Blanch war wegen Mikroproblemen kaum zu verstehen, auch gab es keinerlei Gesprächsrahmen – weder ein Sofa, auf dem Blanch und Messe-Pressefrau Svenja Burmann Platz nehmen konnten, noch ein sichtbares Auditorium. Doch gelobte Astrid Rech gestern sogleich Besserung. Verbuchen wir es unter dem bekannten, improvisatorischen Saarbrücker Messe-Charme. Der zeigte sich einmal mehr  am Nachmittag, als die spanischen Illustratorengäste oben auf Holzleitern herumwerkelten – beschäftigt mit der Verschönerung der Konzertsaal-Empore, wo man sich an die Bemalung der schwarzen Bühnenkulissen der HfM-Opernklasse machte. Wie sagte Comic-Verleger Eckart Schott, der seit Jahren hier ausstellt, gestern doch? „Saarbrücken ist ’ne nette, kleine Messe.“