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Ausstellung im Saarländischen Künstlerhaus
Illusionen aus Farbe

Ein Detail aus „colorcode“ von Joachim Ickrath, der mit seinen Lineamenten brilliert. 
Ein Detail aus „colorcode“ von Joachim Ickrath, der mit seinen Lineamenten brilliert.  FOTO: Bernhard Loesch
Saarbrücken. Das Saarländische Künstlerhaus präsentiert neue, sehenswerte Arbeiten von Joachim Ickrath, Natascha Pötz und Marion Cziba. Von Bülent Gündüz

Joachim Ickraths Gemälde sind kleine Wunder. Wie kaum ein Zweiter schafft es der 1940 in Berlin geborene Maler, nur mit den Mitteln der Farbe Räume zu schaffen. Obwohl seine Bilder alleine aus rechteckigen Farbflächen und Linien bestehen, meint man als Betrachter, darin Architektur zu erkennen oder mit dem Auge durch Stadtlandschaften zu wandern. Dabei sind die Arbeiten keine Abstrahierung der Wirklichkeit, sondern rein geometrische Gebilde. Die hohe Suggestivkraft erreicht der in Völklingen lebende Maler durch das stark reduzierte Formenvokabular, durch klare Strukturen und eine präzise ausgeklügelte Farbigkeit.


Ickrath wurde an der Kunst- und Gewerbeschule in Basel ausgebildet und studierte zwei Semester an der Hochschule der Künste in Berlin bei Hans Uhlmann. Die Zeit bei dem konstruktivistischen Zeichner und Bildhauer hat Ickrath geprägt. Er begann mit geometrischen Formen zu experimentieren und wurde 1966 Mitherausgeber der kunsttheoretischen Zeitschrift ZAAZ, die lebendiges Experimentierfeld einer Gruppe junger Künstler war. Sie hatten sich der konkret-konstruktivistischen Kunst verschrieben und wollten durch die Anwendung der Gesetze der Mathematik und der Logik alles Emotionale und Individuelle eliminieren. Bis heute basieren viele Werkserien Ickraths auf der visuellen Grammatik jener Jahre, wie die Ausstellung im saarländischen Künstlerhaus eindrucksvoll beweist.

Grob lassen sich die gezeigten Arbeiten in zwei Werkkomplexe unterteilen. Da sind die streng geordneten Lineamente aus kräftigen Farben, die im Licht zu flirren und zu vibrieren scheinen und Assoziationen an Hochhausfassaden wecken. Hier untersucht er vor allem Farbwirkungen. Er spielt mit Harmonien, Kontrasten, Differenzierungen und Analogien des Farbspektrums. Auf der anderen Seite nutzt Ickrath orthogonale Systeme – Vektorengebilde, die bisweilen an Stadtlandschaften erinnern. Dabei schafft es Ickrath mit Überschneidungen und einer bewusst gesetzten Farbordnung, tiefenräumliche Illusionen zu erzeugen.



Trotz der sich stetig wiederholenden Elemente wird das nicht monoton. Metrik und Rhythmus wechseln ständig und halten den Betrachter wachsam, ohne für das Auge anstrengend zu werden. Nicht selten nutzt Ickrath dabei auch Mittel der Op-Art, um den Betrachter zu täuschen und zum genauen Hinschauen zu motivieren.

Zu diesen Arbeiten gesellen sich als wunderbarer Kontrast die architektonischen Landschaften von Natascha Pötz im Studio des Künstlerhauses. Ihre abstrahierten Architekturen sind Rahmen für Geschichten, die der Betrachter enträtseln muss. Innen und Außen der Räume sind meist erkennbar, Perspektive und räumliche Tiefe fehlen aber. Arbeitete die Berlinerin früher vor allem zeichnerisch mit Bleistift und Wachsmalstiften, sind die neuesten Arbeiten Papiercollagen, in denen sie mit dem Material experimentiert. Zeichnungen erscheinen in den neuesten Werken nur noch fragmentarisch.

Pötz entwickelte dafür einen ganz eigenen Material- und Motivkanon mit reduzierter Farbgebung in Grau- und Brauntönen. Die Präsentation ist großartig und verstärkt die gewünschten Effekte noch, weil viele großformatige Werke nicht gerahmt wurden und so der reliefartige Eindruck noch gesteigert wird.

Im Keller präsentiert die Saarbrücker HBK-Absolventin Marion Cziba aktuelle Arbeiten. Zu den stärksten Werken gehört die Videoarbeit, in der sie ein Handrührgerät mit zwei fixierten Gummibändern verbindet und den Mixer wie von Geisterhand gesteuert durch den Raum tanzen lässt. Durch die szenische Verfremdung entsteht in der Draufsicht ein oszillierendes Linienspektrum aus den sich zwirbelnden Bändern. So ergibt sich ein verführerisches Spiel mit der Frage nach der Sinnhaftigkeit von Maschinen, das sich zugleich aber auch als ein Spiel mit Linie, Form und Raum erweist.

Bis 21. Oktober. (Karlstraße 1).
Di bis So: 10 bis 18 Uhr.