| 21:17 Uhr

HBK-Studierende lesen aus ihrem prämiertem Comic-Band
Das Paradies ist doch kein Garten Eden

Eine Bildfolge aus „Whatever you want“ von Eric Schwarz. Er erzählt in zwei Zeichenstilen parallel zwei Liebesgeschichten: eine im Film, eine in der Comicrealität, und beide letztlich gewaltsam.
Eine Bildfolge aus „Whatever you want“ von Eric Schwarz. Er erzählt in zwei Zeichenstilen parallel zwei Liebesgeschichten: eine im Film, eine in der Comicrealität, und beide letztlich gewaltsam.
Saarbrücken. Im Saarbrücker KuBa läuft der diesjährige Herbstsalon noch nächste Woche. Finissage im  Kulturzentrum ist am nächsten Sonntag: Studierende der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) lesen aus einem Comicband, für den sie beim Comicsalon Erlangen prämiert wurden.   Von Tobias Kessler
Tobias Kessler

Das Paradies hat seine Tücken: Aus einer auf den ersten Blick idyllischen Berglandschaft fließt eine toxisch wirkende Brühe zu Tal, bei einem scheinbar romantischen Tête-à-Tête spielt ein Messer eine einschneidende Rolle. Und der Hirsch, der auf der Vorderseite dieses Comics liebevoll einen dahinflatternden Schmetterling betrachtet, übersieht sein Schicksal auf der Rückseite des Bandes: einen Jäger.


„Paradies“ heißt der Band, mit dem am Sonntag, 14. Oktober, der diesjährige Herbstsalon im Saarbrücker KuBa, dem Kulturzentrum am Eurobahnhof, zu Ende geht: Studierende der Hochschule der Bildenden Künste Saar lesen ab 18 Uhr aus dem Werk, das am Rande eines Comic-Kurses an der HBK entstand. Der Begriff „Paradies“ war die Vorgabe von Dozent Jonathan Kunz, dem sich die HBKler thematisch und stilistisch auf sehr unterschiedliche Weise genähert haben, was den Band zu einem Vergnügen macht.

Da ist Hanna Gressnichs Geschichte „Hanno“, die mit leichtem (Bleistift-)Strich von einem Elefanten erzählt, der mit seinem Rüssel an einer Blume riecht und über das Glück sinniert. „Ist es das Zugegensein von Schönheit? Oder ist es die Gewissheit, dass das Schöne in dieser Welt existieren darf?“ Zu mehr Philosophie bleibt Hanno keine Zeit, denn er wird verschleppt und landet im Zoo eines Kirchenmannes, der so entzückt ist von diesem Tier, dass er es zu Tode füttert. „Hanno soll niemals hungern.“ Ein Text unterm Grabstein klärt uns auf: Den Elefanten gab es tatsächlich, er lebte von 1514 bis 1516 am Hofe von Papst Leo X. Eine melancholische Geschichte, gezeichnet in bewusst kindlich wirkenden Bildern.



Carl-Angelo Kivu „Traumfänger“ erzählt vom Alltagsleben und der geistigen Flucht zu neuen, anderen Ufern: Jeweils auf der linken Hälfte der Doppelseite geht eine Figur in recht grob skizzierten Bildern den üblichen Dingen des täglichen Lebens nach (Duschen, Schlafen, Essen), mit oft gelangweilter Miene. Aber auf der Seite gegenüber scheinen die Linien zu explodieren und ein wildes, surreales Eigenleben führen. So könnte das Leben auch sein, aber der Alltag ist eben ein scharfes Schwert und selten ein Paradies.

Valérie Minelli sieht das Leben in ihrer wortlosen Geschichte möglicherweise gnädiger: Ihre Figur verlässt das Haus und wandert in einen Birkenwald; Blätter rieseln, ein Sonnenstrahl trifft die Figur, sie schwebt sanft nach oben. Ein neues Leben? Oder doch der Tod? Bei der Lesung könnte man es erfahren.

Ebenfalls ans Herz geht Eric Heits Geschichte über die Freundschaft zweier Jungen, deren Erwartungen an diese Freundschaft nicht ganz dieselben sind – erzählt in flotten, kindlich gezeichnet wirkenden Bildfolgen. Einer der Jungen kommentiert mit getippten Bildunterschriften („Ich träume nicht von Dir“), die thematisch wie graphisch im Kontrast stehen zu den handgeschriebenen Sätzen in den Sprechblasen.

Die Lesung trägt den Titel „First we took Erlangen“: Denn mit „Paradies“ wurden die Studierenden und Dozent Kunz zum renommierten Comicsalon Erlangen eingeladen und dort am 1. Juni mit einem der neun vergebenen „Max und MoritzPreise“ prämiert: für die beste studentische Comic-Publikation. „Tagesspiegel“-Redakteur und Comic-Kenner Lars von Törne attestierte in seiner Laudatio ein „erzählerisch wie zeichnerisch hohes Niveau“. Die HBK nannte er eine „Hochschule, die sich gerade anschickt, eine zunehmend wichtige Rolle in der deutschen Comic-Landschaft zu spielen“.

Lesung: Sonntag, 14. Oktober, KuBa, ab 18 Uhr. Der Eintritt ist frei, „Paradies“ und andere Arbeiten des HBK-Seminars kann man dort durchblättern und auch kaufen.