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Arme Künstler
Ohne Nebenjob keine Kunst

  Dass Kunst oft brotlos bleibt, machten Künstler selbst schon zum Motiv. Puccinis Opern-Welterfolg „La Bohème“ (hier eine Szene aus Franco Zeffirellis Verfilmung von 1965) verklärt geradezu die Not in der eiskalten Pariser Maler-Mansarde. In der Realität ist Künstlerarmut aber kaum romantisch.
Dass Kunst oft brotlos bleibt, machten Künstler selbst schon zum Motiv. Puccinis Opern-Welterfolg „La Bohème“ (hier eine Szene aus Franco Zeffirellis Verfilmung von 1965) verklärt geradezu die Not in der eiskalten Pariser Maler-Mansarde. In der Realität ist Künstlerarmut aber kaum romantisch. FOTO: INTERFOTO / Salzgeber & Co. Medien GmbH
Düsseldorf. Zig Millionen zahlt man für Bilder von David Hockney oder Gerhard Richter. Wenige Glückliche, denn den meisten Künstlern droht spätestens im Alter Armut. Und Frauen trifft es besonders hart: Deutsche Künstlerinnen verdienen nur knapp 8 400 Euro im Schnitt jährlich.

Mit Kunst lässt sich eine Menge Geld verdienen. 90 Millionen Dollar zahlte ein Sammler vergangenen November für ein Gemälde von David Hockney – der bisherige Rekordpreis für das Werk eines lebenden Künstlers. Auch Gerhard Richter oder Jeff Koons verdienen Millionen mit ihren Werken. Für den Großteil ihrer Kollegen ist das jedoch unvorstellbar. „Die meisten Künstler verdienen erschreckend wenig“, sagt Corina Gertz, Sprecherin des Rats der Künste Düsseldorf.


Im Durchschnitt verdienten Künstler in Deutschland 11 662 Euro im Jahr, Künstlerinnen sogar nur 8 390 Euro, sagt Gertz. 80 Prozent der Künstler brauchten einen Nebenjob, um über die Runden zu kommen. Kein Wunder, dass sie nicht viel fürs Alter ansparen können. Kunstschaffende hätten durchschnittlich eine monatliche Rente von nur 357 Euro, sagt Gertz. Bei vielen ist es sogar noch weniger.

So etwa bei Karl Hans Müller, dessen Rente nur 150 Euro im Monat beträgt. Der 68-Jährige lebt von Grundsicherung. Dabei hat Müller immer künstlerisch gearbeitet und ausgestellt. Allerdings konnte er nur hin und wieder etwas verkaufen. Von seinen Skulpturen, Zeichnungen, Fotografien und Videos konnte er also nie leben. Deshalb hielt sich der Absolvent der Düsseldorfer Kunstakademie mit Nebenjobs in Industriebetrieben und als Fensterputzer über Wasser. „Jetzt stecke ich in der Lebendfalle“, sagt Müller, der auch im Rentenalter künstlerisch tätig ist. Das Geld reiche gerade so zum Leben, aber nicht mehr, um künstlerische Projekte vorab zu finanzieren. Geld ansparen kann er nicht, denn auch geringe Einkünfte aus Verkäufen werden mit der Grundsicherung verrechnet.



So wie Müller ergeht es im Alter vielen Künstlern, beobachtet Hanne Schweitzer vom Büro gegen Altersdiskriminierung. Das liege nicht nur an den oft mickrigen Renten, sondern auch daran, dass es für ältere Künstler kaum Fördermöglichkeiten gebe. „Bei Stipendien und Preisvergaben gibt es eine Altersdiskriminierung“, sagt Schweitzer. Denn meist bestehen für die Ausschreibungen Altersgrenzen. „Ältere Künstler sind außerdem für den Kunstmarkt nicht mehr so sexy“, weiß Emmanuel Mir vom Landesbüro für Bildende Kunst NRW. Er erwartet, dass das Problem der Altersarmut bei Künstlern künftig noch wachsen wird. „Denn die Zahl der Absolventen an den Kunsthochschulen explodiert.“ Filme über berühmte Künstler wie Gerhard Richter, Joseph Beuys oder auch Vincent van Gogh bewirkten einerseits mehr Akzeptanz für die Kunst. Andererseits treffe das steigende Angebot an Kunstproduktion aber auf eine viel zu geringe Nachfrage.

Mir fordert, mehr für die musische Bildung zu tun, um den Wert der Kunst für die Gesellschaft zu vermitteln. Auch Corina Gertz vom Rat der Künste betont: „Kunst ist der Wissenschaft sehr ähnlich. Es ist eine Grundlagenforschung.“ Kunst habe eine wichtige gesellschaftliche Funktion und müsse daher auch gefördert werden. Der Rat der Künste schlägt daher einen Notfonds vor, mit dem die Arbeit mittelloser Künstler unterstützt werden könnte. Das käme auch älteren Künstlern zugute. Finanziert werden könne dieser Topf zum Beispiel durch die Erhebung eines Kultur-Euros, den Städtetouristen auf Übernachtungen entrichten müssten, sowie durch Spenden.

Hanne Schweitzer vom Büro gegen Altersdiskriminierung fordert zudem, dass an den Kunstakademien auch über die wirtschaftliche Seite des Künstlerberufs aufgeklärt werden müsse. „Viele Absolventen wissen noch nicht einmal, wie sie eine Rechnung schreiben sollen.“ Vor allem aber brauche es bessere Ausstellungsmöglichkeiten, auch für ältere Künstler, sind sich Gertz und Schweitzer einig. Vorbild könnten die Kommunalen Galerien in Berlin sein. In den 31 Galerien in städtischem Besitz können freie Künstler auf rund 10 000 Quadratmetern ihre Werke ausstellen. Dort bekämen sie sogar ein kleines Honorar, sagt Schweitzer. Für Ausstellungen in privaten Galerien hingegen zahlten Künstler mittlerweile oft sogar drauf, weil sie den Transport und die Hängung der Bilder immer häufiger selbst übernehmen müssten. Gerade für Künstler im Rentenalter sei das oft nicht mehr machbar.

Karl Hans Müller betont, für ihn sei die Kunst nicht Beruf, sondern Berufung. Trotz seiner prekären Lage fordert er nicht mehr Geld für seinen Lebensunterhalt. Er wolle gegenüber anderen Menschen, die ebenfalls immer gearbeitet hätten und Grundsicherung bezögen, nicht besser gestellt sein. Müller wünscht sich lediglich bessere Arbeitsmöglichkeiten sowie die Anerkennung seiner Leistung. „Man sollte ein Auge auf die Künstler haben, darauf, dass die Kunst etwas transportiert, was andere Bereiche nicht vermitteln.“