| 20:30 Uhr

Konzerte
Vor der Hölle regnet’s rote Rosen

Saarbrücken. HipHopper Alligatoah leistete in der Saarbrücker Saarlandhalle musikalisch Maßarbeit. Von Josefine Hoffmann

Gesamtkunstwerk. Ein anderes Wort wird dem Konzert von Hip‑Hopper, Sänger, DJ und Produzent Alligatoah am Freitagabend in der Saarlandhalle nicht gerecht. Er sang die Titel seines 2018 erschienenen Albums „Schlaftabletten, Rotwein V“ nicht nur – er inszenierte sie! Dieses muntere Reptil, das mit bürgerlichem Namen Lukas Strobel (Jahrgang 1989) heißt, treibt hemmungslos sein sprachakrobatisches Unwesen mit deutschem Kulturgut. Frech greift er auf Gedichte, Sprichwörter, Volkslieder, Schlager, Pop und Rock zurück, um die wirklich relevanten Dinge des Lebens zu besingen: Umweltverschmutzung, Terrorismus, Drogenkonsum oder Tücken des technisierten Alltags.


Den Anfang machte der Berliner Rapper Dazzle, hinter dem auf einer Digitaluhr der Countdown bis zum Auftritt vom Hauptakteur lief. Er stellte erst mal klar: „Hip‑Hop ist kein schlechter Einfluss!“ Es gebe schlechtere, wie etwa Topmodel­sendungen und Facebook. Bei Dazzle zeichnete sich leider schon das einzige Manko dieses Abends ab: Die Tontechniker hatten es mit der Lautstärke zu gut gemeint. Mangels Balance zwischen Bass und den übrigen Instrumenten ließ die Verständlichkeit des temporeichen Sprechgesangs bisweilen zu wünschen übrig. Ebenso bei Alligatoah, doch seine Fans waren textsicher.

In einem kanariengelben Frack samt passendem Hut mit daran befestigem Vogel – eine Anspielung auf die sprichwörtliche Meise? – eröffnete er den Abend als Hoteldirektor des „Kalliforniah“ und begann mit seiner Erlkönig‑Parodie „Alli‑Alligatoah“. Der volle Saal sang emsig mit. Sein Hotel verfügte über zwei Balkone für Schlagzeug und Keyboard mit Technik. Rechts und links von ihm waren der Klarinettist und Gitarrist positioniert, in gelbe Bademäntel gewandet. In der Mitte turnten er und der die Punchlines mitsingende Liftboy Basti auf einer Drehbühne umher, die sich wahlweise in eine Bar, ein Fitnessstudio oder die schäbige Rückseite des Hotels verwandelte.



Stimmungsvolle Lichteffekte und diverse Requisiten taten ein Übriges – etwa die Mülltonne, aus der Alligatoah inbrünstig sang: „Wenn dir der geröstete Panda nicht schmeckt, lass liegen!“ Beim „Beinebrechen“ war ihm der eifrige Basti mit der Eisenstange behilflich. Musikalisch leistete die Band für den Solisten Maßarbeit und hatte sichtlich Freude am begeisterten Publikum. Natürlich gab’s als Zugabe den Ohrwurm „Willst du“, in dem es nach gemeinsamem Drogenkonsum rote Rosen regnet. Der Märchenerzähler des Rap verabschiedete sich Gitarre spielend und sprach: „Wir sehn uns in der Hölle. Tschüss!“ Ja, es war ein außerordentlich unterhaltsamer Abend.