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Florian Ross in der Kinowerkstatt St. Ingbert
„Ich musste ziemlich lange durchhalten“

Florian Ross (35) bei den Dreharbeiten zu seinem Debüt-Spielfilm „Vielmachglas“.
Florian Ross (35) bei den Dreharbeiten zu seinem Debüt-Spielfilm „Vielmachglas“. FOTO: Bernd Spauke
St. Ingbert. Sein erster Film, gedreht im Wald zwischen St. Ingbert und Elversberg,  hat 20 Mark gekostet – sein jüngstes Werk „Vielmachglas“ drehte Florian Ross für 3,5 Millionen Euro und mit Matthias Schweighöfer. Von Tobias Kessler
Tobias Kessler

Manchmal, da reichen eine Kamera, ein wenig Kunstblut und viel Liebe zur Sache. Im Sommer 1997 irren und rennen drei Schüler durch den Wald zwischen St. Ingbert und Elversberg, auf der Flucht vor einem Monster – es sind die Dreharbeiten zum Gruselfilm „Ahnunglos“. Der St. Ingberter Florian Ross ist damals 15, Regisseur und einer der Darsteller – muss als solcher aber zügig ins saarländische Gras beißen, damit er auch die Kamera bedienen kann, „denn das hat in den Szenen zuvor meine Mutter übernommen“. Und wenn die Mutter dafür keine Zeit hatte? „Dann haben wir die Kamera aufgestellt, angeschaltet und sind ins Bild gelaufen.“ So einfach ist das.


Vom Dinosaurierfilm „Jurassic Park“ beseelt, dreht das Trio (Florian Ross, Zwillingsbruder Daniel und Freund Christian Ruge) seinen No-Budget-Film in zwei Etappen. Im Sommer 1998 geht es für die nächsten Szenen weiter, mittlerweile hat das Trio andere Frisuren und Outfits, „das springt im Film dann ziemlich rum“, sagt Florian Ross heute. Den Film schneidet er am Videorekorder des Vaters, einen Soundtrack bastelt er sich aus Musik von „Jurassic Park“ und „Leon – der Profi“ – dann geht es zur feierlichen Premiere: Im November 1998 läuft der Halbstünder „Ahnunglos“ in der Kinowerkstatt St. Ingbert, „die Hütte war voll mit 60 Freunden, Bekannten und unseren Familien“.

Jetzt, knapp 20 Jahre später, kommt Ross zurück in die Kinowerkstatt, als gestandener Regisseur; er zeigt noch einmal sein Debüt (Budget: 20 Mark für Kunstblut und Videocassette) und danach seinen ersten Kinofilm (Budget: 3,5 Millionen Euro): „Vielmachglas“ mit Jella Haase aus „Fack Ju Göhte“ und Matthias Schweighöfer; seit drei  Wochen läuft er bundesweit, im Verleih des Branchenriesen Warner.  Das ist schon ein Kontrast zum Schüler-Monsterfilm, der für Ross nur bedingt die Initialzündung seiner Karriere war. Mit Film hatte er immer gerne experimentiert, Häusermodelle aufgenommen, die er mit Silvesterböllern in die Luft gejagt hat – was Jungs eben so tun, wenn sie eine Kamera haben. „Aber als Beruf war das damals für mich sehr weit weg. Zumal es im Saarland da nicht viele Möglichkeiten gab.“

Doch nach einem Praktikum beim Saarländischen Rundfunk und dem Zivildienst beim Roten Kreuz in St. Ingbert tut sich eine Chance auf: Ein Bekannter der Familie hat in Düsseldorf eine Produktionsfirma, wo Ross Praktika machen kann, die er für die Bewerbung an Filmhochschulen braucht. „Und bei denen wollte ich direkt durchstarten – das war zumindest der Plan.“ Doch der Markt ist extrem eng, und Ross wird trotz einiger Bewerbungen nicht angenommen. Damals frustrierend, sieht er das heute als Glücksfall. In der Firma macht er nun eine Ausbildung zum Mediengestalter; und da die Firma klein ist, „musste und konnte ich alles machen und lernen“ – darunter Schnitt, Kameratechnik, Budgetkalkulation. Während er Einblicke ins Werbegeschäft gewinnt, dreht er privat weiter Kurzfilme.

Mit denen bewirbt er sich wieder bei Filmhochschulen, wieder erfolglos. „Irgendwann dachte ich, vielleicht liegt es nicht an meinen Filmen, sondern an den Gremien der Hochschulen.“ Deshalb schickt er seine Kurzfilme nun an Festivals – mit Erfolg. Sein Werk „Clooney“, von  der Filmhochschule Ludwigsburg abgelehnt, wird zum renommierten Manhattan Short Film Festival eingeladen. Für Ross „ein Erlebnis“ und ein dringend nötiger Ansporn. „Ich musste ziemlich lange durchhalten.“ Mit der 12. (!) Bewerbung klappt es dann  bei der Ifs Internationale Filmhochschule Köln. Bis 2014 studiert er dort, versucht sich am Film Noir, an postapokalyptischen Szenerien und, in seinem Abschlussfilm „Das Gewehr“, an der Tragikomödie. Der Film erregt das Interesse von Pantaleon Films,  der Produktionsfirma, die Matthias Schweighöfer gegründet hat. Dort ist man von Ross und seinem Autor Finn Christoph Stroeks so angetan, dass man das Kinodebüt des Gespanns auf den Weg bringen will. Doch da sich in der Firma die Projekte gerade stapeln, schreibt Stroeks erstmal an Schweighöfers Film „Der Nanny“ mit, während sich bei Ross auszahlt, dass er eben nicht nur Regie studiert hat, sondern sich auch in Werbung und Marketing auskennt: Das übernimmt er bei Pantaleon für die Filme „Der Nanny“, „Der geilste Tag“ (was ihn nach Afrika führt) und bei der ersten Season von Schweighöfers Amazon-Serie „You Are Wanted“. Zudem dreht Ross für die Firma  Werbeclips für Krombacher und Amazon, bis er 2017 sein Kinodebüt inszeniert: eben „Vielmachglas“, eine Tragikomödie über eine junge Frau, die sich schneller dem Ernst des Lebens stellen muss als ihr lieb ist.



Den ganz großen Druck habe er bei den Dreharbeiten nicht gespürt, sagt Ross. „3,5 Millionen Euro sind für ein Debüt schon viel Geld, aber um das Finanzielle kümmert sich ja vor allem der Produzent“. Nur einmal sei er wirklich  nervös geworden – als er, der Debütant, die erfahrenen Profis Juliane Köhler und Uwe Ochsenknecht zu dirigieren hatte. „Da ging mir schon etwas die Düse“ – aber die beiden hätten es ihm leichtgemacht. „Da konnte ich die Arbeit sehr genießen.“ Mit dem Film ist er glücklich, ebenso wie die Produktionsfirma, die schon den nächsten Film mit Ross und seinem Autor plant (worum es geht, kann und will er nicht verraten). Ross weiß, dass er es gut getroffen hat. „Der Markt für Regisseure ist schwierig, viele suchen lange nach einem Produzenten oder nach einem Verleiher. Für meine Situation bin ich sehr dankbar – das ist ein großer Luxus.“

Die Rückkehr in die Kinowerkstatt an Ostern ist nicht seine erste seit 1998. Mitglied im Verein des Kinos ist er ohnehin aus langer Verbundenheit auch zu Kinoleiter Wolfgang Kraus; nach dem Studium zeigte Ross schon mal einige Kurzfilme. Jetzt mit dem Spielfilmdebüt anzureisen, ist für ihn schon etwas Besonderes – zumal er in „Vielmachglas“ eine Huldigung an St. Ingbert eingebaut hat. Welche das ist, will er nicht verraten – „aber als Saarländer wird man das sofort erkennen“.

Termin: Am Ostersonntag ab 19 Uhr laufen „Ahnungslos“ und „Vielmachglas“ in der Kinowerkstatt St. Ingbert.
Die Kurzfilme von Florian Ross kann man sich auf seiner Internetseite anschauen: www.florianross.com

Glückliche Filmemacher bei der Premiere auf der Couch in der Kinowerkstatt St. Ingbert, November 1998 (von links): Hauptdarsteller Christian Ruge, Regisseur Florian Ross, Christian Lang, der bei der Fertigstellung half, und Ross’ Zwillingsbruder Daniel, der auch in „Ahnungslos“ mitspielt.
Glückliche Filmemacher bei der Premiere auf der Couch in der Kinowerkstatt St. Ingbert, November 1998 (von links): Hauptdarsteller Christian Ruge, Regisseur Florian Ross, Christian Lang, der bei der Fertigstellung half, und Ross’ Zwillingsbruder Daniel, der auch in „Ahnungslos“ mitspielt. FOTO: Ross / Florian Ross