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„Ich wollte ja gar nicht in den Westen“

Nicht nur die DDR stirbt: die Familie um Kurt (Sylvester Groth, Mitte) bei der Beerdigung von dessen Stiefvater. Foto: Hannes Hubach / X-Verleih
Nicht nur die DDR stirbt: die Familie um Kurt (Sylvester Groth, Mitte) bei der Beerdigung von dessen Stiefvater. Foto: Hannes Hubach / X-Verleih FOTO: Hannes Hubach / X-Verleih
Saarbrücken. Der Regisseur über seine Romanverfilmung „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, die in Saarbrücken anläuft.

Kaum ein Roman hat die erstarrte Stimmung in der untergehenden DDR besser eingefangen als Eugen Ruges brillantes Debüt "In Zeiten des abnehmenden Lichts". Anhand der eigenen Familiengeschichte untersuchte der Autor über vier Generationen hinweg die gescheiterten Hoffnungen und die bittere Wirklichkeit des realexistierenden Sozialismus. Regisseur Matti Geschonneck ("Boxhagener Platz") und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase ("Solo Sunny", "Sommer vorm Balkon") haben die Vorlage nun fürs Kino zu einem intensiven Kammerspiel verdichtet.


Gab es beim Lesen von Eugen Ruges Roman für Sie einen Moment, an dem Sie dachten: Daraus will ich einen Film machen?

GESCHONNECK Mich interessierten vor allem die Figuren und die Zeitbögen, die aus ihren Lebensgeschichten gespannt werden. Der Roman hat mich sehr berührt, auch weil ich aus einer Familie komme, die bei aller Zerrissenheit in einer engen Beziehung zu dieser Geschichte stand. Ich bin selbst in der DDR groß geworden und habe in der Sowjetunion studiert. Die Figuren im Roman kamen mir sehr vertraut vor.



Ihr Vater Erwin Geschonneck war in der DDR ein angesehener Schauspieler und auch ein überzeugter Kommunist...

GESCHONNECK Der Wilhelm Powileit, den Bruno Ganz im Film spielt, weist schon eine große Seelenverwandtschaft mit meinem Vater auf. Er war zwar während des Krieges im Gegensatz zu Powileit nicht in der Emigration, sondern sechs Jahre im Konzentrationslager - aber von ihrer Wesensstruktur, ihrer politischen Überzeugung sind die beiden verwandt. Ich war vier Jahre alt, als die Ehe meiner Eltern geschieden wurde, lebte mit diesem sehr gewichtigen Namen in der DDR, doch ich kannte den berühmten Vater eigentlich gar nicht. Erst nach der Wende näherten wir uns einander an und haben sogar einen Film zusammen gemacht. Wir waren uns dann 15 Jahre bis zu seinem Tod sehr nahe. Das war für mich natürlich ein großes Geschenk.

Sie haben 1978 die DDR verlassen. War damals die Erstarrung, wie der Film sie aus den späten Achtziger zeigt, schon spürbar?

GESCHONNECK Ich wollte ja gar nicht in den Westen gehen. Das hat sich damals aus privaten und politischen Umständen ergeben. Im Zuge der Ausbürgerung Wolf Biermanns wurden von mir Erklärungen abverlangt, die ich ablehnte abzugeben. Ich sollte mich von ihm schriftlich distanzieren. Im Gegensatz zu anderen, die Repressalien erfuhren, wurde es mir leicht gemacht, die DDR zu verlassen.

Wenn im Kino über die DDR gesprochen wird, dann geschieht das zumeist entweder in Form einer überzeichneten Ost-Klamotte oder eines düsteren Stasi-Dramas. Ihr Film hat bei aller Schwere auch einen sehr feinen Humor. Wie haben Sie diese Balance gefunden?

GESCHONNECK Eugen Ruges Roman hatte schon einen sehr skurrilen Witz, dann kam das Drehbuch Wolfgang Kohlhaases, mit seinem sehr intelligenten, feinen Humor. Da muss man als Regisseur natürlich die entsprechende Tonlage finden. Unser Film ist in dem Sinn keine Komödie, hat aber trotzdem sehr komische Momente. Das ist schon kurios, wie dieser 90. Geburtstag gefeiert wird, kurz vor dem Mauerfall, als würde es die DDR ewig geben. Dafür braucht man natürlich die guten Schauspieler - und die hatten wir.

Roman wie Film entfalten Historie in einem ganz privaten, familiären Umfeld. Wo liegt für Sie das emotionale Zentrum des Films?

GESCHONNECK In der Ehe von Kurt und seiner russischen Frau Irina. Die Wärme, aber auch das Tragische dieser Ehe halten den Film für mich zusammen. Eine Ehe stirbt, eine Familie löst sich auf, ein System geht unter. Ich hoffe, dass der Film berührt, dann findet er auch sein Publikum.

Kurt, so wie Sylvester Groth ihn spielt, strahlt - anders als im Roman - eine ruhige Wärme aus, die überrascht, wenn man daran denkt, wie der Mann in die Mühlen des 20. Jahrhunderts geraten ist.

GESCHONNECK Sylvester Groth als Kurt war meine erste Besetzung, ein intuitiver Schauspieler. Kurt hat das sozialistische System als Historiker in der DDR mit getragen, verteidigt, gleichzeitig unter ihm gelitten. Er war zehn Jahre in einem sowjetischen Arbeitslager und schwieg darüber, aus Gründen der Parteidisziplin. Während der Nazizeit sind einige junge Kommunisten aus Deutschland in die Sowjetunion gegangen, um später in der Roten Armee gegen die deutschen Faschisten zu kämpfen. Manche aber wurden in einen Zug in die andere Richtung gesetzt. Statt an der Front fanden sie sich im Arbeitslager wieder. Es ist wichtig, von solchen Paradoxien zu erzählen - auch um die heutigen Wirren zu verstehen.

Martin Schwickert sprach mit dem Regisseur.

Der Film läuft ab Donnerstag in der Camera Zwo (Sb).

Regisseur Matti Geschonneck bei der Berlinale. Foto: Kaphengst/ X-Verleih
Regisseur Matti Geschonneck bei der Berlinale. Foto: Kaphengst/ X-Verleih FOTO: Kaphengst/ X-Verleih